Leander Sukov

Schreiben.

Schleift die Festung Europa!

Posted on | November 10, 2013 | 3 Comments

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

[Unterzeichnen auf Change.org. Klick. Klick.]

Der u.a. von André Heller, Robert Stadlober, Robert Menasse, Max Prosa, Carmen Maja Antoni, Christa Schuenke und natürlich auch von mir unterzeichnete Aufruf für eine neue, humane Flüchtlingspolitik hat in den letzten drei Wochen fast 25.000 Unterstützer finden können. Unter der Webadresse http://www.change.org/de/Petitionen/schleift-die-festung-europa haben viele Menschen aus Deutschland ihre Übereinstimmung mit den Zielen der Erstunterzeichner bekundet. Der Aufruf läuft so lange weiter, bis sich die Europäische Gemeinschaft bereit findet, Regularien zu schaffen, die eine legale Flucht nach Europa möglich macht und das abstruse und sinnlose Dublin-II-Protokoll für obsolet erklärt wird.

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Altmann (erstes unlektoriertes und unkorrigiertes Typoscript)

Posted on | Oktober 1, 2014 | No Comments

Eckerfördener Texte I

Altmann verlor die Beziehung zur Gegenwart als der Zug den Bahnhof Hamburg-Harburg verließ. Der Verlust geschah plötzlich und völlig unvorhergesehen. Er kündigte sich nicht an, es fiel nichts vor, das Altmann hätte als sonderliche Begleitung der Sache interpretieren können, Blitze vor den Augen etwa oder ein Dröhnen in den Ohren, auch lief kein Zittern durch seinen Körper. Altmann ging der Bedeutungen, der Beziehungen zum Gegenwärtigen, dem Wissen und Verstehen um Sachen und ihren Nutzen, ihrer Bedeutung auch, verlustig, als hätte es gar keinen Verlust gegeben, als wären die Fragen, die sich nun aufwarfen, auftürmten, aufbergten Fragen ganz allgemeiner, üblicher Art, als wären sie, zumindest von ihm, schon immer gefragt worden und als stünden zwar noch die Antworten aus, jedoch waren die Fragen auch derart, dass er, Altmann, annahm mit den Antworten sei irgendwann, eher früher als später, zu rechnen.
Und dennoch wusste Altmann: Es war anders. Er wusste es, weil er spüren konnte, dass sich sonst niemand die Fragen stellte, die sich nun, kurz hinter Hamburg-Harburg, zwangsweise, zwangshandelnd mag man sagen, ihm aufdrängten wie Teppichverkäufer. Weshalb gab es diese merkwürdigen Fahrzeuge, von denen er die Mechanik, aber nicht den Sinn kannte? Weshalb befand er sich in diesem Zug und warum waren die Abteile derart gestaltet, wie sie gestaltet waren? Was wollte er auf der Konferenz in der Hansestadt? Warum war es sein Bestreben Windkraftanlangen zu verkaufen? Aus welchem Grunde hatte er ein Zuhause in Darmstadt und wieso befanden sich in diesem Zuhause, ja was war das überhaupt ein Zuhause, eine Heimat, ein Ort, Fleck, Lebensmittelpunkt, eine Frau und ein Kind? Zu welchem Zweck heiratete man, wozu zeugte man Leben? Von allen Dingen, von allen Akten kannte er den Ablauf, die Mechanismen, das zum Ingenieurswesen Gehörende und so weiter. Er wusste, wie Windkrafträder funktionierten, aber nicht, warum es sie gab. Er wusste alles Notwendige über Verbrennungsmotoren, aber nicht den Grund ihrer Existenz. Weshalb waren sie erfunden worden. Was hatte Carl Benz und Otto Daimler bewogen, die innovative Leistung zu erbringen, Benzinmotoren und Kraftfahrzeuge zu entwickeln? Was die Gebrüder Wright von der Erde abzuheben? Wo lag der Antrieb für James Watt die Dampfmaschine zu verbessern? Wo war der Sinn ihrer Innovation? Weshalb hatte die Gesellschaft, und warum überhaupt gab sie, die Gesellschaft, die Institution Ehe geschaffen? Warum besaß er, Altmann, ein Kraftfahrzeug, aus welchem Grund hatten die Frau in dem Zuhause und er geheiratet? Gab es einen Grund für das Kind, also für die Erschaffung von Leben in einer absichtlichen Handlung und nicht als zufälliges Ergebnis von Lustbefriedigung — er konnte sich nicht besinnen. Sie hatten die Zeugung geplant. Aber wieso? Es kam ihm alles fremd an.
Altmann blickte aus dem Fenster. Der Zug fuhr jetzt am Hafen vorbei. Er stand auf, nahm seinen Laptopkoffer von der Gepäckablage und stellte ihn neben sich. Hunderte Male schon hatte er kurz vor dem Einlaufen von Zügen in Bahnhöfe, die Altmanns Ziele gewesen waren, sein Gepäck heruntergenommen und neben sich gestellt, rechtzeitig, um nicht in Eile zu verfallen, wie es manchen geschah, die erst während des schon begonnenen Bremsvorganges ihr Gepäck herunterhangeln. Die Frage aber war: Weshalb besaßen Leute, auch er, einen tragbaren Rechner; zu welchem Zweck gab es überhaupt Rechner? Jahrtausende lang war es ohne Rechner gegangen. Auch ohne Schrift, ohne Algebra, ohne Kleidung. Altmann zog das Jackett aus. Dann die Hose. Die anderen Passagiere sahen schweigend zu, bis er sich auch der Unterhose entledigte. Dann erst protestierten sie gegen die Unbekleidetheit seines Körpers. Altmann aber verstand nicht, was es daran auszusetzen gab keine Kleidung zu tragen. Ein Mitarbeiter des Bahnunternehmens eilte herbei. Hastig, aufgeregt, hilflos. Altmann spürte die Hilflosigkeit des Mannes und folgte um so bereitwilliger den Anweisungen der Aufsichtsperson, um deren Panik und Ratlosigkeit nicht zu vergrößern. Man schob Altmann in ein leeres Abteil. Als der Zug zum Stehen gekommen war, eilten Polizeibeamte herbei. Altmann bemühte sich höflich zu bleiben um die allgemeine Aufgeregtheit nicht anzuheizen. Sich wieder zu bekleiden lehnte er jedoch strikt ab.
Im Krankenhaus führte man die üblichen Eingangsuntersuchungen durch, brachte ihn in die Aufnahmestation, sedierte ihn später, obwohl das nicht nötig war, denn er war ja nicht nervös oder gar von Histerie ergriffen und lies ihn dann schlafen. Als er erwachte, fast 12 Stunden später, war seine Frau bereits an seinem Bett. Auch hatte sie ihm schon eine Unterbringung in einer Klinik in Darmstadt besorgt. Das hatte einige Mühe gekostet, war schließlich jedoch gelungen, weil Altmanns bekannt waren in der Stadt, die Unternehmerfamilie Altmann, in allerhand wohltätiger Vereinen engagiert, oft Teil der wohlwollenden Berichterstattung der regionalen Presse. Das hatte, Frau Altmann wusste um ihren Einfluß, schließlich geholfen in kurzer Zeit eine Lösung zu finden. Die Frau hielt Altmanns Hand. Der aber schwieg lange. Überlegte, ob er die Frage stellen sollte, die ihn angesichts seiner Ehefrau umtrieb, kam dann zu dem Schluß, es könne hilfreich für ihn sein, Antworten zu erhalten und fragte also, laut und akzentuiert wie ein Schauspieler auf einer Bühne, in die Stille des Zimmers hinein: Weshalb haben wir geheiratet?

