Leander Sukov

Schreiben.

Deep Down Low

Posted on | Februar 22, 2018 | 1 Comment

Ich habe mir gerade, gegen Geld selbstverständlich, „Melanie“ von Melanie Safka gezogen. Ganz selten ist es, dass ich aus Reminiszenzgründen etwas kaufe, was ich viel früher schon einmal hatte. Aber es gibt einige Kunst, die ganz wesentlich für mich war. So wie ganz früh, als Kind noch — ich mag 10 oder 11 gewesen sein — Kalle Blomquist, der Meister-Detektiv oder Bonjour Tristess oder Scotts letzte Fahrt, bei Brockhaus erschienen, zwei braune leinenbeschürzte Bücher, ich habe sie noch. Und später dann mit dreizehnvierzehn Jahren Juliette und Justine in einer weitgehend vollständigen Übersetzung, die ich voll Widerwillen und Hingezogenheit las. Der Film „Der Kongress tanzt“, und ich verliebte mich, gerade aus der Kinderheit in die Pubertät gefallen, für alle Ewigkeit in Lilian Harvey, die da schon drei oder vier Jahre in eben diese Ewigkeit abgereist war. Oder das Violinenkonzert 1 Ddur von Tschaikowsky, mit David Oistrach und dessen dreckiger, eisiger, stürmischer, tobender, weinender, leidender, hilfesuchender Ton, dem großen David Oistrach, der eine Geschichte auf der Violine erzählt, als läse Otto Sander einen Roman von mir mir vor und machte ihn ganz zu seinem.
So auch diese Platte von Melanie. Die ich hörte ich an einem Tag, da war ich achtzehnneunzehn, Stunde um Stunde und nahm die Lieder, die Stimme, den Klang als Eisenbahn aus der Welt um mich in einen Himmel aus Träumen und Vergessen. Das war als B. mich verließ und alles forttrug, mein Herz, meine Zukunft, alle Sicherheit, B. so wundervollen Geruch auch, ihre guten Worte, ihre warme Haut, ihr Abenteuertum.
Doch Melanie half mir und als ich, eingeschlafen zwischendurch, in der Stille meines Zimmers erwachte, hatte ich mein Herz in der Brust, meine Zukunft vor mir, meine Sicherheit in der Seele, alle Worte im Gedächtnis, so viele fremde Gerüche in Aussicht, so viel warme Haut noch zu finden und alles Abenteuertum im Kopf. Und Melanies Lieder.
Und weil sich nichts, gar nichts geändert hat, habe ich mir diese Platte wiedergeholt wie eine Erinnerung.

 

Im Zug

Posted on | Dezember 24, 2017 | No Comments

Draußen fällt die Nacht über den Tag. Die Dunkelheit trennt mich, den Passagier, von der Welt hinter den Fenstern des Zuges, meine Blicke treffen mich. Spiegel alles. Ich bin der einzige Passagier in diesem Wagon.

In Hamburg die Bettler auf der Reeperbahn, die Verkäufer der Obdachlosenzeitung im Hauptbahnhof. Eine Gruppe von Bettlern auf dem Kiez, wie Hamburg die Reeperbahn und die umliegenden Straßen nennen, hatten Töpfchen vor sich aufgestellt. „Für Essen“, „für Urlaub“, „für Kleidung“ und so weiter. Ich habe ihnen zehn Euro für den Urlaub gegeben. „Man muß mal ausspannen“, habe ich gesagt. Ich kenne Obdachlose, Berber, Bettler. Damals bei Teddy, in der Hirschquelle, der letzten Kneipe in Hamburg 13, da verkehrte einer, der von sich behauptete, der einzige Bettler mit Abitur zu sein. Später traf ich welche, die studiert hatten. Teddy war die Stammkneipe der Hamburger Jusos. Ich war oft dort.

Ich fuhr mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, vorbei am Hafen und der Speicherstadt. Da liegt mein Herz und das Herz Hamburgs, das meine Stadt ist, da ist alles Geschichte und Kaufmannsgeist, also bewohnt von Gespenstern, die nicht zur Ruhe kommen, weil sie Menschen zu Negern gemacht haben und Arbeiter zu Lasttieren, weil sie ihre Hausmädchen straflos vergewaltigten und die eigenen Töchter für gute Geschäfte verschacherten, die an Kriegen verdienten oder an der Flucht in die neue Welt. Die Gespenster schweben zwischen den Lagerhäusern und durch den Cremon, über die Holzbrücke und tanzen nachts im kleinen und großen Burstah. Der Hamburger Gentleman war wie der englische Gentleman, elegant, mörderisch, er wahrte die Contenance bei Betrug und Raubzug.

