Leander Sukov

Schreiben.

Für eine geistig-moralische Wende

Posted on | November 17, 2017 | No Comments

Die Kanzlerschaft Helmut Kohls hat der damaligen Bundesrepublik, und ihn ihrer Nachfolge Deutschland insgesamt, in der Tat eine geistig-moralische Wende gebracht. Allerdings eine, die sich zugleich zurück zur Begrenztheit des eigenen Haushaltes wendete, als auch zu einer neoliberalen Sicht auf die Aufgaben von Politik und Staatsverwaltung. Nicht mehr der Streit um Tendenzen und Grundeinstellungen, sondern um die Lösung kurzfristiger Aufgaben wurde unter Kohl zum Ziel der Politik.
Diese Politik wurde in der Nachfolge Kohls, insbesondere unter Kanzler Schröder, noch verstärkt. Die neoliberale Politik der rot-grünen Regierung war nicht nur eine Hinwendung zu einem Politikmodel der Machbarkeit und der illusionistischen Idee einer Mitte, die stets richtig liege, weil sie lösungsbetont das Tagesgeschäft abhandele, sondern war zugleich die Abkehr von jeglicher Vision einer Gesellschaft, die freier, sozialer und partizipativer als die jetzige Formation wäre.
In der Folge hat auch die Linke, die nun sozusagen der Mitte angeklebt war und sich von ihr nicht mehr lösen konnte, in ihrer Art gestalten zu wollen viele Komponenten neoliberaler Weltsichten übernommen. Die Streitbarkeit ist bis auf kleine, leider oft sektiererische Teile der Linken, zu einer Diskursarbeit verkommen, deren Ziel nicht eine hegemoniale Ideenschöpfung ist, sondern ein «vive et laisse vivre» ist. Aber mit „leben und leben lassen“, also mit der (neo) liberalen Idee, dass alles gleich und damit alles auch egal sei, ist eine positive Weiterentwicklung von Gesellschaft nicht möglich. Aber der Gedanke, dass Meinung zwar zu äußern, aber nicht zu hinterfragen, kritisieren und, wo aufgrund der eigenen Positionierung, zu bekämpfen sei griff schon unter Schröder Raum auch in der Linken.
Nun gibt es ein, immer weiter werdendes, Ideengeflecht, dass die Freiheit der Rede nicht mehr zu ihrer dauerhaften Wahrung beschränken will. Es ist aber der Grundkonsenz der freiheitlichen Gesellschaft, dass die Freiheit der Grundrechte dort aufhört ohne Restriktion zu sein, wo sie selbst zu ihrer Abschaffung mißbraucht werden. Oder um es verständlicher für alle auszudrücken: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Dieses laissez-fair hat aber dazu geführt, dass jene, die völkische, nationalistische Ideenwelten in die Linke getragen haben, die organisatorische Oberhand gewannen, wie bei einigen Teilen der Friedensbewegung, und Angriffe gegen sich mit dem Argument kontern, die gegensätzliche Positionierung wäre ein Angriff auf die Freiheitsrechte.
Eine Linke, die sich gegen rechte Tendenzen in der Gesellschaft durchsetzen will, auch hegemonial, darf selbstverständlich diese Tendenzen nicht in sich selbst als Partizipanten dulden, auch nicht mit dem Argument des inneren Prinzipienstreites.

Die Linke braucht den Willen, die geistig-moralische Wende erneut, und nun als eigene, zu vollziehen und von den falschen Diskurskonstrukten eines neoliberalen Akzeptanzfetisch zu einer streitbaren, auf den Sieg im Meinungsstreit angelegten Handlungsperspektive zu kommen. Sie, die Linke, ist die Kraft, die in der Tradition jener bürgerlichen Revolutionen steht, welche die Bürgerlichen Freiheitsrechte hervorgebracht haben. Es steht ihr an, diese Freiheiten auch zu verteidigen. Und dazu gehört die Verteidigung vor der Vereinnahmung durch die Feinde dieser Freiheitsrechte. Es gibt keine bürgerlichen Freiheiten in der Einengung des Völkischen oder des Nationalistischen. Die darin getragenen Freiheiten sind von anderer Art, nämlich von der, die das völkische Kollektiv meinen und nicht das Individuum. Im Völkischen und Nationalistischen verkommen bürgerliche Freiheitsrechte zur Farce.
Die Linke muss deshalb zu sich selbst zurückfinden, also eine Wende vollziehen, sie braucht ihren transkulturellen Internationalismus wieder und eine Abkehr von der Idee, auch die rechtsradikale Idee der Solidargemeinschaft sei es wert erwogen zu werden. Die scharfe Debatte in der öffentlichen Auseinandersetzung und die klare Handlung auf der Straße sind Aktionsmomente, die verstärkt werden müssen.