O’Casey

Posted on | September 30, 2014 | No Comments

180px-SeanOCaseyHouseAuf einer Treppe vor einem Haus in einer Straße sitzt ein Junge. Die Treppe, das Haus, die Straße sind in Dublin. "Ich werde berühmt werden", sagt der Junge. "Ich bin nicht hier", sage ich, "ich lebe noch gar nicht". Der Junge sagt, er wisse das. Es sei indes nicht wichtig. Auch wenn ich gar nicht anwesend sei, so sähe er mich doch als Nebelbild und auch wenn ich noch gar nicht geboren wäre, so sei ich doch, jedenfalls schätze er das, ‘so um die Zwanzig’.
Ich sage ihm, er würde von Pflügen schreiben, von Verrätern und von der Einsamkeit in Liebe, in Stadt, in Land. Und er würde seine Memoiren schreiben. Die würde ich lesen. Den Rest nur sehen. Im Theater.
"Ich werde berühmt werden", wiederholt der Junge.
"Du wirst gerühmt werden", verbessere ich.
Wir sitzen auf einer Treppe vor einem Haus in einer Straße. Es geht auf Abend zu. Der rote Schein der untergehenden Sonne macht den Dreck und die Armut nicht besser. Der rote Schein der untergehenden Sonne verblutet die Treppe, das Haus, die Straße, verblutet ganz Dublin.
"Wann?" fragt der Junge.
"Immer", antworte ich.

