Leander Sukov

Schreiben.

Schleift die Festung Europa!

Posted on | November 10, 2013 | 3 Comments

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

[Unterzeichnen auf Change.org. Klick. Klick.]

Der u.a. von André Heller, Robert Stadlober, Robert Menasse, Max Prosa, Carmen Maja Antoni, Christa Schuenke und natürlich auch von mir unterzeichnete Aufruf für eine neue, humane Flüchtlingspolitik hat in den letzten drei Wochen fast 25.000 Unterstützer finden können. Unter der Webadresse http://www.change.org/de/Petitionen/schleift-die-festung-europa haben viele Menschen aus Deutschland ihre Übereinstimmung mit den Zielen der Erstunterzeichner bekundet. Der Aufruf läuft so lange weiter, bis sich die Europäische Gemeinschaft bereit findet, Regularien zu schaffen, die eine legale Flucht nach Europa möglich macht und das abstruse und sinnlose Dublin-II-Protokoll für obsolet erklärt wird.

Read more

BILD: Pickelhaubenkanzlerin

Posted on | Juli 7, 2015 | 1 Comment

11693942_1600160076913438_7016403640154484365_nNicht nur die Schwalben fliegen hoch unter der brennenden Sonne, heute, am siebten Juli 2015, zweihundertundvier Jahre nach der Niederlage Frankreichs gegen die Truppen Preußens und seiner Verbündeten, nein, auch das deutsche Wesen schraubt sich in den Himmel. Dieses kalte, böse Federvieh, von dem nicht nur die Demokraten hofften, es möge kein Phönix sein. Doch aus der Asche der großdeutschen Herrlichkeit, aus dem Brandrückstand, der Bismarck’schen Politik erhebt sich der Vogel nun wider Einsicht, Vernunft und Anstand.
Die BILD-Zeitung, von der die ÄRZTE richtig singen, sie bestünde aus  Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht, titelt mit der Eisernen Kanzlerin. Einer Merkel mit Pickelhaube.
Das also will der ungebildete, aber oftmals durchaus mit akademischen Meriten ausgestattete Teil der völkischen Rechten und nationalen Konservativen, der Gabriel-SPD, die einschwenken soll auf PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands) und andere Vergangenheitsgespenster, jedenfalls wenn es nach Gabriel, dem Vorsitzenden der SPD, ginge. Da kommt die titelbildende Pickelhaubenkanzlerin schon recht.
Seit Jahren, seit Beginn der sogenannten Griechenlandkrise, die eigentlich eine europäische Krise ist, wird gelogen und betrogen. Die Elite der Europäischen Gemeinschaft und ihrer Hegemonialstaaten befindet sich in der Tat im Krieg. Da sind zum einen die rechtsradikalen Chauvinisten, wie der Front National in Frankreich oder die AfD in  Deutschland. Da sind aber auch jene Bürger Europas, die sich die neoliberale Sparpolitik nicht mehr gefallen lassen wollen. Es gibt sie in Deutschland und in Spanien, in Portugal und, nunmehr als Regierungspartei in Griechenland. Sie wollen ein anderes Europa. Eines mit humanistischen Werten und Solidarität. Und in der Tat wird offenbar, dass die gegenwärtige Verfasstheit Europas inhumane Resultate zeitigt und entsolidarisierend wirkt.
Man hat den Bürgern hier erklärt, die Griechen erhöben nicht genügend Steuern von ihren Reichen, den Reedern zum Beispiel, aber nicht mitgeteilt, dass die Steuergesetzgebung der deutschen in diesem Falle gleicht. Und Deutschland ist nur ein Beispiel. Würde man die sogenannte Tonnage-Steuer in Griechenland aufheben, zögen die Reeder ein paar Länder weiter. Nach Spanien oder nach Deutschland (zum Beispiel).
Beispiele wie dieses lassen sich für jeden Bereich finden, in denen die EU und die Weltbank von Griechenland Einnahmenerhöhung oder Kostenminimierung fordern.