Annelie

Posted on | November 16, 2017 | No Comments

Annelie steigt die Treppe hinauf. Ihr Atem geht schwer. «Früher bin ich hinaufgeschwebt», denkt sie, «ja, wirklich hinaufgeschwebt». Stufe für Stufe nimmt sie, stemmt ihren Körper mit den Beinen voran, schleppt dabei die beiden schweren Einkauftüten mit sich, kämpft sich voran bis in den zweiten Stock, stellt die Einkauftüten ab. Holt Atem. Braucht fast zwei Minuten, bis es einiger Maßen geht. Sie erinnert sich, die Anstrengung in den Knochen, an ihre Kindheit. Kurz nur. Aber was ist schon ‚kurz‘ bei Erinnerungen, wenn doch jeder Gedanke, wie kurz er auch sein mag, alle Zeit umfassen kann. Sie sieht sich im Hörsaal, sieht ihre Jeans, sieht sich einen Joint rauchen. Vietnamkonferenz. FU Berlin. Da war sie noch ganz leicht, da konnte sie noch schweben. Und träumen, da war noch alles Zukunft, ganz persönliche Zukunft, die gehörte ihr, ganz allein ihr. Zukunft als Eigentum. Eigentum ist Diebstahl. Das merkt sie jetzt. Sie hat sich die Zukunft nur gestohlen. Und dann ist sie ihr ganz abhandengekommen. «Ich war nur ein kleiner Dieb», denkt sie, «die Zeit war dann doch ein schlauerer Räuber, hat mir die Zukunft jeden Tag vom Leben genommen und ich habs gar nicht gemerkt.» Sie merkt, wie die Kräfte wiederkommen mit dem wiedergewonnen Atem. «Oma, runter vom Balkon. Unterstütz den Vietkong», singt sie. Hinter der Tür von Teckelmanns raschelt es. «Immer am Spion», denkt Annelie, «die wäre eine gute Blockwartin geworden». Annelie greift die Tüten und nimmt die nächsten Stufen in Angriff.
Im dritten Stock stellt sie die Tüten ins Eck neben der Tür, sucht den Schlüssel, findet ihn in ihrer Jeansjacke statt im Mantel, den sie drüber trägt, schließt auf, ruft «Hans!», kriegt keine Antwort, ruft wieder «Hans! Ich habe ungarische Salami mitgebracht. Extra für Dich!», hört wieder nichts. Und eine große, graue, böse Angst kriecht aus der Tür und wirft sich über Annelie. Die geht in die Wohnung, lässt die Tüten draußen stehen, geht nicht langsam, traut sich aber auch nicht sich zu eilen, geht verhaltenen Schrittes. Wohnzimmer: nichts, Arbeitszimmer: nichts, Küche: nichts. Das Bad auch leer. Und nun in das Schlafzimmer. Und da liegt Hans. Liegt auf dem Bett. Trägt die geliebte alte Lederhose, trägt Turnschuhe und T-Shirt. Und das Gesicht: Grauweiß. Auf dem Nachtischchen ein Zettel. Annelie nimmt ihn. «Ich hätte nicht ertragen nach Dir zu gehen, verzeih mir, ich liebe Dich», steht da. Mehr nicht. Nur das. So war er immer. Karg. Alles karg. So war ihre Liebe, unverbrüchlich, zuverlässig, aber karg. «Du Feigling», denkt sie, «Du elender verschissener Feigling», und sieht ihn an. Zorn steigt in ihr auf. Mächtig, gewaltig, ein ganzes Gebirge aus Zorn, wie die Dolomiten, schroff, kalt, eisig. Und der Zorn schnürt ihr das Weinen weg. Keine Träne läuft ihr über die Wange. Sie fingert ihr Smartphone aus der der Jacke, braucht mehrere Versuche, bis ihre zitternden Finger die 112 gewählt haben. Sie sagt ihren Namen, sagt die Adresse, sagt dann «mein Mann ist geflohen, in den Tod geflohen. Kommen Sie schnell, bitte retten Sie mich.»
Regungslos verbleibt sie auf dem Bett. Kein Blick auf Hans. Starr blickt sie auf die gerahmte Fotografie neben dem Schlafzimmerspiegel. Sie und Hans in der ersten Reihe, im Laufschritt, untergehakt, als könnte keine Macht sie trennen, beide vor einem Transparent. «Wir wollen das schöne Leben!»