Krieg ist kein Unfall

Posted on | September 28, 2014 | No Comments

UNOfficeofHumanitarianCoordinator-Baghdad_(UN_DF-SD-04-02188)Die USA sind offenbar mit Enthusiasmus immer Teil des Problems, für dessen Lösung sie sich dann anbieten. Pispers hat völlig recht: Es ist als wenn der örtlicher Glaser nachts durchs Dorf läuft, die Scheiben einschlägt und am Morgen Flyer mit Sonderangeboten verteilt.
Die Interventionspolitik der USA (und ihrer Verbündeten) im Nahen Osten, aber nicht nur dort, hat zum Zerfall Libyens und Syriens geführt. Die Zahl der Toten des Irakkriegs und der Zeit bis heute, übersteigt die Zahl der in der Diktatur Saddam Husseins Ermordeten um ein Vielfaches. Die USA haben direkt oder indirekt — nämlich durch die Türkei als NATO-Partner — die Al-Nusra-Front mit Waffen versorgt und noch immer werden über die türkischen Grenzen Waffen an die Mörderbanden des "Islamischen Staates" geliefert (der mit dem Islam so viel zu tun hat, wie der Klu-Klux-Klan mit dem Christentum).
Wenn man dieser Situation Herr werden will, muss die UNO eine eigene Eingreiftruppe ohne die USA und jene Staaten schaffen, in der "Koalition der Willigen" versammelt waren und sind. Und die NATO muss eindeutig klarstellen, dass polizeiliche Aktionen der Eingreiftruppe, die gegen ein NATO-Mitglied gerichtet sind, keinen Verteidigungsfall initiieren.
Natürlich wird das nicht geschehen, denn die Ergebnisse der Politik von USA und NATO sind ja nicht Unfälle einer gutwilligen Politik. Die Zerstörung der nationalen Strukturen im Nahen Osten wird mit Absicht herbeigeführt. Allerdings kommen Unfälle auf dem Weg zum Ziel vor. Das Erstarken des IS ist ein solcher Unfall, der Angriff von islamistischen Mordbrennern in Mali war es auch. Diese Unfälle werden, auch wenn sie vorhersehbar sind, wie jener in Mali, in Kauf genommen. Deshalb ist die Forderung nach einer internationalen Eingreiftruppe ohne die USA, ohne Großbritannien, Frankreich, Spanien und Australien politisch nicht durchzusetzen. Jedenfalls jetzt nicht. Aber fordern sollte man gleichwohl, dass ein Gegengewicht zur Destruktionspolitik von USA und NATO geschaffen wird, geschaffen werden muss.

Die Ruhe im Herbst

Posted on | September 27, 2014 | 2 Comments

Krähen fliegen auf.
HipHop leis von fern.
Die Bäume entblättern sich.
Schon Herbst, denkt er.
Dreht sich eine Zigarette.
Sitzt auf dem Grenzstein.
Die Kalaschnikow über die Beine gelegt.
Der Bus nach Donezk fährt langsam vorbei.
Keine Verbindung nach Kiew.
Abgeerntet die Felder.
Der kleine Wald karg.
Die Häuser sehen alle einsam aus.
Eine alte Frau schlurft über die Straße.
Eine Katze legt sich auf das Milchkannengestell.
Er steht auf.
Geht hin und her.
Raucht.
HipHop leis von fern.
Krähen fliegen auf.

Schuppen 45

Posted on | September 26, 2014 | No Comments

Susann traf ich nie
bei den Kais, bei den Kränen,
und Jesus kam aus Chile
und fuhr die großen Stapler,
er ging dann eines Nachts
vom Traum gejagt ins Wasser.

Die Haut im Winter rissig,
verbrannt die Haut im Sommer,
der Teergeruch der Elbe,
Barkassen voll Touristen,
Hafencity, Börsenmakler,  Kaffeeklappen,
Susann steht an der Süderstrasse
und machts auch ohne Gummi,
du siehst ihr das Meth an
und den ganzen Ekel.
Und sie berührt deine göttliche Seele
wenn du kommst, doch tiefer noch
wenn du sie zahlst.

Susann kommt nie zu den Kais,
zu den Kränen.
Doch Jesus aus Chile steigt
nachts aus der Elbe
und steht vor Schuppen 45,
blickt auf die Stadt und wartet
auf Susann. 

