Straßennamen. Ein Gedicht.

by | Jan 2, 2023 | Wort & Freiheit | 0 comments

Straßennamen: Ein Gedicht.

Straßennamen sind wie Fußnoten.

Straßennamen sind wie Fußnoten. Sie weisen hin, weisen nach, verweisen auf Personen, Orte, Vergangenes. In Hamburg, nicht nur in Hamburg allerdings, gibt es die Generalsviertel. Moltke, Roon, Konsorten, jene Männer, denn es sind ja immer nur Männer, die soviel Leid gebracht haben. Auch über ihre eigenen Mannschaften. Die Männer, die Spießruten laufen ließen, wenn einer abhauen wollte, zum Beispiel. Spießrutenlaufen, dieses mörderische Bestrafungsmittel der preußischen Armeen.

Am Bullenhuser Damm wurden am 20. April 1945 20 Kinder, ihre beiden polnischen Betreuer und 24 russische Kriegsgefangene ermordet. Vorher hat man die Kinder mit schrecklichen medizinischen Experimenten gequält. Sie alle, Kinder, Betreuer und Kriegsgefangene, wurden ermordet, um die Taten zu verdecken.

Sylvin Rubinstein und sein Freund Major Werner, der als deutscher Major für den englischen Geheimdienst arbeite, waren Widerstandskämpfer. Rubinstein ging mit der Waffe in der Hand gegen die deutschen Soldaten vor, die in Polen mordeten. Er war recht erfolgreich. Werner besorgte falsche Papiere und sorgte für Versteck und Schutz.

Arie Goral, dieser großartige Künstler, der für ein unabhängiges Israel kämpfte und dann nach Deutschland zurückkehrte, von wo aus er vor der faschistischen Machtübernahme (eine fehlerhafte Beschreibung, die Macht wurde der NSDAP ja von den rechtsbürgerlichen Parteien ohne Not in den Schoß gelegt) nach Palästina gekommen war.

Sie alle werden unwürdig behandelt. Goral hat einen Kreisverkehr, also nichts als eine schäbische Kreuzung im Hamburger Grindelberg. Rubinstein hat nichts. Was wird dereinst, lang möge es dauern, meine Freundin Peggy Parnass erhalten, was ist für die leider verstorbene Esther Bejarano vorgesehen?

Es wäre schön, wenn sich der Senat meiner Heimatstadt dafür Sorge tragen könnte, dass Goral und Werner, Rubinstein und Bejarano im Bild der Stadt erscheinen würden. Anständig. An angemessenem Ort und nicht als Kreisverkehr.

Ach, die Plätze und die Wege,
die man wählte, sind zu klein.
Wie soll’n für die großen Leben,
solche Orte passend sein?

Arie Goral Sternheim wurde
nach dem Tod zu einem Platz,
einem Kreisverkehr in Hamburg,
den man umgewidmet hat.

Sylvin Rubinstein, der Kämpfer,
hat ein Grab nur noch als Ort.
Keine Stiege, keine Kreuzung,
nirgends lebt sein Name fort.

Generäle haben Straßen,
jene 20 Kinder nicht,
die am Bullenhuser Damm
starben vor dem Morgenlicht,

in der letzten Nacht des Krieges.
Wäre es nicht angebracht,
dass man jene breiten Straßen,
zu Alleen der Kinder macht?

Ach, die Plätze und die Wege,
die man wählte, sind zu klein.
Wie soll’n für die großen Leben,
solche Orte passend sein?

Foto: Bernhard Diener, via Wikipedia, licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

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