Am Bahnhof

Posted on | Oktober 6, 2017 | 2 Comments

Langsamer werdend folgte der Intercity jetzt der langen Kurve, die Cathi seit ihre Kinderzeit so liebte. Die kleinen Einfamilienhäuser, deren erleuchtete Fenster sie von ihrem Sitzplatz aus sehen konnte, sie waren unverändert seit damals. Mehr als zwei Jahrzehnte zurück lagen diese Kindertage. In dieser Kurve begann sie seit damals, der Zeit der ungeliebten allwöchentlichen Besuche bei Tante Amalie in Sindelfingen, ein stärkeres Pochen in ihrer Brust zu spüren. Das war Heimat, war Heim. Das war in ihrem Kinderherz das Bild der elterliche Wohnung, manchmal, sommers, noch in das Licht einer tiefstehenden Nachmittagssonne getaucht, daran erinnerte sie sich jetzt, an die Vorfreude auf den Geruch des Elternhauses, auf das Abendessen, das nach diesen Besuchen immer opulent ausfiel, auf das Licht, das von draußen in die Räume drang und ihr ein besonderes gewesen zu sein schien.
Nun war es die Vorfreude auf die eigene Wohnung, auf ihren Mann, auf den Hund, auf den Garten vorm Haus und die Bäume, die die kleine Straße säumten.
Auch fiel nun, unter dem Kreischen der Räder, die Anstrengung ab, die Amalies Beerdigung in Cathis Innersten bedeutet hatte, auch wenn, Disziplin war ihr ohne Frage zu eigen, es man ihr nicht hatte ansehen können.
 
Der Zug hielt. Sie eilte, ihr Boardcase hinter sich herziehend den Bahnsteig entlang, griff das Köfferchen, riss es hoch, nahm behände, ja fast die Treppen hinauf- und hinabspringend, die Brücke, sah Rolf schon beim Durchgang vor dem Ausgang stehen, rannte ihm entgegen, rief „ich liebe Dich“, sprang ihm in die Arme, merkte, wie er den Halt verlor und nach hinten überfiel, hörte das Geräusch zerreißenden Fleisches, hörte den versiegenden Atem dem Mannes, sprang auf und sah unter seinem Rücken das Blut auf den Perron rinnen, sah auch den Stiel der Harke, der grotest wie der Knochen eines abgerissenen Flügels, schrägt unter Rolf hervorragte und in Richtung eines Plakats wies, auf dem eine Versicherungsgesellschaft für Lebensversicherungen warb. Cathi schrie, und sie hörte erst auf zu schreien, als der Notarzt ihr im Rettungswagen, in den man sie zu viert mit Mühe hatte bringen können, eine Spritze setzte und die Substanz zu wirken begann.
Foto siehe hier: Wikipedia

Nichtvergessen

Posted on | September 28, 2017 | No Comments

Ich schreibe Buchstabe um Buchstabe,
sie stehen wie die Bäume eines Waldes,
um dem Wild ein Heim zu geben.
Sie stehen wie die Partisanen standen
in den Hainen hinter den faschistischen Fronten.
Ein jeder für sich, alle für den Sinn.
Sie tragen Gewehre in den Händen
und Sehnsucht nach Frieden im Herz.
 