Jetzt also ohne Blick auf Häuser oder Bäume, das eigene Spiegelbild als Begleiter, das Abteil drinnen, wie draußen, und das alles unterbrochen durch plötzlich erkennbare Gebäude eines Bahnhofs, der durch das gespiegelte Abteil geistert, mich vernichtet, bevor das Dunkel der Nacht mich wiedergebährt auf der Scheibe.

Heimat und Leitkultur

Posted on | Dezember 19, 2017 | 1 Comment

Als ich 14 war, war meine Heimat das Zimmer von S. in einer schönen Gegend, westlicher Stadtrand Hamburgs, gepflegte Gärten, kiffende Bürgerkinder, Ton-Steine-Scherben auf dem Plattenkeller; und das Zimmer war meine Heimat, weil dort mein Mutter-Vater-Schwester-Bruder-Land war, S., die nach selbstgedrehten Zigaretten roch und nach Mensch und Liebe und Lust und Aventüre.
Als ich 16 war, war meine Heimat zwischen meinen Büchern und der Platz vorm Tresen in Teddys Letzter Kneipe in Hamburg 13, und in den Armen von B. war sie, in der Wärme die Bs Haut meiner Haut übertrug, in der Musik von Emerson Lake and Palmer, von Chopin und Genesis.
Für eine Nacht war meine Heimat, grenzenlos in Raum und Zeit, nie endend an einer Grenze, nie endend zu einer Zeit, ewig und unendlich, ein Hotelzimmer in Kreuzberg und der Mann neben mir.
Hamburgs Hafen war mir Heimat. Wenn ich den Bus zur Zollvereinsstraße nahm und dann durch den Hafen zurücklief bis nach Hause in Hamburg-Eimsbüttel.
H. war mir früh Heimat gewesen, wenn wir uns nach der Schule aus allen Normen fallen ließen, noch vor S. war er alle Abenteuer, alle Selbstvergessenheit, füllten wir mein Zimmer mit Welt und erschufen dieses Füllung selbst, als wenn wir Götter wären.
Heimat ist mir kein Ort und sie hat keine Zeit, sie ist nur deshalb Erinnerung, weil sie Teil der Gegenwart ist und eben auch von dort stammt: Aus dem schon Geschaffenen.
Und in diesen Heimaten entstand, entsteht die Kultur, die mich leitet. Entsteht aus Büchern, die mir Heimat waren und oft noch sind, entsteht aus den Handlungen anderer, die mir Vorbild sind oder Abschreckung. Da ist nichts deutsch, da ist nichts europäisch, da nichts von dieser Welt, was jene meint, auf der man ist, aber nicht die, in der man ist, denn die ist zugleich in einem selbst, eine Möbiusschleife aus Ich und Welt und man kann, welch ein gütiges Glück, nicht erkennen, was was ist und wo man selbst ist in der Möbiusheimat.
 
Wer will mit mir über Heimat sprechen und nicht die Welt meinen, in der er ist und nicht jene, auf der er ist. Denn wer das will, wer mir sagen will: Deutschland ist meine Heimat. Wer mir sagen will: Gutentagaufwiedersehenichbietemeinenplatzaltenmenschenan ist Leitkultur. Wer das will, soll sich fortmachen und mir nicht meine Zeit stehlen, die ich ich für immer neue Heimaten und immer neue Leitkulturen brauche, die in die Welt fallen, die in mir ist und ich in ihr.

