Leander Sukov

Schreiben.

WELT und Nachdenkseiten

Posted on | Januar 16, 2017 | No Comments

DCF 1.0

Eine grundsätzlich falsche Betrachtungsweise?

Seit ich mich zu den Nachdenkseiten positioniert habe, habe ich eine Reihe Diskussionen geführt, die mich zu einer im Grundsatz anderen Betrachtungsweise geführt haben. Nicht etwa darin, dass ich vieles, was dort – wie auch anderswo – publiziert wird falsch finde. Nein, es geht mir eher um Ansicht, die Betrachtungsweise, mit der man dieses Medium, aber auch an KEN FM und weitere heran geht.
Mir scheint es bei der Betrachtung eine Grundschwingung zu geben, die diese Medien im Prinzip unterscheiden möchte von anderen Medien und deshalb falsche, zumindest fehlerbehaftete, Kriterien anlegt. Aber diese Medien sind gar nicht unsere Parteizeitungen (welcher Partei wir nun auch angehören mögen), sondern private Medien. Sie unterscheiden sich erst einmal nicht von Frankfurter Rundschau, von WELT, TAZ, jW oder der BILD-Zeitung. Sie haben eine Redaktionslinie, die uns gefallen mag, oder nicht. Aber sie sind nicht dafür da, unsere Meinung wiederzugeben; ja, sie brauchen nicht einmal eine politische Linie zu haben. Es ist die Sache der Redaktion, der Inhaber, des Herausgeberkreises, was da publiziert wird.
Wir müssen ihnen nicht kritischer, nicht anders als jedem Medium begegnen. Näher allerdings auch nicht. Es gibt, in Ermangelung einer sogenannten Szene, keine Szenepublikationen. Es gibt keinen Grund anders erfreut oder empört über einen Artikel von Albrecht Müller (Nachdenkseiten) zu sein, als über einen von Peter Huth (B.Z.). Viel Empörung ist, wie auch die angenommene Nähe, ein Ergebnis von Übergriffigkeit und Besitzanspruch der Rezipienten dem Medium gegenüber.
Dadurch überhöhen wir möglicherweise diese journalistischen Produkte, wir überhöhen im Zweifel aber auch die Ablehnung.

Antikriegsgedicht

Posted on | Dezember 14, 2016 | No Comments

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Ich will nicht mehr über den Krieg schreiben,
keine Zeile über Ertrunkene,
keine Strophe über Bomben,
kein Gedicht über zerrissene Leiber,
keinen Zyklus über die Schönheit der Waffen,
kein Buch über das Grauen.
Aber alles zwingt mich.

Foto is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported license.
News Chanel Online

Cuba

Posted on | November 28, 2016 | No Comments

Flag_of_Cuba.svgTrotz der großen sozialen Leistungen wird es sein wie bei der UdSSR oder der DDR. Die Sünde der Einparteienregierung wird an ihrem sicheren Ende alle großen Errungenschaften kosten. Die Einparteienregierung ist der Krebs der Revolutionen. Das Gute erodiert in der Auflösung einer falsch verstandenen Diktatur des Proletariats. Das ist schrecklich, aber ich befürchte unvermeidlich.

Die Menschen werden eine Freiheit erhalten, deren Freiheit >>für<< Meinungsäußerung und Freizügigkeit, Koalitionsbildung und Presse einhergeht mit der Freiheit >> von << gleichen Chancen, medizinischer Versorgung, Zugang zu Bildung und Wissen, Wohnen und gesellschaftlicher Solidarität.

Wir, die aus dem Haushalt der Revolutionäre stammen oder in ihm wohnen, sind verantwortlich dafür glaubhaft sicherzustellen, dass sich der tödliche Fehler nicht wiederholt.

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Wer hat eigentlich das Geld

Posted on | November 24, 2016 | No Comments

Zaster-Laster_München_2015_aEin guter Beitrag über die Lage im Bereich der Investmentmittel und ihrer Konzentration bei Aspekte. Hans Jürgen Jakobs im Interview.

Ein systemimmanenter Vorschlag zur Lösung des Konzentrationsproblems könnte so aussehen:

Diese Situation führt zwangsläufig zu immer höherer Staatsverschuldung. Denn: Wenn die Investorenzahl immer geringer und die angelegte Geldmenge immer höher wird, muss sie sich auch aus den Gewinnabführungen der Unternehmen an die Investoren speisen (Zinsen, Rückzahlungen, Dividenden). Dadurch wächst die Summe der Löhne und Gehälter, aber auch der Dividenden für kleiner Aktienpakete unterproportional.

