Dreissigster Juli Zweitausendzehn
Posted on | Juli 30, 2010 | No Comments
Nachbarschaftsgedicht
Wenn die Vorstädte brennen,
wird mir warm ums Herz.
Die Punks auf dem Marktplatz
erhöhen mein Sicherheitsgefühl.
Das einzige Braune, das hier brütet
sind die Spatzen.
Meine serbischen Nachbarn
kommen gut aus mit den polnischen.
Oben links hört jemand Strassenjungs.
Der kurdische Bäcker backt das Brot.
Die Mischung stimmt.
Wenn die Städte brennen,
wird auch wieder gelöscht werden.
Es kommt darauf an,
wer den Brand legt
und wer die Feuerwehr ist.
Noch ist es kalt im Land.
Neunundzwanzigster Juli Zweitausendzehn
Posted on | Juli 29, 2010 | 1 Comment
facezentralemyvzspacebooksklaven
zeitverliersystemnotwendigkeiten
alles ist verxingt.
Zum linkedInneln. Aber immerhin:
Besser noch als früher, ist‘s allemal:
Keine zig Briefe mehr pro Tag,
keine zig Faxe mehr pro Tag,
keine zig Telefonate mehr pro Tag.
Und‘s geht auch unter. Da hat sich nichts
geändert hat sich nur das
Medium garantierte noch nie
derlage im gewinnenden Anblick
von Briefmarke und Bild im
Profil muss man sich schneiden
ins Gesicht beim
Rasieren wir die Zeit
alle zwei Tage.
Achtundzwanzigster Juli Zweitausendundzehn
Posted on | Juli 28, 2010 | No Comments
Das Literaturkraftfahrzeug
Sie fährt. Ich habe gar keinen Führerschein. Nacht, Berlin. Regen fällt leicht, die Luft ist kühl. Der Asphalt glänzt. Ganz new-yorkish ist der Potsdamer Platz. Ich blicke durch das Fenster im Verdeck. Rot, grau und silbern die Hochhäuser, das Ritz ganz Dreißiger. Dann vorbei an den Botschaften, auf der anderen Seite der Park. Und immer weiter.
Nachts im Auto durch die Großstadt. Ziellos. Wahllos die Straßen gewählt. Immer im Kreis herum. Die Frankfurter Allee hinauf, an der Spree entlang, am Landwehrkanal, am Denkmal für Rosa Luxemburg vorbei. Im Radio spielen White Lounge. Während sie ziellos mit mir durch Berlin fährt, lese ich laut aus dem Typoscript meines Romans. Manchmal unterbricht sie mich: Da fehlt doch was … und: Das muss Du nochmal überarbeiten.
Fettige Gläser
Posted on | Juli 28, 2010 | No Comments
Gestern habe ich mit Aleksandra
geschlafen hat sie
in meinem Traum Durst
hatten wir uns
in den Armen
lagen alle ihre
Hoffnung hat sie nie
begraben sagt sie
hätte man sollen
wollen die ganze
falsche Moral.
Ein Glas Wasser Kollontaj,
bring mir ein Glas Wasser.
Lass uns Pelmini essen
in den Volksküchen.
Gestern habe ich mit Aleksandra
geschlafen hat sie
in meinem Traum Durst
haben wir gelöscht
mit dem Glas Wasser
fließt hinab die Moskwa.
Wir schlugen uns
Fragen in die Haut
schnitten wir
Rote Sterne
sterben nie
solche wie die.
Ein Glas Wasser Kollontaj,
ich bring Dir ein Glas Wasser.
Lass uns Pelmini essen
in den Volksküchen
die noch nicht geöffnet haben.
Ein Glas Wasser Kollontaj,
Vera bringt uns ein Glas Wasser.
Lass uns Kirschen essen
in den Volksküchen.
Man trägt Kohlen herbei.
Es wird brennen.
Dreiundzwanzigster Juli Zweitausendzehn
Posted on | Juli 23, 2010 | No Comments
Durch den Regen gelaufen; der fällt sanft, sacht fällt er, als wolle er die Menschen streicheln. Das Licht ist klar. Kein Wind geht. Schwer hängen die Zweige der Sträucher herab.
Venezuela hat die Beziehungen zu Kolumbien abgebrochen. Kolumbien, das Land der Drogenbarone, diese Scheindemokratie mit ihren Paramilitärs und dem blutigen Kampf gegen Demokraten … einer der wenigen Staaten, in denen es den demokratischen Aufbruch Lateinamerikas noch nicht gibt. Immer wieder sind Soldaten Kolumbiens über die Grenze nach Venezuela eingefallen. Immer wieder haben Agenten der kolumbianischen Regierung versucht den demokratischen Prozess in Venezuela zu unterminieren. Vielleicht ist der schwere, starke Schritt auch ein Schritt, Veränderungen in Kolumbien einzuleiten.
