Staubiges Viertel in Göttingen

In diesen Straßen fühlte er sich zu Hause. Die Geschäfte alle ein wenig grau, was durch die ungeputzten Scheiben kam, durch die lang nicht geänderten Auslagen, durch die billige Ware, die staubig schien, oder es auch war, durch die Fassadenschäden der Häuser. Aus den Kneipen erhoben sich Rauchschwaden wie verlorene, kleinwüchsige Engel und das Stimmengewirr…

Deep Down Low

Ich habe mir gerade, gegen Geld selbstverständlich, „Melanie“ von Melanie Safka gezogen. Ganz selten ist es, dass ich aus Reminiszenzgründen etwas kaufe, was ich viel früher schon einmal hatte. Aber es gibt einige Kunst, die ganz wesentlich für mich war. So wie ganz früh, als Kind noch — ich mag 10 oder 11 gewesen sein…

Im Zug

Draußen fällt die Nacht über den Tag. Die Dunkelheit trennt mich, den Passagier, von der Welt hinter den Fenstern des Zuges, meine Blicke treffen mich. Spiegel alles. Ich bin der einzige Passagier in diesem Wagon. In Hamburg die Bettler auf der Reeperbahn, die Verkäufer der Obdachlosenzeitung im Hauptbahnhof. Eine Gruppe von Bettlern auf dem Kiez,…

Heimat und Leitkultur

Als ich 14 war, war meine Heimat das Zimmer von S. in einer schönen Gegend, westlicher Stadtrand Hamburgs, gepflegte Gärten, kiffende Bürgerkinder, Ton-Steine-Scherben auf dem Plattenkeller; und das Zimmer war meine Heimat, weil dort mein Mutter-Vater-Schwester-Bruder-Land war, S., die nach selbstgedrehten Zigaretten roch und nach Mensch und Liebe und Lust und Aventüre. Als ich 16…

Jebsen, eine Abkürzung, Lederer und LINKE

Meine Position zur Preisverleihung an Ken Jebsen ist ja leidlich bekannt. Ich bin strikt gegen jegliche Preisverleihung durch die ominösen Personen um NRhZ und Arbeiterfotografie, ich bin strikt gegen Auftritte der Bandbreite, die Endgame und Deutsche Mitte berapten. Um Jebsen selbst ging es mir nie. Mir ist es egal, ob er Preise bekommt. Ich habe…

Sie tanzt

Sie tanzt mit sich allein, in sich gekehrt, tanzt sich in Fernen, die auch sie nicht kennt, schwebt über jede Grenze, die ihr bislang die Flucht verwehrt, wie windgetriebene weiße Wolke unterm Firmament, das hellblau strahlend einem Sommertag die Kuppel ist, verliert sich aus den Jammertälern und sie misst das Glück mit schwererem Gewicht in…

Patriotismus?

Ich bin durch Zufall in diesem Land geboren. Ich bin mit Absicht in einer Partei. Sie soll helfen, dieses Land zu verbessern, für eine bessere Welt. Wer will mir nun sagen, ich solle, als politischer Mensch, das zufällig auf mich gekommene Land vor meine eigene Wahl stellen. Weshalb stellt sich der Vorsitzende einer ehemals dem…

Die Schönheit der Toten

Ach, alle unsre schönen Toten! Wie wir die Grüfte stetig neu vermauern. Und wir, an ihrer statt mit ihren Worten sprechen, mit hundertjährigen Zitaten, die Diesteln auf den Gräbern düngen mit immer neuen Büchern, und so die Ahnen aus unsrem tiefem Glauben ans Repetitum als Opfergabe in einem ferner Himmel halten zugleich, uns ihnen nahefühlen…

Für eine geistig-moralische Wende

Die Kanzlerschaft Helmut Kohls hat der damaligen Bundesrepublik, und ihn ihrer Nachfolge Deutschland insgesamt, in der Tat eine geistig-moralische Wende gebracht. Allerdings eine, die sich zugleich zurück zur Begrenztheit des eigenen Haushaltes wendete, als auch zu einer neoliberalen Sicht auf die Aufgaben von Politik und Staatsverwaltung. Nicht mehr der Streit um Tendenzen und Grundeinstellungen, sondern…

Annelie

Annelie steigt die Treppe hinauf. Ihr Atem geht schwer. «Früher bin ich hinaufgeschwebt», denkt sie, «ja, wirklich hinaufgeschwebt». Stufe für Stufe nimmt sie, stemmt ihren Körper mit den Beinen voran, schleppt dabei die beiden schweren Einkauftüten mit sich, kämpft sich voran bis in den zweiten Stock, stellt die Einkauftüten ab. Holt Atem. Braucht fast zwei…