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Zur aktuellen Lage: Die ethischen Grundlagen des bürgerlichen Staates

Posted on | November 21, 2016 | No Comments

 

Vorbemerkung

Maerz1848_berlinDie Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen in Frankreich, der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten, der deutschen Revolution von 1918 und der russischen Februar-Revolution von 1917 sind, wenn auch sehr unterschiedlich ausgeprägt und sozialen Schichtungen überlagert, konstitutionell für die Entwicklung eines demokratischen Gesellschaftsplans. In den revolutionären Ereignissen von 1848/49 und zum Teil bereits in der Alten Eidgenossenschaft (1291) schlug sich das Ziel nieder nicht, mehr unter der (gottgewollten) Herrschaft eines Adels zu leben. Die Citoyens wollten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

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Pressemitteilung von Simone Barrientos

Posted on | November 1, 2016 | No Comments

simonebarrientos_swDie Rückforderungen der VG Wort können die Literaturlandschaft in Deutschland dauerhaft schädigen. Simone Barrientos, Verlegerin und kulturpolitische Sprecherin des Landesvorstand der Linken in Bayern, schließt nicht aus, dass es in der Folge der Rückforderungen zu Konkursen und Verlagsschließungen kommen wird.
„Jetzt ist die Politik gefordert, um die Lasten abzufedern“, sagte Simone Barrientos während der Landesvorstandsklausur der LINKEN in Passau, „natürlich sind die Rückforderungen nach dem Urteil des BGH unumgänglich, aber genau deshalb ist Hilfe durch die Politik nötig“. Leisten könne das nur das Staatsministerium für Kultur. Frau Grütters müsse klar sagen, was sie zu tun gedenke.

Insgesamt steht eine Summe von fast 100 Millionen Euro im Raum. Angesichts der Probleme, die viele kleine und mittlere Verlage haben, eine existenzgefährdende Zahl. Simone Barrientos verweist auf die Aussagen der Kurt-Wolff-Stiftung. Die Situation dürfe nun nicht dazu führen, dass sich Verlage und Autoren gegeneinander ausspielen lassen. Es sind die kleinen und mittleren Verlage, die jene Bücher veröffentlichen, welche keine hohen Umsatzzahlen erwarten ließen, die jedoch für die Literaturlandschaft von Wichtigkeit sein. Die Kurt-Wolff-Stiftung verweist zurecht darauf, dass die Mehrzahl von Lyrikbänden, um ein Beispiel zu nehmen, in unabhängigen Verlagen erscheint.

In den vergangenen Jahren ist es, maßgeblich auf Betreiben des Kulturmaschinen Verlages hin, gelungen, auf der Leipziger Literaturmesse mit „Die Bühne“ eine Gruppe linker Verlage zusammenzubringen. In Anbetracht der schwierigen Situation, die nun schwieriger werden wird, sei es notwendig noch stärker in die Öffentlichkeit zu wirken und die Arbeit von Verlagen wirksam darzustellen: Vom Lektorat bis zum fertigen Buch, vom Vertrieb bis zum Marketing.
Vielleicht wäre es jetzt aber auch an der Zeit, einen gemeinsamen virtuellen Katalog möglichst vieler unabhängiger Verlage zu schaffen, um das breite Spektrum der angebotenen Literatur darzustellen.
Zuforderst aber ist nun ein schnelles Handeln von Monika Grütters geboten. Das Ministerium muss eilig Möglichkeiten schaffen, die die Gefährdungen abwehren.

MainAue

Posted on | Oktober 26, 2016 | 3 Comments

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Die Au‘ als wäre sie gemalt,
wirkt wie ein Bild des Biedermeiers.
Der sanfte Flug des grauen Reihers,
sein Schrei der übers Wasser hallt.

Sonst Stille überm Wiesengrund.
Der Main liegt ruhig, es geht kein Wind
und eine Göttin küsst dich lind
mit weichen Lippen auf den Mund.

Die Elfen tragen kein Libellenkleid,
wenn sie voll Anmut sich im Tanze dreh’n,
hinüber dann zum Menschen weh’n,
und leichter machen all sein Leid.