Nachher ins Auto und nach Offenbach. Kunst und Sünde in der Grande Opera morgen. Und dann wieder zurück. „Schöne Strecke“ in das Navi eingeben und über Dörfer fahren, durch malerische Täler, über baumbestandene Höhen.
Einundzwanzigster Juli Zweitausendzehn.
Posted on | Juli 21, 2010 | 2 Comments
Jetzt in Wien sein! Aber ich bin nicht dort. Jetzt durch die Gassen des 1. Bezirks laufen. Am Nachmittag einen Tee mit Phettberg und am Abend in irgendeinen Club. Den Morgen hätt‘ ich begonnen mit einer Melange im Hawelka. Und dann Schnittchen gegenüber. Ich wäre in den Stephansdom gegangen und hätte mich durch die aufgebahrten Gebeine unter der Straße führen lassen. Schön morbid‘ wäre er gewesen, der sonnige Morgen in Österreichs Hauptstadt.
Jetzt in Lissabon sein! Aber ich bin nicht dort. Jetzt durch die Altstadt gehen. In einer portugiesischen Bäckerei frühstücken und dann schon Ausschau halten, nach einem touristenschwangeren Fado-Restaurant für den Abend. Und danach an den Atlantik. Schauen auf das große Wasser. Muscheln essen zum Mittag. Schön in der Vergangenheit läge der sonnige Morgen in Portugals Hauptstadt.
Jetzt Tourist sein, in meiner Stadt. Ich würde zum Brandenburger Tor gehen und frühstücken vielleicht am Potsdamer Platz. Die Museen würde ich besuchen und Torte essen im Opernpalais. An den Wannsee würd‘ ich fahren und mit weißen Touristenbooten eine Tour über Landwehrkanal, Spree und Havel machen. Aber ich bin kein Tourist. Und so war ich nur im Supermarkt, habe Tabak geholt im Tabakladen und begleitete Julietta, die das Auto zur Reparatur brachte.
Zwanzigster Juli Zweitausendzehn.
Posted on | Juli 20, 2010 | No Comments
Früh aufgestanden heute. Die Müdigkeit hat sich an mir festgebissen, wie eine Wanze, die den Morgen nicht gewahr geworden ist. Das Sonnenlicht ist heiß und wirkt doch kalt. Wie Neonbeleuchtung fällt es auf den Beton. Dunkelgrün der wilde Wein, die Blätter der Bäume auch. Rot und blau die Sonnenschirme.
Die Domaine hatte noch geschlossen, als wir heute morgen um 9 Uhr vor ihr standen. Zu früh für Berlin waren wir. Wegen des Autos sind wir früh aufgestanden. Zu früh für die Domain, nicht zu früh für unseren Autoschrauber. Alles wird gut.
Am 20. Juli 1944 versuchten einige Adliger, Konservative und Sozialdemokraten gegen die faschistische Reichsregierung zu putschen. Nicht, weil die Faschisten so viele Menschen ermordet hatten, so viele Juden, Zigeuner, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen. So viele. Nein – weil sie hofften den Krieg noch mit einem gesichtswahrenden Friedensvertrag zu Ende zu bekommen. Ein Aufhebens hat man in der BRD schon immer um dieses Attentat gegen Hitler gemacht. Vielmehr, als gegen die frühen Attentate, viel mehr als um den Widerstand von links. Das war den neuen Herren in der BRD ein guter Widerstand: Dieser adlige. Der von Elser und den Widerstandzellen im ganzen sog. Reich – er war lange Jahre die Erwähnung nicht wert.
Mrimurjmzrt kiöo uerozsidrmfurjm
Posted on | Juli 19, 2010 | No Comments
ermm ,sm mit romrm nivjdzsnrm ,oz krfrt jsmf brttizdvjz. Lp,,z esd lp,odvjrd jrtsid- ,sm lsmm fsd rmzdvjöiddröm. Snrt ,sm ,idd rd movjz-
Sexzentner Juli Zwei tauschen Zehn.