Ich schreibe Buchstabe um Buchstabe.
Ich schreibe aus Liebe und Furcht.
Ich schreibe aus Zorn und aus Hass.
Ich schreibe den Toten eine Ewigkeit.
Ich schreibe sie auch den Mördern.
Ich schreibe der Liebe ein Nichtvergessen.
Und ich schreibe es dem Hass.
 
Ich schreibe Buchstabe um Buchstabe,
sie bauen der Einsamkeit ein einsames Haus,
sie geben dem Elend eine Zelle,
sie töten die Guten und töten die Schlechten.
Doch was ich auch schreibe ich schreibe
aus Liebe und Furcht. Ich schreibe den Toten.
Eine Ewigkeit schreibe ich. Den Mördern schreibe ich
von der Liebe. Und dem Hass vom Nichtvergessen.

was ihr tut

Posted on | September 28, 2017 | No Comments

und was ihr gutgemeintes tut, ist schlecht getan.
und was ihr schlechtes tut das tut ihr gut.
wenn ihr vom heißen herzen sprecht, sprecht ihr vom eis.
und sprecht ihr gar vom kühlen überlegen, brennt euer herz für euch allein.
wenn ihr die hand reicht, reicht ihr den giftring auch.
und wenn ihr sie verweigert, sprecht ihr das urteil schon.
und wenn ihr nein sagt, trifft das nein die armen.
und sagt ihr ja, dient die erlaubnis eurem wohl.
und sagt ihr rechts, dann geht ihr auch nach rechts.
und sagt ihr links, so geht ihr rechts gleichwohl.
und eure mitte ist der rechte rand.
wenn ihr vom volk sprecht so meint ihr rasse.
und volkes wille ist für euch das salutieren.
und eure freiheit ist das herrenmenschentum.

die lüge ist euch ackerland, und eure ernte ist
die unsterblichkeit der bösen tat.

Das Altern ist ein Schweinehund

Posted on | September 28, 2017 | No Comments

das altern ist ein schweinehund,
er wohnt mit dir in deinem haus
und küsst dich nachts auf deinen mund
und reißt dabei das herz dir raus.

er kläfft, er fletscht die zähne auch
und schlägt die kiefern dir in‘ bauch,
er tut dir schön und will dir schlecht
und nur dein leiden ist ihm recht.

den hund wirst du nicht wieder los,
er schien vor kurzen dir noch klein,
jetzt ist er riesig, bärengroß
und lässt dich keinen schritt allein.

er frisst die zukunft, nicht was war.
was war, das wächst, was kommt wird rar.
die liebe wird zu mitleid bloß,
die taubheit hängt in deinem schoß.

 

DCF 1.0

Alsenburg

Posted on | September 18, 2017 | 2 Comments

Der drahtige alte Mann drehte unruhig das Bierglas zwischen den Händen, nahm die Hände vom Glas, schob seinen Hut auf dem Kopf hin und her, spielte mit dem kleinen Kornstamper, dann hieb er unvermittelt mit beiden Händen auf den Tisch, mit den flachen Händen. Zwei schwielige Hände gewaltigen Ausmaßes trafen die Resopaltischplatte. „Hugo“, schrie der Alte, „Hugo! Was ist das hier für ein Publikum in Deiner Kneipe. Hugo! Wo kommen die Burschen her! Das sind SS-Angehörige. HUGO! SS-ANGEHÖRIGE! Das geht doch nicht Hugo! Das geht doch nicht! Die sabbeln hier von ihren Einsätzen rum. Ein viertel Jahrhundert nach dem Krieg, HUGO! EIN VIERTEL JAHRHUNDERT NACH DEM KRIEG MUSS ICH IN D E I N E R K N E I P E an einem Tisch mit diesen Saftsäcken sitzen! Hugo! Wirf die raus!“
Hugo näherte sich vorsichtig dem Tisch. „Waldemar“, sagte er, „Waldemar, dass sind doch auch Gäste.“
„AUCH GÄSTE?“, brüllte Waldemar. „Die haben Massenmorde begangen. Wirf die raus. Ich sag es im Guten, Hugo, wirf die raus!“
Hugo schwieg. Die SS-Männer lachten. Und einer soll gerufen haben, jetzt sei aber Schluß. Sie hätten für Deutschlands Ehre gekämpft. Und sie würden wissen, was Blut und Ehre heißt.
Waldemar griff sich den, der links von ihm saß, zog ihn über den Tisch, die Gläser fielen herunter und zerbrachen. Dann schob er den zappelnden ehemaligen SS-Mann an den Rand und ließ ihn auf die Beine der beiden anderen fallen, griff den Tisch, stemmte ihn hoch und warf ihn in den Raum. An den anderen Tischen waren die Zecher aufgestanden. Waldemar zerdepperte ein paar Stühle auf dem Tresen und warf die Beine der Sitzmöbel zwischen die Flaschen. Inzwischen war der Laden leer. Auch die SS war geflohen. Nur Waldemar und Hugo waren noch da.
„Ich zahl das natürlich“, sagte Waldemar. „Aber ich komme nicht wieder in die BURG. Ich komm nicht wieder Hugo. So geht das nicht.“
Waldemar wartete vor der Tür auf die Polizei. Er hatte einen ordentlichen im Tee. Aber er war auch mit 75 noch fit. Das freute ihn. Er gab den Polizisten seinen Ausweis und alles zu. Dann ging er von der Alsenstraße in die Langenfelder. Vielleicht pfiff er die „Kedelklopper“ oder sang „La Paloma“.
Waldemar war mein Großvater. Und mit 75 kassierte er eine scharfe Verwarnung der Gerichtsbarkeit und 25 Tagessätze á 20 Mark. Er zahlte im Stück. Und erzahlte gerne. Das war es wert. Ich habe volles Verständnis für ihn.