Hans’ Ehe

Posted on | Oktober 21, 2016 | No Comments

schwarzesquardratHans freute sich jeden Morgen auf die Zeitung. Hörte er den Briefkasten klappern, so lief er hinaus, öffnete die Lade mit eigentümlicher Vorfreude und holte das Tageblatt heraus.
Dann in die Küche, an den Frühstückstisch. Hans goss sich Kaffee ein, nahm einen Schluck, spürte die Hitze des Getränks und den vertrauten, stets gleichen Geschmack, das Orientalische, das zwischen Kaffeepulver und Milch herausschmeckte und vom Kardamom stammte, den er beizumischen nie vergaß, biss vom schon geschmierten Brötchen ab und griff, kaum dass er den Bissen heruntergeschluckt und mir einem Mund voll Kaffee nachgespült hatte, zur Zeitung, die er nun, in einer über die Jahre geübten und immer weiter verfeinerten Art, ja in der Weise eines ausgebildeten Nachrichtensprechers, seiner Frau vorlas. Ein eingeübtes Ritual, welches er pflegte, seit beide in Rente waren, freilich hatte seine Frau ihre Rententagen zuerst ohne sein Vorlesen, einsam, am Tisch in der Küche verbringen müssen, denn sie war zuerst in Rente gegangen, ja, er hatte sie erst am Tage ihrer Pensionierung kennengelernt, zufällig, bei einem Schaufensterbummel. Doch waren sie, schon an diesem Abend sogar, übereingekommen, zusammen zu ziehen.
Zuerst las er ihr „Aus aller Welt“ vor, dann das Regionale und danach erst das Zeitgeschehen. Immer wieder unterbrochen von kleinen Schlucken Kaffees, die er zu sich nahm und auch von seinen Kommentaren zu diesem oder jenem.
Eine halbe Stunde Ritual, kaum länger, länger nur bei besonderen Anlässen, wie größeren Attentaten, Flugzeugabstürzen besonderer Art, Wahlergebnissen und ähnlichen Ereignissen von herausragender Wichtigkeit. Er las so also gut betont und stets bemüht sauber zu artikulieren für dreißig Minuten, bis er das Blatt akkurat faltete und neben seinen Teller legte.
Dreimal war er verheiratet gewesen. Aber erst diese dritte Ehe brachte ihm jene Liebe, die er sich vorher stets, aber vergeblich, voll Sehnsucht gewünscht hatte.
Zehn Jahre nun schon hielt die Zweisamkeit, eine traute Art der Seelenverwandtschaft, besiegelt durch ein Gelöbnis ewiger Treuer bis in den Tod.
Und als er in Rente ging, da hatte er ihr eine graue Perücke gegeben und ihr Kleidung in gedeckten Farben in den Schrank gelegt. Sie widersprach dem nicht, sie widersprach nie.
Er hatte viel in sie investiert, vermutlich wusste sie es zu schätzen, fühlte die besonderer Qualität der Kleidung, die samtenen Kragen, die Seide der Blusen, die Beschaffenheit der Perlenkette, die er so liebte, weil sie ihn an seine Mutter erinnerte, die eine ähnliche zu besonderen Anlässen stets getragen hatte. Natürlich sprach seine Frau nicht darüber, lobte ihn nicht, jubelte nie, wenn er ihr neue Halsketten, neue Schuhe oder Kleider brachte. Doch er wusste um die Wertschätzung, die stille Freude in ihr, das schweigende Jauchzen.
Mit zwanzig hatte er sich zu ersten Male verliebt. In eine, die nur das Äußere gemein hatte mit jener, die er nun, an seinem Lebensabend wertschätzte, wie keine vor ihr.
Er, der Paketzusteller, hatte die Erste im Hof eines Warenhauses angetroffen und in seinen Transporter gebeten. Sie hielt bis er in den Innendienst versetzt wurde. Als sie ihn verließ, sah er sie noch bis in Abend vor seinem Hause stehen, ging aber nicht herunter, sie wieder hinein zu holen, nein, das kam ihm nicht in den Sinn. Sie war nicht mehr die, die er im Hofe des Kaufhauses kennengelernt, war nicht mehr die Schönheit, die er geliebt hatte. Er hatte gewusst, dass seine Liebe eine oberflächliche war, sich nur bezog auf das Äußere, auf die Vollkommenheit und war folglich dieser Liebe verlustig gegangen, als sie die Vollkommenheit verlor, jeden Tag mehr, in einer sich steigernden Geschwindigkeit. Nachdem sie fort war, blieb er solo. Fast bis in die Mitte seines fünften Lebensjahrzehntes. Er kam mit Menschen nicht klar, das wusste er schon früh. Schon in der Schule hatte er es gespürt, das Entfernte, welches seine Person betraf und ihn fernhielt von Freundschaften und Liebeleien, von jenen vielfältig ausgestalteten Beziehungen, die er, später erst allerdings, zwischen den Menschen erkannte, und die ihn in Verwunderung, ja manches Mal sogar in Panik versetzten, dann wenn er spürte, dass jemand ihm nahekommen wollte.
Die zweite Geliebte lernte er im Internet kennen, auf einem Verkaufsportal. Acht Jahre lebte er mit ihr, schweigend beide oft, manchmal sprach er zu ihr, wenn er voll sexuelle Ektase auf ihren Leib ejakulierte und sie dabei mit Wörtern bedachte, die ihn, und wie er hoffte auch ihren schweigenden Geist in gleicher Weise, sexuell stimulierten.
Dann traf er die, der er nun seine Frau nennen konnte.
Eine Geschäftsauflösung unweit seiner Wohnung hatte sie und ihn zusammengeführt. Ein Ereignis, als wäre Gottes Hand im Spiel. Für einen Menschen, der gläubig war, wie er, der sich Sonntags morgens zu den anderen in die karge, schmucklose Kirche der Gemeinde setzte, war der Wille des Herrn unübersehbar. Das Feuer, das sofort, in ihm loderte, als er ihr begegnete, die milde Folgsamkeit, die ihr eigen war und dazu führte, dass es ihm leicht wurde, sie mit zu sich zu nehmen, ja, wie sie sich einpasste in sein Leben, wie sie den Schwur der Treue, den er ihr, vor den Ohren seines Herrn gab, annahm, schweigend, aber doch, da war er sich sicher, beredt und innerlich bewegt von seiner tiefen Liebe zu ihr.
Er hatte sich in sie verliebt, tief, gewaltig, stärker als alle Gefühle, die ihm begegnet waren in seinem menschenfernen Leben. Gemeinsam beschlossen sie die andere auf die Straße zu setzten, nicht ohne ihr Gottes Segen zu wünschen.
Mit der, deren Liebe ihm gesandt worden war, würde er seinen Lebensabend verbringen, ganz sicher war er sich dessen. Er lächelte ihr zu. Puppen dieser Qualität waren teuer. Und er dankte es Gott, dass er sie um einen guten Preis hatte erstehen können vom Besitzer des aufgelassenen Damenbekleidungsgeschäftes.

