Erster September Zweitausendzehn
Posted on | September 1, 2010 | 1 Comment
Kein Rabe kreiset um den Berg,
des Kaisers Barbarossas Zwerg
ist eilend in das Schloß gestürzt.
Er fasst des Kaisers starke Hand.
Oh, Kaiser, jetzt ruft Dich das Land,
die Edlen habens Volks bestürzt.
Die Raben sitzen auf den Bäumen,
jetzt lass uns eilen und nicht säumen,
mit goldnem Waffenrock beschürzt.
Da tritt der Kaiser aus dem Berge
und mit ihm die Armee der Zwerge.
Vom Wuchse klein, doch groß das Herz.
Sie tragen Äxte in den Händen,
des Landes Schicksal nun zu wenden.
Dass Glück nun folge auf den Schmerz.
Vertrauen auf Vertrauenbruch
und guter Schwur auf bösen Fluch.
Die Volksherrschaft aus guten Erz.
Ihr habts versprochen, spricht der Kaiser.
Die Fürsten, laut eins, werden leiser.
Was man verspricht, das soll man halten!
Gebt nun dem Volk das Volkesrecht.
Nicht Herrscher Ihr, und Ihr nicht Knecht!
Und tut Ihrs nicht, so werden walten,
die Zwerge auf den mächt’gen Rössern
und schleifen Eure Fürstenschlösser,
bist’s letzte liegt, gibt es kein Halten.
So träumt der fromme Demokrat.
Doch Träume sind noch keine Tat.
Drum hebt die Äxte selber an,
und ruft: nun drauf und dran.
Wir holen unsre guten Rechte.
Denn Bürger sind wir und nicht Knechte.
August von der Lahe
1848
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Dreistziger August Zweitausendzähn’
Posted on | August 30, 2010 | 2 Comments
Eine Überraschung lag heute in der Post. Philipp Brück muss gestern noch zum Postamt im Hauptbahnhof geeilt sein, um mir ein kleines Büchlein zu schicken. Es ist von August von der Lahe, der mir persönlich bis heute unbekannt war. In einem Begleitbrief schreibt Brück mir, dass es sich bei August von der Lahe „um einen der verkanntesten Lyriker handelt, den die deutsche Spätromantik hervorgebracht hat.“. Damit lässt es Brück bewenden und teilt mir hernach Dinge mit, die seine eigene körperliche Verfasstheit und sein Familienleben betreffen. Brück, dies nur am Rande erwähnt, lebt mit seiner 45 Jahre jüngeren Geliebten und seinem homosexuellen Sohn, der bereits in den späten Fünfzigern ist, in einem ehemaligen Lotsenhaus in Hamburg-Oevelgönne.
Wer also war August von der Lahe? Geboren 1820 in Wandsbek, wuchs er als Sohn eines Schulmeisters auf. Von der Lahe war, zu dieser Zeit selten, Einzelkind und offenbar ein Sonderling. So beschwerte sich der Vater in Briefen an seinen in Königsberg lebenden Bruder, über den Sohn, der sich „gantz impertinent weigert, jenen Lebenswegh zu gehen, welcher vorgezeichnet durch Herkunpft und Gott, der seine ist“. Von der Lahe wollte nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern verdingte sich als Seemann im nahe gelegenen Altona und fuhr mehrere Jahre zur See. Leider konnte ich über die Zeit als Seemann bislang keine Unterlagen im Netz finden.
Beeindruckend sind seine Gedichte, die sich nicht ohne Weiteres in die Zeit der Spätromantik einfügen, ihre Verwandschaft jedoch auch nicht verleugnen können. Ihren politischen, demokratischen Geist jedoch atmen sie auch für heutige Leser noch aus. So heißt es im Gedicht „Nachthimmel“:
Und über den Wipfeln der Eichenbäume
Weinen die Wolken so sehr
Sie weinen ob des Volkes Träume,
sie weinen immer mehr.
Sie weinen die Bäche in mächtige Flüsse,
sie weinen die Seen über das Land.
Wacht auf, Unterdrückte, die goldenen Nüsse,
wachsen auf fürstlichem Land!
Hier schon finden wir eine gewollte, einfache Volksdichtung, die zum Widerstand aufruft. Es wird Zeit, sich mit dem Werk August von der Lahes zu beschäftigten!
Nein und zwangister Aujust Zwei tauschen Zehen
Posted on | August 30, 2010 | No Comments
Jetzt in Hamburg, traf ich, eher beiläufig und zufällig auf den mir persönlich recht gut bekannten Philipp Brück, der in den Neunzigern (des vorigen Jahrhunderts), die heute noch als Referenz hergenommene Schriftenreihe mit Werken des späten Jugendstils herausbrachte. Er hatte sich damals auf eher unbekannte Autoren konzentriert, die ihren Schaffensschwerpunkt in Hamburg, beziehungsweise Altona, Hamburg und Wandsbek, hatten oder in Schleswig-Holstein. Thorsten von Aar, Manfred Liebherz oder auch Gertrud Meierdorf dürften auch – durch die Arbeit Philipp Brücks – heute noch vielen Literaturfreunden bekannt sein.