Posted on | Juli 16, 2010 | No Comments
Gehnse doch ma davon aus, det det nich so is, wie’et scheint. Nee, nee. Is janz anders. Ma uffjepasst: Wennse jlauben, det det mit die Farbe zusammhängt, denn sind Se schonma falsch gewickelt. Hat mitte Farbe nix zu tun, absolut jarnischt. Det is ehr eine Fraje von — sehnse un da wird da nu kompliziert und zwar wejen der Schnürsenkel. Also wat wollt ick sarjen? Jenau: Det is ehr ne Fraje vont Verhältnis vonne Breite zue Höhe. Die Länge? De is irrelevant. Total irrelevant. Nochma wejen de Schnürsenkel, denn wird det ook verständlicher: Wennde da jetzt sarjen wir ma einen Stoppenstek ant eine Ende benutzt, denn musste natürlich die Senkel vorher mitm Schotstek verbunden ham. Sonst is det zu kurz und denn wird da kniffelig.
Nachher, wenn de allet fertig hast, denn denkste natürlich: Mein lieber Herr Gesangsverein. Aber zun Anfang sieht det noch janz anders aus!
Ja, klar kannst det nachher noch anstreichen. Musste aber nen kleinen Pinsel nehm’ wegen die Ecken. Anne Kanten vorher abkleben. Det is ja klar!
Ob die Bürstenheizung jetze funzt, det kannst am Besten mit ner Kleinbefeuerung durch Streichholzpällets prüfen. Musste aber über Nacht einlegen, sonst haften die nicht. Und denn biste fertig. Ist det nich scheen. Und jut sieht et auch noch aus.
Vierzehnter Juli Zweitausendzehn
Posted on | Juli 14, 2010 | No Comments
Gespräch in der Kantine des Düsseldorfer Landtags:
"So geht das nicht!"
"Was geht nicht so?"
"Ihre Bestellung. Sie bestellen hier nicht so!"
"Ich habe nur gesagt: Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee"
"Genau! Und das geht so nicht."
"Warum denn nicht?"
"Weil sie von der Linkspartei sind"
"Und?"
"Wegen des Unrechtsstaates"
"Ich verstehe nicht"
"Sie müssen das hinzufügen"
"Was muss ich hinzufügen, bitte schön"
"Den Unrechtsstaat"
"Ich kann Ihnen nicht folgen. Ich möchte nur eine Tasse Kaffee"
"Aber nicht so. Kommt gar nicht in Frage"
"Ich will aber weder Eierkuchen noch Unrechtsstaat"
"Das weiß man bei Leuten wie Ihnen nie!"
"Wie meinen?"
"Sie sind doch für die Diktatur"
"Bis eben noch nicht …"
"Haben Sie es jetzt begriffen?"
"Nein. Was denn?"
"Wie sie bestellen müssen. Die Menschen in der DDR hatten auch keinen Bohnenkaffee … ohne Westverwandschaft"
"Keine Ahnung … aber ich glaube doch"
"Auf keinen Fall. Die hatten ja auch keine Schokolade"
"Ich will eine Tasse Kaffee. Darf ich jetzt bitten"
"Sie dürfen bitten so lange Sie wollen. Aber so kommen Sie nicht ans Ziel"
"Was genau wollen Sie den bloß von mir?"
"Sie sollen ordentlich bestellen"
"Ich bestelle, wie alle anderen auch. Nun machen Sie schon. Die Schlange wird immer länger.
"Das ist doch Ihre Schuld. Wo Sie etwas zu sagen haben, gibt es immer Schlangen"
"Ich habe schon alles gesagt: Ich will einen Kaffee"
"Sie sind ein Querulant"
"Ich? Sie sind doch der Querulant. Geben Sie mir endlich den Kaffee"
"Nicht ohne ordentliche Bestellung"
"Mein Gott …"
"Tun Sie nicht so christlich. Sie sind alle Atheisten"
"Ich will Kaffee. Sofort!"
"Dann sagen Sie endlich: ‘Die DDR war ein Unrechtsstaat und ich will einen Kaffee’"
"Was?"
"Sagen Sie es"
"Nein"
"Da sieht man mal wieder die Verstocktheit der Linkspartei. Hält immer noch dem DDR-Regime die Stange"
"Ich will bloß einen Kaffee"
"Dann bekennen Sie: Die DDR war ein Unrechtsstaat"
"Sind sie in der SPD?"
"Selbstverständlich"
"Haben Sie auch Kraft-Malz?"
"Nur gegen die Diktatur"
"Was?"
"Kraft-Malz geht nur mit: Die DDR war eine Diktatur und ich hätte gerne ein Kraft-Malz"

















www.unruhestiften.de