Schwankungen

Posted on | Oktober 20, 2016 | No Comments

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Nachts. Club.
Harte Bässe.
Insomnia . Faithless.
Wem glauben?
Hundert Tänzer.
Schlaflos. Die Bomben.
Die Frau auf dem Trottoir.
Bajazzo.
Das Kind. Funkenmariechen.
Die Tänzer.
Die Bomben wie Bässe.
Übern Main die Bankentürme.
Interkontinentalraketen.
Fader. Maneater.
Hundert Tänzer.
Wir machen ein Faß auf.
Fassbomben.
Die Detonationen.
Die Bässe.

Dylan, die Kunst, der Pop, Tauschwert und Gebrauchswert und der ganze Rest.

Posted on | Oktober 19, 2016 | No Comments

DCF 1.0In diesem kurzen Text geht es gar nicht um Dylan, sondern um Adorno und Marx, klassische Musik und die Cesarians und die Gemälde meiner Mutter.

Meine Mutter hat nämlich gemalt. Nur für sich und nicht schlecht. Sie hat die Bilder nicht verkauft, hatte es auch nicht vor, sondern hat sie manchmal mir geschenkt und manchmal andern. Die meisten sind verschollen. Ihre Bilder hatten keinen Tauschwert, sie waren nicht warenförmig, sie sind nicht gehandelt worden, sie hatten vielleicht einen Gebrauchswert: Für meine Mutter und ihre Erholung. Nun ist das so eine Sache mit dem Gebrauchswert. Denn wenn der Gebrauchswert für den Produzenten höher ist, als der Tauschwert, den er erzielen kann, wird er nicht verkaufen wollen. Kunst aber hat gar keinen Gebrauchswert für den Künstler, der höher ist als der Tauschwert. Denn er hat ja etwas geschaffen, das entweder immer wieder teilbar ist oder anderweitig wiederholbar. Er braucht weder die Tondichtung, noch die Normseiten oder das Bild, um Tondichtung, Normseiten oder ein Bild herzustellen. Er möchte aber gerne gut essen, ordentlich wohnen und nicht frieren. Er wird also verkaufen. Meistens an Leute, die mit der Ware handeln und Profite erzielen. Das ist nicht schlimm, sondern das Wirtschaftssystem. Wenn man es falsch findet, und ich finde es falsch, muss man sich (be)mühen, das System zu ändern.
Die Cesarians gehören zu meinen Lieblingsgruppen, sie kommen aus London und machen interessante und gut komponierte Musikstücke. Die Cesarians sind eher Insidern bekannt. Sie machen ohne Frage populäre Musik, der anständige deutsche Strukturkonservative nennt es U-Musik. Sie verdienen damit Geld, vermutlich nicht sehr viel. Ihre Kunst hat einen Tauschwert. Sie ist ein Industrieprodukt, wie alle Kunst, die zu Markte getragen wird. Jedenfalls im Sinne Adornos. Sie wird aber nicht gemacht, weil eine Industrie es will, sondern weil Künstler sie machen wollen. Die Kompositionen sind keine Auftragsarbeiten. Da ist der einzige Unterschied im Sinne Adornos zwischen der einen und der anderen Kunst. Aber die Auftragskunst verliert ihren Kunstcharakter nicht wegen des Auftrags. Das kann man sehr schön an Tschaikowsky Symphonie 1812 erkennen, der man schwerlich absprechen kann ein Kunstwerk zu sein, obwohl sie ein Auftragswerk war. Auch für Mozarts Requiem mag das gelten. Der Fall ist umstritten.

