Leander Sukov

Schreiben.

worüber soll ich schreiben?

Posted on | September 23, 2016 | No Comments

Worüber soll ich schreiben,

wenn nicht über Bäume?
Worüber, wenn nicht über
die wärmenden Feuer.
Worüber soll ich schreiben,
wenn nicht über die Blumen?
Wenn nicht über den sanften
Schlag des Meeres?
Den Strand und wie sanft
die Gräser sich wiegen
im Wind.
Worüber soll ich schreiben,
wenn nicht über die Gehenkten?
Worüber, wenn nicht über
die brennenden Städte.
Worüber soll ich schreiben,
wenn nicht über die Blumen auf Särgen?
Wenn nicht über die Leiber,
geworfen auf den Sand der Strände,
wenn nicht über die unbestellen Äcker?

Laub_im_Stadtpark

Sie!

Posted on | September 15, 2016 | No Comments

Sprechen Sie. Nicht.
Schweigen. Stille.
Füllt den Raum.
Nicht. Hören Sie.
Stille. Nicht. Schweigen.
Sprechen. Füllt den Raum.
Nicht. Stille. Nicht.
Schweigen. Hören Sie.

Ja, nee

Posted on | September 8, 2016 | No Comments

Beuys liest 1968 ein Gedicht, das ich im Jahre 2016 schreiben werde

 

Ja, nee, nee, ja.
Nee, ja, ja, ja!
Ja, nee, ja, nee, Ja!
Alda!
Ja, ja, nee!
Nee, nee, nee.
Ja, nee, nee nee!

 

Ich bin auf diesen Diskussionsbeitrag eines Herrn Beuys durch meinen Freund Vladi Krafft​ gestoßen worden, welcher, nicht der Beuys und nicht der Beitrag, sondern der Herr Krafft, aus dem Kölnischen stammt und seines Zeichen ein gebildeter bildender Künstler ist. Herr Beuys hat mit dieser Lesung meines erst Jahrzehnte später erschienen Gedichtes "Ja nee" meinen frühen Ruhm begründet. Schon 1968, ich war gerade 10 Jahre alt, meldeten sich Literaturkritiker bei meiner Mutter, und beglückwünschten sie zu ihrem Sohn, also mir, der in, allerdings kaum nächster zu nennender, Zukunft, um das Jahr 2016 herum ein Gedicht schreiben würde, welches schon jetzt einen Herrn Beuys zu einer einstündigen Lesung des an sich dann kürzer seienden Werkes veranlasst hätte. Meine Mutter war verwundert und hat mir den Sachverhalt bis über ihren Tod hinaus stets verschwiegen, so dass er mir auch jetzt nicht bekannt ist.

Überaus bemerkenswert ist, wie Beuys durch eine dramaturgische Neustrukturierung die Aussagemöglichkeit und innere Kraft meines Gedichtes noch zu verstärken in der Lage ist.

Für Robert Steigerwald

Posted on | September 5, 2016 | No Comments

maxresdefault

Mein Freund Robert erfreut
sich bester Gesundheit
höre nur den Vertreter des
Jugendverbandes
auf dieser Trauergesellschaft

Mein Freund Robert erfreut sich
bester Gesundheit
sind seine Werke
und unvergessen
ist er

der Verstorbene ist
nicht totzukriegen
in seiner dialektischen Weltbetrachtung
liegt die Poesie der Hoffnung
nimm sein Sterben nicht zu schwer
Er ist nicht tot.


https://www.youtube.com/watch?v=muh6z7O8JY0

Die Frau im Zimmer

Posted on | September 5, 2016 | No Comments

640px-Nora_Gomringer2008Die Frau, die nicht Nora-Eugenie Gomringer war, oder jedenfalls wäre es zum Verwundern, wenn es sich bei jener Frau doch Nora-Eugenie Gomringer gehandelt haben würde, und um die es in diesem Satz, den ich, nach langer Zeit, denn ich habe ihn mir bereits viel früher, ja schon an jenem Abend an dem das Ereignis geschah und damit diesen Satz erst möglich machte, gedacht, und ich wollte ihn, wie es oft mit Sätzen solcher Art bei mir ist, zu Papier bringen, was ich jedoch unterließ, weil ich mir sicher war, dass es sich bei der Frau eben nicht um Nora-Eugenie Gomringer handelte, bei jener Frau, die im Jahre 2014, um genau zu sein: im Oktober jenes Jahres, in dem Atelierzimmer des Künstlerhauses Eckernförde stand, welches mir die dortige Leitung für die Zeit meines spendierten Aufenthalts zugedacht hatte und in welches sie, die Frau, die nicht Nora-Eugenie Gomringer war, durch die offene Ateliertür ohne weitere Umstände einzutreten nicht gezögert hatte, sodann in der Mitte des Raumes verharrte, fast gänzlich regungslos und stumm und erst nach einigen Minuten solchartigen Stillestehens und Innehaltens mir mitteilte, sie wolle sich den Ort, womit sie das Haus meinte, just einmal ansehen, da sie selbst plane, dort um ein Stipendium nachzusuchen und ob ich nicht einige Teelichte hätte, denn sie wäre am stadtnahen Strand verabredet und es wäre schön, wenn das Rendezvous mit den kleinen Kerzen illuminiert werden könnte, was jedoch voraussetzte, dass sie in der Lage wäre, die Kerzchen zu erlangen, und sie sah mich dabei an, auf eine sehr entfernte Art, als wäre sie nur Zaungast ihres Besuchs bei mir und freute sich sodann, dass ich ihrer Bitte entsprechen konnte und ich entsprach dem Ersuchen aus Gründen der Romantik gern, wie ich ihr auch versicherte. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Frau nicht Nora-Eugenie Gomringer war, auch wenn meine Ateliersnachbarin Antje Seeger, die den Flur passierend die Frau in meinem Zimmer stehen sah, dies behauptet. Denn die Frau in meinem Zimmer trug nicht einen einzigen Vers vor.