Jebsen, eine Abkürzung, Lederer und LINKE

Posted on | Dezember 8, 2017 | 1 Comment

Meine Position zur Preisverleihung an Ken Jebsen ist ja leidlich bekannt. Ich bin strikt gegen jegliche Preisverleihung durch die ominösen Personen um NRhZ und Arbeiterfotografie, ich bin strikt gegen Auftritte der Bandbreite, die Endgame und Deutsche Mitte berapten. Um Jebsen selbst ging es mir nie. Mir ist es egal, ob er Preise bekommt. Ich habe mich vor vielen Monaten im Konkreten mit Positionen von ihm auseinandergesetzt. Ob er sie noch vertritt entzieht sich meinem Wissen. Ich verfolge nicht was er tut. Bei NRhZ und Arbeiterfotografie aber kann ich gar nicht umhin zu verfolgen, was die tun. Sie sind der Hauptgrund dafür, dass der Kulturmaschinen-Verlag nicht mehr an der Linken Buchmesse in Nürnberg teilnimmt. Und so wird es, ich bin da starrköpfig, bleiben, bis die dort nicht mehr sind.
Claudia Wangerin hat im Rahmen der Debatte darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ weitgehend verbrannt ist. Damit hat sie recht. Weder die NRhZ noch die Bandbreite, nicht Hecht-Galinski sind damit treffend bezeichnet. Der Begriff zielt viel zu sehr ins Esoterische. Menschen, die glauben, Ulrich Klose sei ein Reptiloid sind Verschwörungstheoretiker oder die Leute, die die Mondlandung anzweifeln. Man kann nicht jeden politischen Gegner in diese Ecke stellen, weil es so schön einfach ist. Niemand der Beteiligten glaubt daran, dass Rothschild die Notenbanken kontrolliert oder der geheime Herrscher einer NWO sei. Lassen wir also diesen Begriff.
Auch der Begriff der Querfront wird inflationär gebraucht. Die Querfront ist der Versuch VON Rechten IN die Linke einzuwirken und ganz eigentlich der Erfolg dieser Strategie. Das gab es, das gibt es, aber in diesem Falle nicht. Weder meine Genossen Diether Dehm und Wolfgang Gehrke sind Teil einer Querfront, noch ist es jemand, außer der Bandbreite, des Ausrichterkreises oder der Künstler auf der Veranstaltung. Die NRhZ-Leute halte ich für Altstalinisten. Sie sind sicher antisemitisch (nach meinen Erkenntnissen haben sie an der „Holocaust-Konferenz“, die eigentlich eine geschichtsrevisionistische Veranstaltung war, in Teheran teilgenommen). Sie sind sicher antidemokratisch und vermutlich hängen sie einer eher auf den Nationalstaat gerichteten kommunistischen Ideologie an. Aber „rechts“ kann man in so einer Debatte eben nicht gebrauchen, wie man das Wort am Kneipentresen gebraucht.
Man darf auch denen nicht auf den Leim gehen, die sofort die Auseinandersetzung für einen Angriff auf die LINKE insgesamt nutzen. Und zwar weder denen, die jene ungenießbare Melange aus scheinbar linken Liberalen mit aber klaren wirtschaftliberalen Ansätzen bilden, noch jenen, deren Antiimperialismus sich immer ausschließlich gegen die USA und die EU richtet, nicht aber gegen Russland und China.

Der Streit um die Preisverleihung aber hat mich zu viel weiterführenden Überlegungen veranlasst:

Die LINKE braucht dringend eine ZENTRISTISCHE Kraft, die strömungsübergreifend sein muss. „Mittelerde“ will das wohl leisten, kann es aber nicht, weil die Kraft der Mittelerde aus der Arbeit des Vorstandes strömt. Eine zentristische Kraft aber muss aus der Basis gebildet werden, aus den Kreisvorständen, den Kommunalpolitikern, den Landtags- und aus Bundestagsabgeordneten. Sie muss auch dazu dienen, dass egozentrische Politikformen unterbleiben und sich kein Gremien in und um die Partei herum durch Prominenz erpressen lässt.
Die Partei muss Partei werden und aufhören nur Hebel für ganz verschiedene Zielvorstellungen zu sein.

Sie tanzt

Posted on | Dezember 6, 2017 | No Comments

Sie tanzt mit sich allein, in sich gekehrt,
tanzt sich in Fernen, die auch sie nicht kennt,
schwebt über jede Grenze, die ihr bislang die Flucht verwehrt,
wie windgetriebene weiße Wolke unterm Firmament,
das hellblau strahlend einem Sommertag die Kuppel ist,
verliert sich aus den Jammertälern und sie misst
das Glück mit schwererem Gewicht
in dieser Nacht.

Patriotismus?

Posted on | November 21, 2017 | 1 Comment

Ich bin durch Zufall in diesem Land geboren. Ich bin mit Absicht in einer Partei. Sie soll helfen, dieses Land zu verbessern, für eine bessere Welt. Wer will mir nun sagen, ich solle, als politischer Mensch, das zufällig auf mich gekommene Land vor meine eigene Wahl stellen.

Weshalb stellt sich der Vorsitzende einer ehemals dem Frieden und dem Wohlergehen verpflichteten Partei vor die Mikrophone und salbadert von Patriotismus und Pflicht.
Meine Pflicht habe ich mir auferlegt. Ja, ich halte sie für etwas was ganz allgemein gewollt werden soll.