Maria Callas war ungleich berühmter als es die Cesarians sind. Und sie ist es noch. Sie ist eine Ikone. Ihre Aufnahmen haben immer noch einen hohen Tauschwert. Aber sie macht keine Pop-Musik, sondern klassische. Da spitzt der Strukturkonservative die Lippen, pfeift sich einen (vermutlich aus dem Vogelfänger) und sagt: „Aha, E-Musik“. Das heißt ernste Musik. Warum weiß man nicht. Ich glaube das ist nicht ernstgemeint. Nur muss ja dem Strukturkonservativen in seiner Erscheinungsform als Intellektueller der Unterschied erhalten bleiben zu denen, die halt die Cesarians hören. In Wahrheit ist es unmöglich ein Intellektueller und zugleich ein Strukturkonservativer zu sein. Denn wie soll man sich vom normativen Denken lösen (Alfred Weber), wenn man zugleich in den Strukturen feststeckt, wie ein Kettensträfling in seiner Sitzreihe auf der Galeere?

Nicht erst seit der Dylan’schen Erwählung gibt es den Versuch auf Verbiegen und Erbrechen einen Unterschied zwischen Pop und Nicht-Pop, zwischen E und U ableiten zu können. Es mag nicht recht gelingen, auch wenn sich der eine und die andere wirklich Mühe geben der Leser- oder Hörerschaft ein X für ein U vorzumachen. Könnte man Haydn fragen, so würde er den Vertretern der Grenzziehung einen Vogel zeigen: Er hat Volksmusik, also die Pop-Musik der damaligen Zeit, in großen Mengen in sein Werk integriert, er hat gesamplet.
Adorno hat die Unterscheidung auch versucht; auf seine Art. Es ging ihm nicht um E und U, sondern um die Warenförmigkeit. Die Idee war gut. Meiner Meinung nach ist es ihm aber nicht gelungen der Marx’schen Idee von Gebrauchswert und Tauschwert eine besondere Form in der Kunst zur Seite zu stellen. Die Adorno’sche Teilung in Massencharakter und einem verbleibenden Rest authentischer bürgerlicher Kunst scheint mir falsch zu sein. Die Aufklärung ist handelbar. Auch Kunst, die aufklärerisch in also diesem Sinne ist, unterscheidet sich nicht in ihrem Charakter als handelbares Werk, sondern nur in ihrem inneren Charakter. Letztlich unterscheidet das Werk Pinchons und Danellas die Qualität und der Aufbau, vielleicht die Tief und die Setzung, aber nicht die Handelbarkeit. Das gilt auch für die Cesarians, Maria Callas oder Justin Bieber.

Künstler wollen leben. Das nutzt die Kunstindustrie. Mit der Kunst an sich hat das nichts zu tun. Wohl aber mit der Industrie. Das Wesen des Kapitalismus ist die Profitmaximierung. Und da ist es einerlei, ob es es sich um Cesarians oder Maria Callas handelt, es ist sogar egal, ob es sich um Adorno oder Precht handelt. Nur wenn man auf die Art Werke schafft, in der es meine Mutter getan hat, entzieht man sich dem. Aber sie musste und wollte nicht von der Kunst leben (obwohl sie es vielleicht hätte können können). Es bleibt mir die Erkenntnis: Man kann die Kunst nicht ihres Erfolges zeihen und ihr die kapitalistische Verwertung vorwerfen, wenn sie doch gar nicht anders kann, als kapitalistisch verwertbar zu sein. Adorno hin und Horkheimer her.

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