So beschwert sich der IWF darüber, dass die Militärausgabe zu hoch sind, während zugleich die NATO darauf besteht, dass der Verteidigungsetat nicht angetastet wird. Die Akteure sind im Wesentlichen die gleichen.
Nun also Angela Merkel als Bismarck auf dem Titel der BILD. Die eiserne Kanzlerin. Zugleich verschicken der EU-Parlamentspräsident und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eine Emser Depesche nach der anderen nach Athen. Man will Reaktionen provozieren. Man will den Knall, die Explosion, man will die unbotmäßigen Griechen einnorden und gefügig machen. Nur darum geht es. Um den Putsch in Griechenland, die Intervention von außen und den Rücktritt der linken Regierung. Das ist eine Politik – in der Tat – wie von Bismarck. Wäre es nicht so abstrus, man könnte meinen, die militärische Intervention als Ultima Ration würde bei manchen schon mitgedacht. Aber abstrus wären mir auch vor 5 Monaten die Handlungen der EU-Gremien erschienen. Es scheint mir sinnvoll nichts mehr auszuschließen.
Nach dem Memorandum, gegen das zu wettern kein noch so dummes Argument ausgelassen wurde, steht die griechische Regierung gestärkt da. Sechzig Prozent der Wahlberechtigten stimmten ab und davon sechzig Prozent wiederum für den Vorschlag der Regierung. Diese Stärkung ist es, die zwar die Idee eines Putsches durch das Militär mit Rückendeckung der EU-Gremium weiterhin abstrus erscheinen lässt, aber nicht völlig verstiegen.
Griechenland ist das Opfer eine völlig verfehlten Vereinheitlichungspolitik des Wirtschaftsraumes Europa. Aber Vereinheitlichung war nie gewollt. Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien hatten niemals ein Interesse daran, ihre, für die anderen Mitgliedsstaaten und auch untereinander ruinöse Außenwirtschaftspolitik, also ihr nationales Interesse einem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Das Lohndumping in Deutschland hat dazu geführt, dass dem Wirtschaftsraum Europa in erheblichem Maße Schaden zugefügt werden. Wir haben die anderen vom Markt geputzt. Zugleich aber wird das vereinte Europa als Ideal gezeichnet.
Was man braucht in Europa ist eine Vereinheitlichung des Fiskalsystems, gleiche Steuern für alle international wirkenden Steuererhebungen, zum Beispiel für Reedereien. Wir brauchen einen Länderfinanzausgleich, der zur Strukturangleichung führt, ein weitgehend gleiches Sozialsystem, das für alle Europäer überall zugänglich ist, nach einer Übergangszeit für bestimmte Länder, bei denen sonst entweder industrielle Einbrüche oder Preisexplosionen zu erwarten sind, einheitliche und hohe Mindestlöhne, ein Flächenstrukturprogramm für ländliche Räume und das Verdorren der Infrastruktur dort zu unterbinden. Für Griechenland brauchen wir sofort einen Schuldenschnitt, wie für Deutschland in den fünfziger Jahren, wir brauchen gezielte Investitionsförderung in die Bereiche medizinische Versorgung, Schulen und Universitäten, Renten und Pensionen, Landwirtschaft und Klein- und mittelständische Betriebe.
Mit medialer Aufrüstung, wie durch die BILD, mit der Übernahme großdeutscher Gedankengänge in die deutsche Europapolitik gefährdet man Europa.
Und man muss im Klaren darüber sein, dass ein wieder zersplittertes Europa eine innereuropäische Kriegsgefahr mit sich bringt. Wenn der imperialistische Block Europa durch die imperialen Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien ersetzt würde – die Welt würde unsicherer.