Wir saßen also am Nachmittag an den Landungsbrücken unter dem Einfluß eines regentragenden Windes und tranken Kaffee. Wortkarg wie immer, verhinderte Philipp jedes tiefere Gespräch. „Lies meine Bücher. Ich bin Wissenschaftler und Schriftsteller, nicht Alleinunterhalter“, so seine Antwort auf jeden Versuch, herauszufinden, was den nunmehr fast achtzigjährigen Literaturforscher umtreibt. Und so muss ich leider die Antwort auf die Frage schuldig bleiben, die uns schon seit mehr als fünfzehn Jahren umtreibt: Wird Philipp Brück ein eigenes Werk noch schaffen, in diesem Leben? Oder bleibt er seiner Forschung treu – was die Publikationen angeht – und schreibt Eigenes nur für die Schublade?
Ach, zenter August Zweitausendzehn?
Posted on | August 18, 2010 | No Comments
Eines muss natürlich klar sein. Richtig sauer wurden die Römer wegen des Weizens. Als die Augusta von Palmyra, Zenobia, Ägypten eingenommen hatte, sperrte sie die Getreideexporte an Rom. Das wir nicht klug. Und so kamen die Römer nach Palmyra, um nachzusehen, wer ihnen das Brot verweigerte. Sie nahmen die Augusta mit nach Rom. Ihre Berater wurden alledings noch vorort von den Römern umgebracht. Zenobia hatte Aurelian gegenüber bemerkt, sie sei nur von schlechten Ratgebern umgeben gewesen. Der zögerte nicht, diesen Zustand final zu beenden.
Man soll eben nicht mit dem Essen spielen. Auch nicht politisch.
Übrigens gehörte Palmyra sozusagen zu den vier römischen Reichen, die gegründet wurden, beziehungsweise sich gegründet hatten: Gallien, mit eigenen Kaisern, Westrom, Ostrom, Atomstrom und Palmyra. Aurelian fand das unübersichtlich und verjagte die anderen Despoten. Einer war auch mehr als genug.
Als ich neulich wieder nachts diesem merkwürdigen durchsichtigen Mann ohne Gesicht begegnete, der unweit der Linie 1 in einer Wand wohnt und für gewöhnlich hervortritt, wenn ich im Dunkeln an der Wand vorbei komme, um mit mir über weltpolitische Fragen vergangener Jahrhunderte zu diskutieren, war der überzeugt, Zenobia würde gegen die Römer gewinnen. Es reicht also nicht, Gespenst zu sein, man muss sich auch über die aktuelle Lage informieren, sonst kann man leicht 1800 Jahre zurückhängen und es kostet auch Geister viel Kraft, solche Wissenslücken zu schließen.
In dem kleinen Park vor unserer Wohnung landen nachts UFOs. Die Piloten sind klein, keine zwanzig Zentimeter hoch und nicht sehr schnell zu Fuß. Unser Kater hat bereits mehrere gegessen. Ich versuche, es ihm abzugewöhnen, aber ich glaube nicht, dass es mir gelingen wird. Dabei habe ich nur den galaktischen Frieden im Sinn. Vielleicht kennen die UFO-Gnome ja großwüchsige Kollegen. Allerdings lassen sie sich stumm fressen. Noch keiner hat dem Kater damit gedroht, die großen Brüder zu schicken. Es besteht also zur Zeit noch kein Grund zur Besorgnis.
Ort in Berlin
Posted on | August 17, 2010 | No Comments
Steinwellentrümmerkronenbrachland
Fensterhöhlenstummsingmäulerchor
Bierdosenfriedhofsanlage
Räudigekatzensonnenbank
Grauhundeblumenrefugium
Schmeißfliegenflughafen
Kahlbaumaussichtshügel
Straßenflußinselidylle
Papierfetzensportplaz
Menschenleerort
Windweide
Ruine
Am Fluss
Posted on | August 16, 2010 | No Comments
Im dunklen Fluss seh ich die Wolken ziehen.
Sie fliehen aus dem Wasser an das Land.
Der Strand er trägt den Dreck der Stadt.
Matt seh ich meinen Schatten schwimmen.
Die Sonne treibt zerbrochen auf den Wellen,
in hellen goldnen tausendfachen Teilen.
Verweilen kann man nicht an solchem Ort.
Fort muss ich zu den lauten Stimmen.
Dreizentner Aujust Zweitausend Zehen
Posted on | August 13, 2010 | No Comments
Abends Verbrecher. Massenweise. Überall. Keine verbrecherfreie Ecke. Sie trieben sich herum und wurden herumgetrieben, sie rieben sich aneinander, schwitzten im fairen Wettstreit ihre verbrecherischen Gedanken aus der Haut, sie tranken Wein, sie soffen Bier.
Frauen in roten Kleidern schwebten ein, direkt vom Himmel, doch in ihren Augen kein Engelsblick. Männer in schwarzen Anzügen und grauen Hemden schlugen mit den Flügeln, aber sie kamen nicht vom Boden hoch – zu sehr war die Dichte des Platzes, Mensch drückte sich an Mensch, Dämon an Dämon, Engel an Engel.