Denn für mich besteht meine Pflicht darin, alles zu tun, damit die Menschen hier und überall ihr Recht auf Glück und Freiheit, auf soziale Akzeptanz und Wohlleben erhalten. Das Wohl eines Landes ist nichts gegen das Wohl der Menschen, das von Menschen gemachte Konstrukt kann nicht wertvoller als die Menschen sein. Die bürgerlichen Freiheiten und das Recht ohne systemische Ausbeutung zu leben, das will ich gerne verteidigen.

Das vermeintliche Recht eines Landes auf den Vorrang vor diesen Rechten lehne ich ab.

Die Schönheit der Toten

Posted on | November 20, 2017 | No Comments

Ach, alle unsre schönen Toten!
Wie wir die Grüfte stetig neu vermauern.
Und wir, an ihrer statt mit ihren Worten
sprechen, mit hundertjährigen Zitaten,
die Diesteln auf den Gräbern düngen
mit immer neuen Büchern,
und so die Ahnen aus unsrem tiefem Glauben
ans Repetitum als Opfergabe
in einem ferner Himmel halten
zugleich, uns ihnen nahefühlen
und alles was wir Neues sehen
nicht drehen, wenden und ergründen,
sondern Zitate wie Beschwörungsformeln
sprechen und in den Formeln die
Erkenntnis suchen.

Für eine geistig-moralische Wende

Posted on | November 17, 2017 | No Comments

Die Kanzlerschaft Helmut Kohls hat der damaligen Bundesrepublik, und ihn ihrer Nachfolge Deutschland insgesamt, in der Tat eine geistig-moralische Wende gebracht. Allerdings eine, die sich zugleich zurück zur Begrenztheit des eigenen Haushaltes wendete, als auch zu einer neoliberalen Sicht auf die Aufgaben von Politik und Staatsverwaltung. Nicht mehr der Streit um Tendenzen und Grundeinstellungen, sondern um die Lösung kurzfristiger Aufgaben wurde unter Kohl zum Ziel der Politik.
Diese Politik wurde in der Nachfolge Kohls, insbesondere unter Kanzler Schröder, noch verstärkt. Die neoliberale Politik der rot-grünen Regierung war nicht nur eine Hinwendung zu einem Politikmodel der Machbarkeit und der illusionistischen Idee einer Mitte, die stets richtig liege, weil sie lösungsbetont das Tagesgeschäft abhandele, sondern war zugleich die Abkehr von jeglicher Vision einer Gesellschaft, die freier, sozialer und partizipativer als die jetzige Formation wäre.
In der Folge hat auch die Linke, die nun sozusagen der Mitte angeklebt war und sich von ihr nicht mehr lösen konnte, in ihrer Art gestalten zu wollen viele Komponenten neoliberaler Weltsichten übernommen. Die Streitbarkeit ist bis auf kleine, leider oft sektiererische Teile der Linken, zu einer Diskursarbeit verkommen, deren Ziel nicht eine hegemoniale Ideenschöpfung ist, sondern ein «vive et laisse vivre» ist. Aber mit „leben und leben lassen“, also mit der (neo) liberalen Idee, dass alles gleich und damit alles auch egal sei, ist eine positive Weiterentwicklung von Gesellschaft nicht möglich. Aber der Gedanke, dass Meinung zwar zu äußern, aber nicht zu hinterfragen, kritisieren und, wo aufgrund der eigenen Positionierung, zu bekämpfen sei griff schon unter Schröder Raum auch in der Linken.
Nun gibt es ein, immer weiter werdendes, Ideengeflecht, dass die Freiheit der Rede nicht mehr zu ihrer dauerhaften Wahrung beschränken will. Es ist aber der Grundkonsenz der freiheitlichen Gesellschaft, dass die Freiheit der Grundrechte dort aufhört ohne Restriktion zu sein, wo sie selbst zu ihrer Abschaffung mißbraucht werden. Oder um es verständlicher für alle auszudrücken: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Dieses laissez-fair hat aber dazu geführt, dass jene, die völkische, nationalistische Ideenwelten in die Linke getragen haben, die organisatorische Oberhand gewannen, wie bei einigen Teilen der Friedensbewegung, und Angriffe gegen sich mit dem Argument kontern, die gegensätzliche Positionierung wäre ein Angriff auf die Freiheitsrechte.
Eine Linke, die sich gegen rechte Tendenzen in der Gesellschaft durchsetzen will, auch hegemonial, darf selbstverständlich diese Tendenzen nicht in sich selbst als Partizipanten dulden, auch nicht mit dem Argument des inneren Prinzipienstreites.