Schöne kleine Stadt

Posted on | Juli 3, 2015 | No Comments

9783943977639Dieser Tage erscheint neu die kleine Novelle “Schöne kleine Stadt”. Eine Novelle über Ochsenfurt, das in der Tat und man braucht keine Fünfe grade sein zu lassen, nichts unter den Teppich zu kehren und kein Auge zuzudrücken eine schöne kleine Stadt ist. Eine alte noch dazu. Und in ihr leben viele gute Menschen. Und das “gute” meint gut in allerlei Hinsicht. Nehmen S’ es im üblichen Sprachgebraucht, als religiöse Wendung oder philosophische Aussage. Das gut bleibt gut. Nehmen S’ also auf jeden Fall wörtlich.

Der Verlag schreibt auf seiner Website dazu das Nachfolgende. Vorher aber möchte ich Sie alle recht herzlich zur Buchvorstellung in der KEMENATE, dem Literaturhaus in Ochsenfurt, einladen. Sie findet am 9. Juli 2015 ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, man steht aber nicht an, Sie um Spenden anzugehen. Seien Sie gewappnet.

Eine kurze Zeitreise durch eine schöne kleine Stadt. Durch alte Gassen und entlang historischer Stätten.
Eine Reise gemeinsam mit den Gespenstern der europäischen Geschichte, ihren Heldinnen und Helden.
Eine Novelle, die die Verbundenheit des Schrift stellers Leander Sukov zu seiner Wahlheimat zeigt.
Ich geh die Gasse zum Spital. Ein schöner Hof, rot-weiß die Blumen am Balkon. Die alte schöne schlichte Kirche. Hier hat man sich um die gekümmert, die Hilfe brauchten. Die Reisenden, die Kranken dann, die Armen und die Alten, hier fanden sie Barmherzigkeit. Und vorher schon die Faselnden, die aus der Wirklichkeit verrückten; Volksküche war das Haus und Frauengefängnis, Kinderbewahranstalt und Schule. Die armen Schulschwestern halfen hier den Menschen einhundertdreißig Jahre lang.
Da kommen sie aus Goßmannsdorf und aus den andren Dörfern, um sich mir zu zeigen. Die Toten und die Geißler, die Ärzte mit den Aderlass-Bestecken, mit Vogelmasken, und alle beten. Doch keiner liest, was anderswo doch schon bekannt und auch schon in Latein zu wissen wäre: dass nicht die schlecht Luft die Krankheit bringt, denn es ist die Konstellation von Mars, Jupiter und Saturn, die Schuld trägt an der Seuche. Das hat die medizinische Fakultät der Universität zu Paris herausgefunden. Gelehrte Männer allesamt, die dort geforscht haben im Auftrag Philipp des VI. Miasmen, faulig riechende Winde, aus dem Inneren der Erde, glauben die da in den Vogelmasken, bringen die schwarzen Geschwüre, den schwarzen Tod, und dabei sind’s die Sterne.
Englische Broschur, 10 x 16 cm — 128 Seiten

Wirtschaftsflüchtlinge

Posted on | Juni 20, 2015 | No Comments

Zwanzig Menschen in einem Container.
Es stinkt, das Wasser ist knapp,
Es ist dunkel, die Hitze kaum zu ertragen.
Jemand öffnet die Tür.
Sie hören das Durchladen der Waffen.
Dann Schüsse. Wortlos.
Die meisten sind tot.

Er lebt in einem Zweibettzimmer.
Man gibt ihm Essensgeld und Kleidung.
Kein Achtzehn ist er.
Er hat sich hinter den Leichen versteckt
bis zur Nacht.
Er hat in fremdem Blut gelegen stundenlang.
Danach fragt hier keiner.
Das ist nicht von Belang.
Sein Albtraum ist sein Albtraum.
Teilen kann er ihn nicht.
Psychologische Betreuung — Fehlanzeige.