Foto: Nora Gomringer,
Lizenz:
Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license.

Als ich mit Melanie schlief

Posted on | September 5, 2016 | No Comments

869px-Melanie_Safka_1972In der Nacht, als ich mit Melanie schlief
war ich allein in meinem Zimmer.
Von nebenan die Spätnachrichten.
Vor dem Fenster die Pappeln.
Wiegen sich im Wind.
Mein Glied träumte sich
in weit entfernte Frau.
Melanie hielt mich warm im Arm.
Ich roch ihre Haut.
Sie sang das Lied
von den schönen Menschen
wie tausend Nachtigallen
in die Unbegrenztheit
meiner Phantasie.
Träumbar sie,
die brüchtige Stimme auch,
die tröstenden Küsse,
der Geruch ihrer Haare,
der ganze weiche Trost.
Hätte ich so träumen können
von Janis Joplin,
ich müsste mich nicht
sehnen nach der Unerreichbaren.

https://www.youtube.com/watch?v=Cqg3kcwAgso

Unser Hof

Posted on | Juli 30, 2016 | No Comments

Das Feld des Leids ist tausend Tagwerk groß.
Doch in den Scheuern Saat nur für einen Morgen Trost.
Die Herden des Glücks verenden auf verdorrten Weiden.
Wir haben die schreienden Kälber nicht auf die saftigen Wiesen gelassen.
Der Gestank der verwesenden Leiber dringt in die Höfe.
Unsere Äcker sind gepflügt.
Wir düngen mit Knochenmehl
und pflanzen Schierling.

Moondog

Posted on | Juli 18, 2016 | 2 Comments

521px-Moondog_kopf

Auf dem Mond singt ein Hund
Lieder von der fernen Welt
Er blickt nicht zu den Sternen
von denen er gefallen ist

Mit verschlossenen Augen
blickt er auf Alles
Seine Gesänge sind
wie das Rauschen der Blätter
und das Gurgeln der Bäche
wie der Lärm der Straßen
und das Tosen der Wellen
wie der Sturm auf den Höhen
und das Gewitter über dem Tal
ohne Schwelle
betreten sie unsere Seele
und sind uns bekannt

Zukunftsgedicht

Posted on | Juli 13, 2016 | 1 Comment

 

Die Zäune sind auf Dreck gewachsen.
Berge im frühen Tränengasnebel.
Die Wanderer halten inne unter Schlagstöcken.
Aus Deutschland kommt eine Meisterin.
Sie kennt sich aus mit Stacheldrähten.
In den Wäldern fahnden Trupps nach Elendsgestalten.
In den Parlamentsgärten blühen blaue Narzissen.
Die Identität ist ein silberner Totenkopf.
Durch Tagträume marschieren Schaftstiefelträger.
An Bushaltestellen wird der Badenweiler gepfiffen.

Sisyphos

Posted on | Juli 11, 2016 | 1 Comment

 

WasserwerferWie schön wir waren in den Straßenschlachten.
Wie wir uns hielten im Wasserwerferstrahl.
Wie wir in Tränengasschwaden lachten.
Wie der große Traum unsere Herzen stahl.

Wie sicher wir waren, dass wir Geschichte machten.
Der Putsch in Chile war uns Seelenqual.
Wie nah wir uns trotzdem den Morgen dachten
und den Sturz des tönernen Baal‘.

Aus Samt die Versprechen, damit sie nicht brachen.
Und opulent jedes nostalgische Mahl,
an den Siegestagen über gestrige Drachen.
Wie stark wir waren, wie groß unsre Zahl.

Seither sind viele Schlachten verloren.
Doch in jedem Morgen wird Hoffnung geboren.

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