Fabelhafter Frieden

Posted on | September 25, 2014 | No Comments

Du, sag mir,
wie schmeckt der Kaffee dir
am Morgen, zum Mittagsmahl,
wie schmeckt der Wein?
Der Friede hier in allen Dingen,
am Himmel keine Bomber,
kein Trupp von Menschenjägern
in den Gassen, kein Platz
auf dem das Blut die Pfützen bildet,
das ist der gute, leichte Regen nur.
Wie schmeckt der Kaffee,
wie der Wein?
Und ruhig in diesem Frieden
lässt sich vom Krieg
wie über Fabeln sprechen.
Nicht weit entfernt
fließt Regen nicht, doch Blut,
das Mittagsmahl ist Henkersmahlzeit,
der Morgen tot und tot der Tag.
Der Krieg dort: nicht abstrakte Größe.
Von grauenhafter Kleinheit ist
das Sterben.

Schämtrehls

Posted on | September 25, 2014 | 2 Comments

"Alda!"
"Watn?"
"Alda!"
"Ja watn, watn los?"
"Da an Himmel"
"Watn? Ich seh nix"
"Ebend!"
"Wie … eben? Wat meinste?"
"Nix zu sehn. Schon seit zehn Minuten nix"
"Was?"
"Nix zu sehn. Schon seit zehn Minuten nix"
"Das hab ich verstanden. Aber wat meinste damit"
"Dat is ein neuer Trick"
"Wasn fürn Trick?"
"Die könn’ unsichtbare Chemtrails machen."
"Du hast doch nicht alle Wolken am Firmament, Alda"
"Doch echt. War erst nen Fluchzeuch. Und nu is da keine Wolke mehr"
"Echt?"
"In echt, Alda. Hat das Fluchzeuch alle wech gemacht."
"Alda"
"Sach ich ja. Die ham jetzt Chemtrails wo die Wolken wechmachen"
"Du meinst blauen Himmel is gefährlich. Wegen Teilchen und Farmerindustrie?"
"Ja, is sowieso alles die Farmerindustrie"
"Die wolln uns alle krank machen"
"Ich glaub ich bin schon krank"
"Det kannste laut sarjen"
"Alda, da geht was ab, Alda"
"Ja, Alda, da geht echt was ab"

Seltene Erden

Posted on | September 19, 2014 | No Comments

Mein Smartphone
Ganz aus Menschenfleisch.
Es hat Kinder in Afrika gefressen
und Arbeiter in China.
Satt liegt es in meiner Hand.
Es kennt die Welt.
Es füttert die Aktionäre
und erhöht den Status.
Es bildet ab und findet den Weg.
In Afrika gibt es viele Dörfer ohne Weg.
Mein Smartphone hat eine Notruftastenkombi.
Millionen haben keine Ärzte.
Mein Smartphone misst die Zeit.
Die Arbeiter in China arbeiten 12 Stunden.

Gewitter im Gebirge

Posted on | September 17, 2014 | No Comments

Hier ist kein Berg. Ich schreib Dir einen.

Siehst Du die dunklen Wolken — es kommt ein schweres Wetter. Durchnässt schon, doch noch vor dem ersten grellen Blitz erreichst Du die Hütte. Und sie haben noch ein Bett für Dich. Aus den nassen Sachen nun. Hüttenschuhe, Trainingshose, den rauen Janker. Jagertee am offenen Feuer. Draußen helle Blitze gegen die graublanke Wand des Bergs, Widerhall des Donner vom Gestein. Und schlafen dann. Der Weg hierher hinauf durchs Joch war lang.

Acht Glasen, zur zweiten Wache weckt Dich der Steuermann. Der Berg verliert sich schnell in den Wellen der kabbeligen See. Getrieben von der frischen Brise gleitet der Katamaran über die unendliche Weite, Du bist der Vorschotmann. Vor Euch schweres Wetter. Schwarz fast der Himmel. Blitze zucken. Tiefes Grollen rollt heran.

Eine Hand fasst Deine Schulter. Dass man nun schlösse, sagt der Wirt, die letzte Tram käme bald. Die Schwärze der Nacht weicht dem Grau des Tages. Die Tram schreit in den Kurven. In den Bäckereien schon Licht. Der Regen nässt Dich auf dem Weg von der Haltestelle zu Deiner Wohnung. Im Vorgarten fliegen Spatzen auf.
Hier ist kein Berg, kein Ozean und auch nicht Wirt und Tram und Spatzen.

Lewitscharoff

Posted on | September 9, 2014 | No Comments

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