Regen fiel schwer, aber die Verbrecher, die Engel, Dämon und Zufallszugegenen wurden nicht naß. Sie schütze, die Form eines Hauses annehmend, ein riesiger Dämon aus Kalkstein, Ton, Sand und Eisenerz, durchzogen von stählernen Adern. Und wer fliehen wollte hinein oder hinaus, der betrat den Dämon durch eine Aftertüre, folgte dem Gedärm oder verließ ihn durchs Gekröse und die Türe.
Wir blieben lang nicht, kurz nicht, im Dämonen, tauschten Federn, Wörter und Worte, suchten gemeinsam mit zwei verirrten Töchtern ferner Prinzen nach einer alten Wunderschreiberin aus dem Norden, fanden sie jedoch nicht. Als wir unserer Wege gingen, sah ich hoch am Himmel Sternschnuppen. Sie tanzten Walzer.
Ich gratuliere dem Verbrecher Verlag ganz herzlich zum 15-jährigen Bestehen.
Elfenaugust Zweitauendezehen
Posted on | August 11, 2010 | No Comments
Katharina sind müde aus. Schön müde – denn die Müdigkeit gibt ihr einen Touch von Verruchtheit. Ein wenig erinnert sie an eine Bardame aus einem alten Film: Das Make-up verwischt vom Duschen, die Haare noch nass, nachlässig den Bademantel über die nackte Haut gezogen, seine Ärmel hochgezogen.
„Gästezimmer?“ fragt sie. Ich antworte nicht. Natürlich weiß ich, was sie mich eigentlich fragen will. Ich weiß es schon, seit ich das erste Mal hier übernachtet habe. Oder zumindest bilde ich mir ein, sie würde meinen, was ich für ihr Ansinnen halte.
„Ich finde Dich sehr sympathisch“, sagt sie nach der Pause, die durch meine fehlende Antwort entstanden ist. Oh, nein, bitte das nicht auch noch. Nicht noch mehr kevinsche Komplikationen. Auch nicht mit einer Frau.
Fünfter August Zweitausendzehn
Posted on | August 5, 2010 | 4 Comments
Mir fällt nichts ein. Marie spukt mir nicht im Kopf herum. Ein gutes Zeichen. Sie hat 90 Seiten mit ihrer Nichtliebe vollgekotzt, schert sich einen Dreck um sich. Und sie weiß nicht, was sie kochen soll.
Am Abend Schriftstellerstammtisch im Terzo Mondo. Und am morgigen Morgen wieder Marie. Am Abend dann Kunst und Sünde.
Sünde – davon mehr, viel mehr! Davon wird sackweis‘ gebraucht. Was Sünde ist, ist ein gutes Ding. Das Wort schon ein Sakrileg gegen den gesunden Menschenverstand. Dass einem eine Institution, die nur deshalb so groß geworden ist, weil das Römische Reich eine staatstragende Religion brauchte – die alte war faserig geworden, hatte sich aufgeteilt und war nicht mehr zu gebrauchen – vorschreiben will, was Sünde ist: Das ist ein Ding aus dem Tollhaus. Die Hexenverbrenner, Kreuzfahrer, Mörder von Ketzern, der Laden, der Giordano Bruno verbrannt hat, maßt sich an, über Moral und Ethik zu befinden.
Die Stadt (unbearbeiteter Ausschnitt)
Posted on | August 3, 2010 | No Comments
>>Als ich erwache, schläft sie noch. Ich stehle mich leise ins Bad, dusche, schleiche in die Küche, mache mir Kaffee und lege ihr einen Zettel hin: „Danke für das weiche Bett“, schreibe ich darauf. Dann husche aus der Wohnung und fahre nach Hause.
In meinem Haus, schon als ich die Haustüre öffne, der Geruch von Heimeligkeit. Aber im Treppenhaus Fragen, die aus den Mauern greifen.
In den Steinen der Wände, im Mörtel, unter den Tapeten, unter den Dielen, in den Zimmerdecken: Überall die Vergangenheit. Sie atmet, sie windet sich in die Gegenwart; sie ist nicht tot zu kriegen. Wer hat hier gelebt, vor fünfzig Jahren, vor sechzig? Wer hat dieses Gründerzeithaus trocken gewohnt vor 130 Jahren? Welche Familie hat hier vor Verzweiflung geheult, geschrien, welche rachitischen Kinder haben hier ihren Pseudokrupp in den Armutsdunst gehustet? Welche Frau ist hier, feucht noch alles um sie herum, schimmelig, giftig, Mutter geworden zum xten Male, wieviele Engelmacherinnen sind hierher gekommen, eine Seele vor dem Leben zu bewahren? Haben die Stiefel der SA die Stufen der Treppen mit lautem Tritt als Trommel des Hasses genutzt? Sind Türen aufgebrochen worden? Schlug man hier Männer tot, die nichts wollten, als Freiheit und Gerechtigkeit? Haben hier die Faschisten Jüdinnen und Juden aus dem Haus gezerrt, während der Progromnacht, während der Jahre dieser ungetünchten, ungeschminkten kapitalistischen Herrschaft?

















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