ONS

by | Mrz 23, 2022 | Wort & Freiheit | 0 comments

Manchmal legte ich eine melancholische Musik auf. Sängerinnen meistens. Folk meistens. Ein paar Songs über Liebeskummer und über Hoffnung. „Beautiful People“ von Melanie Safka zum Beispiel. Und ließ die Platte laufen, während ich mich im Bad gegenüber meines Zimmers stylte. Kajal. Haarspray für die Innenwelle der langen Haare. Parfum. Und dann hinaus. Freitags um Achtneunzehn am Abend. Zu Teddy manchmal, wenn mir Besseres nicht einfiel. Mit der U-Bahn bis zum schlump und dann zu Fuß. Aber meistens in die Zwiebel, Elbtreppe 7. Wo sich all das andere Volk eingefunden hatte und ein paar Musiker nach dem Gig noch rumkamen um zu jammen. Und ich immer mit den melancholischen Liedern im Kopf und mit dem Wunsch nach einen schwertraurigen One-Night-Stand. So einem, bei dem man weiß: die andere, der andere findet es so gigantisch wie Du selbst, schon bevor Haut auf Haut schwitzt, schon vor dem Sex, seine wunderbare Seele zu verwunden, wund zu ficken, abschiedtraurig mit den Nadeln eines ganz und gar inszenierten Scheiterns der allergrößten Liebe, die das Universum in dieser Nacht für sie, ihn, mich zu bieten hatte, zu spicken, wie ein Nadelkissen. Und dann noch reden hinterher. Über all das, was man erlebt hatte bisher, ein Telegramm eines fremden Lebens, dass sich doch nicht so sehr unterschied damals vom eigenen. Links alle. Vietnam. Amis raus. Das war früh. Und später dann: Chile. Oder Griechenland. Oder die Türkei. Immer war da im Unterton, dass wir uns uns selbst völlig ergaben, hingaben, weil wir uns dabei auch auflehnten gegen die Bedrängnis. Und wir waren alle so schön. So wunderschön. Verwundbar. Elfengleich. Einsam. Verliebt. Und manchmal war die Liebe, die in dem ONS entstand viel größer, schwerer, schwerwiegender als das Abschiedsversprechen und eines sagte zum anderen: Willst Du bleiben? Auch morgen? Und das andere sagte Nein. Manchmal fragte ich mir das Nein herbei, manchmal verschenkte ich es für ein paar Tränen.

Und danach noch vor ihrer, seiner Haustür stehen und rauchen und dann in den Mash Club in der Eimsbüttler Chaussee oder noch zu Erikas Eck zum Frühstücken oder nach Hause. Und in wohliger Traurigkeit einschlafen, wenn es gut war. Und wenn es schlecht war, wenn ich geblieben war aus Höflichkeit, so wie manche mich bestimmt aus Höflichkeit nicht vor den schönen Schmerzen wieder auf die Straße setzten, war es wohlig bedrückend.

Aber frei war es. Ganz, ganz frei.

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