Die Linke braucht den Willen, die geistig-moralische Wende erneut, und nun als eigene, zu vollziehen und von den falschen Diskurskonstrukten eines neoliberalen Akzeptanzfetisch zu einer streitbaren, auf den Sieg im Meinungsstreit angelegten Handlungsperspektive zu kommen. Sie, die Linke, ist die Kraft, die in der Tradition jener bürgerlichen Revolutionen steht, welche die Bürgerlichen Freiheitsrechte hervorgebracht haben. Es steht ihr an, diese Freiheiten auch zu verteidigen. Und dazu gehört die Verteidigung vor der Vereinnahmung durch die Feinde dieser Freiheitsrechte. Es gibt keine bürgerlichen Freiheiten in der Einengung des Völkischen oder des Nationalistischen. Die darin getragenen Freiheiten sind von anderer Art, nämlich von der, die das völkische Kollektiv meinen und nicht das Individuum. Im Völkischen und Nationalistischen verkommen bürgerliche Freiheitsrechte zur Farce.
Die Linke muss deshalb zu sich selbst zurückfinden, also eine Wende vollziehen, sie braucht ihren transkulturellen Internationalismus wieder und eine Abkehr von der Idee, auch die rechtsradikale Idee der Solidargemeinschaft sei es wert erwogen zu werden. Die scharfe Debatte in der öffentlichen Auseinandersetzung und die klare Handlung auf der Straße sind Aktionsmomente, die verstärkt werden müssen.

Annelie

Posted on | November 16, 2017 | No Comments

Annelie steigt die Treppe hinauf. Ihr Atem geht schwer. «Früher bin ich hinaufgeschwebt», denkt sie, «ja, wirklich hinaufgeschwebt». Stufe für Stufe nimmt sie, stemmt ihren Körper mit den Beinen voran, schleppt dabei die beiden schweren Einkauftüten mit sich, kämpft sich voran bis in den zweiten Stock, stellt die Einkauftüten ab. Holt Atem. Braucht fast zwei Minuten, bis es einiger Maßen geht. Sie erinnert sich, die Anstrengung in den Knochen, an ihre Kindheit. Kurz nur. Aber was ist schon ‚kurz‘ bei Erinnerungen, wenn doch jeder Gedanke, wie kurz er auch sein mag, alle Zeit umfassen kann. Sie sieht sich im Hörsaal, sieht ihre Jeans, sieht sich einen Joint rauchen. Vietnamkonferenz. FU Berlin. Da war sie noch ganz leicht, da konnte sie noch schweben. Und träumen, da war noch alles Zukunft, ganz persönliche Zukunft, die gehörte ihr, ganz allein ihr. Zukunft als Eigentum. Eigentum ist Diebstahl. Das merkt sie jetzt. Sie hat sich die Zukunft nur gestohlen. Und dann ist sie ihr ganz abhandengekommen. «Ich war nur ein kleiner Dieb», denkt sie, «die Zeit war dann doch ein schlauerer Räuber, hat mir die Zukunft jeden Tag vom Leben genommen und ich habs gar nicht gemerkt.» Sie merkt, wie die Kräfte wiederkommen mit dem wiedergewonnen Atem. «Oma, runter vom Balkon. Unterstütz den Vietkong», singt sie. Hinter der Tür von Teckelmanns raschelt es. «Immer am Spion», denkt Annelie, «die wäre eine gute Blockwartin geworden». Annelie greift die Tüten und nimmt die nächsten Stufen in Angriff.
Im dritten Stock stellt sie die Tüten ins Eck neben der Tür, sucht den Schlüssel, findet ihn in ihrer Jeansjacke statt im Mantel, den sie drüber trägt, schließt auf, ruft «Hans!», kriegt keine Antwort, ruft wieder «Hans! Ich habe ungarische Salami mitgebracht. Extra für Dich!», hört wieder nichts. Und eine große, graue, böse Angst kriecht aus der Tür und wirft sich über Annelie. Die geht in die Wohnung, lässt die Tüten draußen stehen, geht nicht langsam, traut sich aber auch nicht sich zu eilen, geht verhaltenen Schrittes. Wohnzimmer: nichts, Arbeitszimmer: nichts, Küche: nichts. Das Bad auch leer. Und nun in das Schlafzimmer. Und da liegt Hans. Liegt auf dem Bett. Trägt die geliebte alte Lederhose, trägt Turnschuhe und T-Shirt. Und das Gesicht: Grauweiß. Auf dem Nachtischchen ein Zettel. Annelie nimmt ihn. «Ich hätte nicht ertragen nach Dir zu gehen, verzeih mir, ich liebe Dich», steht da. Mehr nicht. Nur das. So war er immer. Karg. Alles karg. So war ihre Liebe, unverbrüchlich, zuverlässig, aber karg. «Du Feigling», denkt sie, «Du elender verschissener Feigling», und sieht ihn an. Zorn steigt in ihr auf. Mächtig, gewaltig, ein ganzes Gebirge aus Zorn, wie die Dolomiten, schroff, kalt, eisig. Und der Zorn schnürt ihr das Weinen weg. Keine Träne läuft ihr über die Wange. Sie fingert ihr Smartphone aus der der Jacke, braucht mehrere Versuche, bis ihre zitternden Finger die 112 gewählt haben. Sie sagt ihren Namen, sagt die Adresse, sagt dann «mein Mann ist geflohen, in den Tod geflohen. Kommen Sie schnell, bitte retten Sie mich.»
Regungslos verbleibt sie auf dem Bett. Kein Blick auf Hans. Starr blickt sie auf die gerahmte Fotografie neben dem Schlafzimmerspiegel. Sie und Hans in der ersten Reihe, im Laufschritt, untergehakt, als könnte keine Macht sie trennen, beide vor einem Transparent. «Wir wollen das schöne Leben!»