Wenn er achtzehn ist, in ein paar Wochen
wird man ihn und seinen Albtraum
einen Ort weiter schicken.
In ein Vierbettzimmer. Zu den anderen Albträumen.
Die auch keinen interessieren.
Zu denen, die man wochenlang zusammenschlug.
Zu denen, die sahen, wie man ihre kleinen Schwestern vergewaltigte.
Zu denen, deren Mütter erschossen wurden
und deren Väter man auf dem Dorfplatz aufhängte.
Zu denen, mit der verbrannten Haut,
zu denen, mit den verlorenen Träumen.
Zu den anderen Wirtschaftsflüchtlingen,
also zu denen, die vor dem Ergebnis unseres Wirtschaftens flüchten.
Zu uns.

Kleine Boote

Posted on | Juni 20, 2015 | No Comments

Timi isst Eis.
Unterm Himmel Wolken so weiß
wie die Sahne auf Timis Becher.
Das Rathaus ist alt, und alt ist die Stadt.
Kein Wind zieht über die Dächer.

Lucky trinkt Tee.
Damals über der See
Warf sich ein Sturm auf die Boote.
Die Boote so klein, der Hunger so groß.
Kein Wasser und keine Brote.

Wieviel Schritte geht einer der geht
von Abouja zu Fuß an die Küste.
Drüben Europa. Die Mutter weiß nichts.
Sie ließ‘ sie nicht gehn, wenn sies wüsste.

Über das Meer. Das Boot ist so klein.
Man sieht es nicht zwischen den Wellen.
Tief in Wellentäler taucht es hinein.
Kein Licht um die Nacht zu erhellen.

Timi isst Eis.
Lucky trinkt Tee.
Unterm Blau die Wolken so weiß,
Wie die Sahne auf Timis Becher.
Kein Hauch geht über die Dächer.

Busfahrt von Jerusalem nach Tel Aviv

Posted on | Juni 17, 2015 | No Comments

Der orthodoxe Jude, so jung wie ich, schwarz gekleidet, selbstverständlich, huttragend, bärtig, langhaarig und ich verständigten uns in Deutsch und Jiddisch. Wir hatten uns, merkwürdig das, als Fahrgäste auf dem Busbahnhof in Jerusalem angetroffen und blieben für eine Station die einzigen Reisenden. Dann füllte es sich. Wir unterhielten uns weiter. Er hatte Verwandte in Russland und den USA. Von Deutschen wusste er nichts zu berichten. Er stieg eine Station vor Tel Aviv aus. Mich lenkten meine Schritte wieder in das Hotel am Strand. Dort entbreitete sich der Tag in Jerusalem in mir. Ich lag auf dem Bett. Die See schlug an den Strand. Menschen lachten draußen.