Leonide

Posted on | September 17, 2017 | No Comments

Was wollte ich hier nur? Es sieht aus, als wäre es eine der westlichen Vorstädte. Aber warum bin ich hier? Ich kann mich nicht erinnern. Auch nicht daran, wie ich hergekommen bin. Wollte ich jemanden besuchen? Ich kenne hier doch niemanden. Alles ist mir fremd. Das heißt, eigentlich kenne ich es. So wie man Gegenden von Postkarten kennt. Deshalb, glaube ich, dass ich in einer der westlichen Vorstädte bin. Herrschaftliche Häuser, alte Bäume. Die Geschäfte sehen teuer aus. Ich sitze auf einer Bank in einer Vorstadt, in der ich niemanden kenne und weiß nicht, weshalb ich hier sitze. Und wie lange schon. Wie lange mag ich hier sitzen? Die Sonne steht tief, so wie am Nachmittag. Ich kann mich nicht erinnern, das Haus verlassen zu haben. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann ist… mein Gott, Leonide. Ich habe Leonide in die Badewanne gelegt. Ich habe sie aus dem Rollstuhl gehoben, ich habe sie in das warme Wasser gleiten lassen und ihren Kopf gehalten, diesen schönen, weißhaarigen Kopf, der sich nicht allein halten kann, wie sich ein Kopf sonst hält, auf dem weißen Hals, der früher so glatt und makellos war.Und jetzt bin ich hier.
Sie wird ertrinken. Sie wird ertrinken. Sie wird ertrinken. Ich muss jemanden anrufen. Ich muss jemanden erreichen, der sie rettet. Nein, nein. Es ist zu spät. Es war am Morgen, als ich sie in die Wanne gelegt habe. Jetzt muss es spät am Nachmittag sein. Man wird sie tot finden. Ich darf mir nichts anmerken lassen. Sieht man mir schon an, dass ich jemanden umgebracht habe? Ich muss so tun, als wäre ich ganz ruhig, als wäre nichts geschehen. Niemand kann Leonide helfen. Es ist zu spät, sie ist ertrunken.
Wenn ich nur wüsste, weshalb ich hier bin und jetzt nicht mit ihr auf der Couch sitze und spreche. Warum bin ich nicht zu Hause? Warum bin ich nicht bei Leonide und sehe in ihre Augen. Ganz tief hinein in ihre schwarzen, warmen Augen? Ich muss nach Hause.
Ich muss zurück. Wieviel Geld habe ich noch? Ich muss ein Taxi finden. Am Besten ich gehe dem Menschenstrom entgegen. Die kommen aus dem Bahnhof, kommen von der Arbeit. Dort wird es einen Taxistand geben. Hier entlang. Um die Ecke. Da ist einer, ich kann ihn sehen. Hundert Meter nur noch und dann soll das Taxi fahren, wie es noch nie gefahren ist.
Wo wohne ich? Mir fällt der Straßenname nicht ein. Wie heißt die beschissene Straße nur. Weshalb fällt sie mir nicht ein? Ich habe mich immer dran erinnern können. Der Ausweis. Ich muss auf dem Ausweis nachsehen. Da ist er, endlich. Der Fahrer soll schneller fahren. Wenn sie tot ist, will ich auch sterben. Ich will ohne sie nicht leben. Leonide.
Ich liebe sie doch so. Sie ist so schön und so warm und so intelligent und so kraftvoll, trotz ihres Schlaganfalls, so kraftvoll noch.
Ah, diese Gegend kenne ich. Ich erinnere mich wieder. Ja, ja; schneller, schneller, schneller. Ich habe es eilig. Fahr schon. Gib Gas, Mann. Hier ist es, hier wohne ich. Behalt den Rest. Ich habe keine Zeit auf das Wechselgeld zu warten. Die Treppen rauf. Weshalb bin ich so atemlos? Was macht meine Tochter hier?
Wo ist Leonide. Hörst Du nicht? Wo ist Leonide? Lebt sie noch? Nun sprich schon. Hör auf herumzustammeln. Sprich, verflucht nochmal. Sag mir, ob sie noch lebt.
Mutter ist tot? Deine Mutter ist tot? Ich habe sie umgebracht. Mein Gott, ich habe sie umgebracht. Ich muss ins Bad. Oder habt ihr sie schon herausgehoben? Weshalb sind keine Sanitäter hier und keine Polizisten?
Was? Zehn Jahre schon? Zehn Jahre schon ist Leonide tot? Aber ich habe sie doch heute morgen erst in die Wanne gelegt. Und wir haben doch gerade erst geheiratet.

