Ist besser, verdorben auch zu sein …

by | Jan 9, 2022 | Bücher | 0 comments

Einundzwanzig Shakespeare-Sonette in meiner Nachdichtung. Mir kam es darauf an, den Sound, also den Klang und die Färbung, der Gedichte zu erhalten. Die Jambenzahl musste ich deshalb eins ums andere Mal fahren lassen. Sprache klingt unterschiedlich, um zu einer Angleichung zu kommen, darf man das Korsett nicht zu eng machen.

Ich habe viel korrespondiert während der Zeit der Nachdichtung. Viel war unklar. Im berühmten Schattengedicht (Sonett 53) heißt es

What is your substance, whereof are you made,
That millions of strange shadows on you tend?
Since every one hath, every one, one shade,
And you but one, can every shadow lend.
Describe Adonis, and the counterfeit
Is poorly imitated after you;
On Helen’s cheek all art of beauty set,
And you in Grecian tires are painted new:
Speak of the spring, and foison of the year,
The one doth shadow of your beauty show,
The other as your bounty doth appear;
And you in every blessed shape we know.
In all external grace you have some part,
But you like none, none you, for constant heart.

Was aber ist der Schatten, von dem William Shakespeare schreibt? In Cambridge wurde ich dann fündig. Shadow war wohl ein Ausdruck der Bühnensprache der Renaissance und bezeichnete Charaktäre auf der Bühne. Und so lautet Sonett 53 bei mir:

Was ist nur die Substanz, woraus bist Du gemacht,
so dass Millionen fremder Schatten von Dir fallen?
Es ist für jeden Einen, ein Schatten nur gedacht.
Und bist einer, doch Du nimmst Schatten Dir von allen.

Beschreib Adonis und die Fälschung ist,
nichts anderes als ärmlich Dir nur nachempfunden.
Malt einer Helena, mit aller Kunst, derer er mächtig ist,
es ist ihm nur ein neues Bild von Dir gelungen.

Sprich vom Frühling und von der Erntezeit,
Es ist der eine Deines Liebreiz Schatten,
die andere, sie kommt herbei als Deine Herrlichkeit.
Und Du – Du bist in allem Schönen, das wir je hatten.

In aller äußren Herrlichkeit bist Du zu finden,
und unvergleichbar doch: Dein Herz, es kann sich binden.

Dankbar, zutiefst dankbar, bin ich Rictor Norton, dessen kurzes, aber sehr aufschlussreiches und gut begründete Essay ich dem Band beifügen durfte. Rictor Norton und ich sind uns einig darin, dass Shakespeare vermutlich vom Heteronormativen abwich. Wie? Nun das wissen wir nicht. Ich glaube immer wieder einen sadomasochistischen Bisexuellen in seinem Werk zu entdecken, andere sehen ihn als Homosexuellen und wiederum andere halten seine Hinwendung zu Männern für eine zeittypische Floskelei.

Im Moment nur antiquarisch. Der Verlag arbeitet an einer Neuauflage.

Mit Zeichnungen von “Dornenkind”

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