Am Bahnhof

Posted on | Oktober 6, 2017 | 2 Comments

Langsamer werdend folgte der Intercity jetzt der langen Kurve, die Cathi seit ihre Kinderzeit so liebte. Die kleinen Einfamilienhäuser, deren erleuchtete Fenster sie von ihrem Sitzplatz aus sehen konnte, sie waren unverändert seit damals. Mehr als zwei Jahrzehnte zurück lagen diese Kindertage. In dieser Kurve begann sie seit damals, der Zeit der ungeliebten allwöchentlichen Besuche bei Tante Amalie in Sindelfingen, ein stärkeres Pochen in ihrer Brust zu spüren. Das war Heimat, war Heim. Das war in ihrem Kinderherz das Bild der elterliche Wohnung, manchmal, sommers, noch in das Licht einer tiefstehenden Nachmittagssonne getaucht, daran erinnerte sie sich jetzt, an die Vorfreude auf den Geruch des Elternhauses, auf das Abendessen, das nach diesen Besuchen immer opulent ausfiel, auf das Licht, das von draußen in die Räume drang und ihr ein besonderes gewesen zu sein schien.
Nun war es die Vorfreude auf die eigene Wohnung, auf ihren Mann, auf den Hund, auf den Garten vorm Haus und die Bäume, die die kleine Straße säumten.
Auch fiel nun, unter dem Kreischen der Räder, die Anstrengung ab, die Amalies Beerdigung in Cathis Innersten bedeutet hatte, auch wenn, Disziplin war ihr ohne Frage zu eigen, es man ihr nicht hatte ansehen können.
 
Der Zug hielt. Sie eilte, ihr Boardcase hinter sich herziehend den Bahnsteig entlang, griff das Köfferchen, riss es hoch, nahm behände, ja fast die Treppen hinauf- und hinabspringend, die Brücke, sah Rolf schon beim Durchgang vor dem Ausgang stehen, rannte ihm entgegen, rief „ich liebe Dich“, sprang ihm in die Arme, merkte, wie er den Halt verlor und nach hinten überfiel, hörte das Geräusch zerreißenden Fleisches, hörte den versiegenden Atem dem Mannes, sprang auf und sah unter seinem Rücken das Blut auf den Perron rinnen, sah auch den Stiel der Harke, der grotest wie der Knochen eines abgerissenen Flügels, schrägt unter Rolf hervorragte und in Richtung eines Plakats wies, auf dem eine Versicherungsgesellschaft für Lebensversicherungen warb. Cathi schrie, und sie hörte erst auf zu schreien, als der Notarzt ihr im Rettungswagen, in den man sie zu viert mit Mühe hatte bringen können, eine Spritze setzte und die Substanz zu wirken begann.
Foto siehe hier: Wikipedia
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