Die Wunde, die nicht heilen darf.

Posted on | September 11, 2017 | No Comments

Der Elfte September

Er sagt: Es ist nicht vorbei.
Nein, antworte ich
…vorbei ist es nicht
Der Elfte September, sagt er
der Elfte September ist nicht vorbei.

Recht hast Du, er lebt, antworte ich.
In unseren Herzen,
da wird der Elfte September leben
Und die Flugzeuge.
Ja, sagt er – und die Flugzeuge.
Und die Bomben, sage ich.

Welche Bomben, fragt er
Die Bomben, die an
den Flugzeugen hingen
bis zum Abwurf sage ich.
Da waren keine Bomben sagt er.
Die Flugzeuge waren die Bomben.

Nein, antworte ich.
Sie warfen sie ab.
Damals, am Elften September
in Santiago de Chile
als die Flugzeuge den
Prasidentenpalast bombadierten
als Allende ermordet wurde
und die vielen anderen.

Ach, sagt er, den
Elften September meinst Du.

Ja, antworte ich,
den Elften September meine ich.

Angel in the Morning

Posted on | September 4, 2017 | 2 Comments

Angel of the Morning
 
Vielleicht hatte ich sie schon ein paar Jahre vorher im Beat Club gesehen, den ich meistens bei meinem Nachbarjungenfreund schaute. Im Wohnzimmer seiner Eltern saßen wir auf dem Teppich und zogen uns die in Schwarz-Weiß übertragene Sendung rein. Ja, ich bin mir sicher, da schon hatte ich Billie Davis gesehen, diese puppenartige Sängerin. Bewegungslos fast sang sie ihr Lied, so als höbe eine Engelsfigur in eine Kathedrale plötzlich zu einem Gesang an. Elf war ich da wohl. Und vermutlich war das Lied da nichts als Musik für mich, ausschließlich Musik — und nicht, wie wenige Jahre später, Musik, die zu meinem Besitz wurde, in dieser ganz abgesonderten Welt, die vielleicht nicht nur ich im Inneren trage, sondern viele, möglicherweise jeder Mensch gar und in der das sich darin Befindliche ganz ungeteilt wird, alleiniger Besitz dann ist, – und auch der Text wurde mein eigen, wurde ein Text zu meinem Leben. Wie viele, viele andere Lieder und Texte. Beschreibungen meiner selbst also, Interpretationsräume, Filme in denen ich agierte oder nur die Regie führte, oder beides war, Akteur und Regisseur.
 