Bergsee

Posted on | Juni 3, 2015 | 1 Comment

Am Bergsee sitzt sie manchmal. Du kommst dazu von Zeit zu Zeit. Setzt Dich neben sie auf die Bank. Unterbrichst Deine Wanderung hinauf zum Joch. Und Sie streicht ihren Kittel glatt. Und dann sagt sie, was sie immer sagt. Und erinnert Dich mit dem Satz, "Früher, daran erinnere ich mich gern, bin ich um den See gelaufen. Oft. Nicht jeden Tag natürlich, dazu war zu viel Arbeit. Jeden Tag konnt‘ ich nicht. Aber Sonntags, nach der Kirch‘, da bin ich immer einmal um den See. Sommers, wie Winters. Waren ja auch nicht im Urlaub. Mein Mann und ich, die ersten Jahre, die erste Zeit. Das war in den Fünfzigern. Da sah es hier aus. Mein Gott! Strom hatten wir keinen und kein fließend Wasser. Die unten im Dorf schon. Da hingen die Leitungen für den Strom über die Straßen. Von Haus zu Haus. Wie Spinnenwegen hat mein Mann immer gesagt. Aber hier oben, auf halben Weg zum Einstieg, wir net. Wir haben bei Petroleumlicht gesessen auf Nacht. Und hatten eine Pumpe in der Küche. Richtig an der Wand eine Pumpe. Auto hatten wir keines damals. Hatten wir erst so um dreiundsechzig, vierundsechzig. Einen Puch. So einen kleinen. Einen 700. Sind wir bis nach Bozen mit gefahren. Über die Alpen. Hat der alles mitgemacht. Und Anfang der Siebziger, oder wars doch schon neunundsechzig, da haben wir Strom bekommen und ein paar Jahre später hat mein Mann ein kleines Pumpwerk neben dem Haus errichtet fürs Wasser. Da war der Hof noch halb so groß. Personal hatten wir eine Magd und einen Knecht. Nicht wie heut‘. Einen Traktor hatten wir. Gebraucht gekauft. Musste alle naselang repariert werden. Und dann der Preisverfall und die Subventionen weniger auch. Wollten wir schon aufgeben. War ja nur ein kleiner Hof. Aber mein Mann und ich haben uns dann doch nicht durchringen können. Die Rente ist zu niedrig um aufzuhören und verkaufen — keiner will’s. Zu beschwerlich hier oben. Und zu klein für Touristen das Haus, aber unter Denkmalsschutz. Da muss man immer weiter machen.", daran, dass Du Dir einen See suchen solltest in den nächsten paar Jahren, einen an dem Du sitzen kannst und erzählen, wie es war in den Achtzigern und Neunzigern. Später, wenn die Stunde auf der Bank ist, wie die Pause in einem Theaterstück, in dem Du alle Rollen spielst unter einem schlechten Regisseur.

Sonett an des Rambuzier

Posted on | Juni 2, 2015 | No Comments

Oh, Rambuzier, Du teures Fleutchen,
wie schön, ists ja im Juni nun,
zu ramseln wo die bleuen Zeuchtchen
des nachts bei Tag laut raffelnd ruhn.

Oh, Rambuzier, Du bist so solttig,
mit Deinem grahlen Prutz,
Das Aug es glänzt so sternig-roltig,
auf Deiner harten, jeelen Mutz.

Ach, Rambuzier, komm lass uns planken.
Der alte Jäger bläst zur Knacht.
Du bist der edelste der Wanken.
In deiner barzilen’schen Pracht.

So treff ich, Rambuzier, einmal im Jahre,
Dich an der schlumpschen Rumbalahre.

Aber die Soldaten

Posted on | Mai 11, 2015 | 1 Comment

Und Tausendschön schnitt Rapunzel das Haar.
Und Rosenrot malte Schneeweißchen Pockennarben auf die Haut.
Und Gänseliesel verhüllte Sterntaler in einem alten Mantel.
Und Schneewitchen verbarg das Rotkäppchen in einem Sarg.
Aber die Soldaten …
Fern aller Märchen.
Schwer die Leiber.
Hart die Schläge.
Da hast Du, sagen die Soldaten.
Und Dörnröschen schläft ewig.
Und Rosenrot läuft das Blut die Schenkel hinab.
Und Rotkäppchen spricht nicht mehr.
Und Sterntaler schlägt den Kopf an die Wand.
Und Gänseliesels Beine brechen unter den Soldaten.
Und Tausendschön schneiden sie die Lippen ab.