Jedenfalls lief «Angel of the Morning» im Radio. Das war 1971. Am 4. Juli. Ich weiß das Datum deshalb so genau, weil am Tag, als diese kurze, intensive, alles formende und einfarbig schwarze Romanze begann, der Radiosender den Tod von Jim Morrison verkündete. An jenem Tag also, als ich von seinem Tod erfuhr, füllte sich mein Leben mit einer unbekannter Intensität, enthob sich seiner Üblichkeit und seines Alltags, begann, ja es nicht falsch es zu sagen, auf eine unerwartete Art ganz neu. Und obwohl die Romanze nur ein schnell vergangenes Jahr hielt, so war sie auf eine eigentümliche Art schon vom ersten Moment an ewig. Überlagert wurde sie von anderen Romanzen, die Grautöne trugen, schon nach Wochen. Von Liebesabenteuer die das, was dieses ausmachte, nur als spielerische Einlage in sich trugen, die also mehr waren als die mit S. und doch weniger immer dann, wenn der Moment der Leidenschaft die anderen Momente verdrängte. Auch später gelang es mir nur wenige Male einen Traummoment so schwarz zu tapezieren, wie es all jene Traummomente mit S. waren.
Das Lied lief auf NDR 2. Das ist sicher. Musik für junge Leute wahrscheinlich, denn die Sendung lief am frühen Nachmittag. Und zum Abend hin kehrte meine Mutter, bei der ich lebte, von der Arbeit zurück. Die Nachmittage hindurch aber war ich unbeaufsichtigt.
 
Ich lag krank zu Hause auf der Couch, auch daran erinnere ich mich — eine Erkältung, die schon abklang. Noch aber lag ich danieder, schwitzte in meine Pyjama, langweilte mich, las vielleicht auch ein wenig.
 
S., der direkt von der Schule kam, schellte, kurz nachdem die Sendung begonnen hatte. Der Song untermalte S‘. Auftreten. Für alle Zeit nun, das wusste ich sofort, als ich das Lied am Abend erneut hörte, würde es die Erinnerung an S. begleiten, sie jedoch auch hervorrufen, jene nur auf die Kupido reduzierte, ganz und gar von allem Anderem, wirklich allem Anderen gelöste Innigkeit. Eine Leidenschaft, die es nur gab, wenn die Akteure zusammentrafen und allein mit sich waren. Eine sprachlose, alltagslose Hingabe ohne irgendeine weitere Gemeinsamkeit. Nichts war da, was sonst zwischen mir und meinen Freunden bestand und was späterhin unfortdenkbar aus jeder Art von Liaison wurde. Kein Übereinkommen, keine Verhandlung von Wünschen, kein Gespräch über Abneigungen und Vorlieben, kein Austausch über das Selbst eines jeden Beteiligten, über das Erleben der Situationen. Nichts dergleichen. Es war, auch wenn es Gespräche gab zwischen uns, eine stumme Beziehung, deren Stille manchmal laut wurde durch die einsamen Ausrufe, die wir, jeder für sich, aufgrund der Handlungen von S. taten. So wenig wir über uns sprachen, so wenig sprachen wir über Musik oder Sport, über Filme und Helden, über Mädchen, über Bücher oder Zukunftserwartungen, über Eltern, über Liebe gar oder Sehnsüchte, Wünsche. Nichts, was sich außerhalb des engen Raumes unserer Begierden befand infiltrierte unser Tun. Wir vermieden jede Nähe außer der körperlichen und jener psychischen, die alleinig auf das körperliche Resultat gerichtet war. Alles drehte sich nur um die Befriedigung des Verlangens. Schrankenlos, unmoralisch, ungezügelt, verwerflich — und doch verwarfen wir keine Handlung, solange sie uns zu unseren Zielen brachte –, boshaft, siegreich, gewalttätig und gewaltig.
Und ewig singt dazu eine Frau mit artifizieller Stimme das Lied vom Engel des Morgens, singt es als musikalische Projektion eines ganz und gar artifiziellen Nexus.

 

 

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