Seid romantisch

Posted on | Mai 11, 2015 | No Comments

Seid romantisch wie noch nie, Kollegen.
Schreibt über Vöglein, die am Morgen
vor den Clubs schon singen,
während ihr, verliebt bis unters Hemd
aus Bangladesch und vollgesogen
mit Schnaps, Bier und andren Drogen
den Club im ersten Tageslicht betretet
auf der Suche nach dem Geliebten, der Geliebten,
für ein paar Tage, Nächte,
den Trennungsschmerz, ein übles Gutes,
das Euch beflügelt beim herzblutenden Dichten,
nehmt vorweg.
Schreibt über Mütter auch. Und bildet da
semantisch, orthografisch, irre,
Kombinationen: Mutterschmerz, Mutterliebe,
Muttersprache, Mutters Asche, Mutters Kohle, Mutters Kohlrouladen.
Tut gleiches Euren Vätern an.
Nehmt das Blatt nicht vor den Mund.
Legt es in den Drucker.
Suhlt Euch in Erinnerung und Herzschmerz.
Klagt das Schicksal an und die Schicksen,
Gebt zu, in den Puff zu gehen, gebt zu, Callboys bezahlt zu haben,
leidet damit den Leser voll.
Schreibt nicht, es hätte Euch befriedigt,
Schreibt, wie sehr ihr Euch erniedrigt habt mit der Inanspruchnahme
der Dienstleistung. Lügt Euch in die Tasche.
Hauptsache aber: Leidet. Privat. Persönlich. Familiär.
Kommt einer mit einem Gedicht über Flüchtlinge,
über Bangladesch, über Prostitution aus Not,
über Mindestlohn und Clubs,
so sagt: Das schießt ja den Vogel ab,
diese Betroffenheitslyrik.

Zu den Protesten zur Preisverleihung des PEN-Preises an Charlie Hebdo

Posted on | April 30, 2015 | No Comments

jesuischarlie_weisse_schrift>>Der frühere PEN-Präsident und Bestsellerautor Salman Rushdie kritisierte die Bedenken der Schriftsteller als "entsetzlich falsch". "Wenn PEN als Organisation der Meinungsfreiheit nicht die Menschen verteidigen und feiern kann, die dafür getötet worden sind, Bilder zu zeichnen, dann ist die Organisation ihren Namen nicht wert."<< (SPON von heute)
Rushdie hat Recht. Wer an dieser Stelle eine Diskussion aufmacht, die sich fragt, ob die Karikaturen, die Charlie Hebdo veröffentlicht hat in das eigene Wertesystem gehören, von ihm getragen werden oder nicht, begeht einen Frevel an der Freiheit von Kunst und Wort. Es stellt sich nicht die Frage, ob man Kritik an den Karikaturen anzumelden hat oder nicht. Es geht um die blutige, bösartige und nicht hinzunehmende Reaktion auf die Zeitung durch die Mörder. Die Solidarität mit ihr und damit die Preisverleihung ist nicht Ausdruck von antiislamischer Schmähung, sondern Ausdruck der Abscheu vor dem Mord, der ja nichts anderes war, als die zur Tat gewordene Behauptung, jemand hätte das Recht, seine Religion durch Gewalt und Mord zu schützen. Wer jetzt nicht nach den Tätern und ihrem Angriff auf Meinungs- und Pressefreiheit fragt, sondern nach den Opfern und ihrer Art von Journalismus, macht das bleierne Gewicht der Tat leichter.
Die Behauptung, die "französische Nation" wäre kulturell arrogant und hätte, denn anderes kann das nicht bedeuten, die Morde durch diese Arroganz und die vor der Benachteilung vieler Einwanderer verschlossenen Augen selbst hervorgebracht ist in sich schon deshalb eine chauvinistische Behauptung, weil sie ein ganzes Volk als vermeintliche Einheit schmäht. Ich schäme mich für diesen Unsinn, den Peter Carey per Mail an die NYT geschrieben hat. Ich schäme mich für meinen Kollegen angesichts der toten Journalisten, angesichts ihrer Angehörigen und angesichts der Aufgaben des internationalen PEN und seiner nationalen Zentren.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/charlie-hebdo-carey-ondaatje-cole-selasi-gegen-pen-award-a-1031045.html

keep looking »
  • Das Blog wird archiviert von
    Autorenhomepages
    Ein Projekt des Innsbrucker Zeitungsarchives
    Link

    Ich bei Facebook
    Bitte folgen ...
    Twittlink diese Seite
  • Literaturtermine

    Loading...
  • Der 11. September



  • Sie schreiben viel? Papyrus Autor ist das Schreibprogramm für Vielschreiber.
  • Wikio

    http://www.wikio.de
  • Saiten & Seiten

  • Login



    7 + 4 =


    Lost your password?