Kann das weg? Die Linke, die Kunst und die Kultur

by | Jan 12, 2022 | Wort & Freiheit | 0 comments

Als noch etwas kürzer war, als ich es jetzt bin, in 1970er Jahren, war Kunst und Kultur ein gesellschaftlicher Bereich, der vorwiegend von Linken ganz unterschiedlicher Couleur bestellt wurde. Sie waren allenthalben in diesem Areal: In der Musik, da wohl stärker noch als in den anderen Sektoren, in der Bildenden Kunst, im Theater, waren Schriftsteller:innen und Regisseur:innen. Die Kultur, die Kunst insbesondere, war links geprägt. Das hat mich sozialisiert.

Wohin ich mich wendete, ob ich auf Konzerte ging oder in meine bevorzugten Buchhandlungen, ob ich ins Theater ging oder in meine Stammkneipen (Teddy, Zwiebel, Hinkelstein): Überall waren wir die stärkste der Parteien und allenthalben wurde über die Kunst und die Kultur im Verhältnis zum Klassencharakter der gesellschaftlichen Institute gesprochen.

Wir haben diese Bindung von Kunst und Kultur an linke Anschauungen in achtziger Jahren verloren. Wir haben sie in den Neunziger und im neuen Jahrtausend nicht wieder erlangt.

Wohl ist es noch so, dass sich viele Künstler:innen als links empfinden, aber es gibt keine Rückkopplung mehr, jedenfalls nicht in einem spürbaren Grad. Es ist überwiegend so, dass es gefühlsbasierte Ablehnungen des gegenwärtigen Zustandes von Land und Welt gibt, oft mit einer Art von Erkenntnisesoterik verschränkt, die dann zustande kommt, wenn sich das Individuum aus eigener Kraft versucht die Welt zu erklären.

Eine Phalanx aus auch politisch gebildeten, im Spektrum der Gewerkschaftsbewegung, von linken Organisationen usw. verankerten Künstlern gibt es kaum mehr. Waren es im Nachgang der Erhebungen der mittleren und späten sechziger Jahren noch Gruppen wie die Gruppe 61 (später ging auch aus ihr der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt hervor), Künstler für den Frieden, Künstler gegen Rechts usw., und Personen wie Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader, Max von der Grün, Gisela Elsner, Peter Schütt, Floh de Cologne, Ton Steine Scherben oder Lok Kreuzberg (aus Mitgliedern der Lok ging die Nina Hagen Band hervor) die zusammen mit vielen, vielen, international, national oder regional bekannten Künster:innen im Westen eine linke Kultur schufen so sieht die Lage heute anders aus. Nur noch wenige Schriftsteller:innen verfügen über eine auch im Werk spürbare linke Angekoppeltheit an die Arbeiter:Innenbewegung. Und was für die Schriftstellerei gilt, gilt auch für alle anderen Kunstsparten.

Was nun überwiegt, ist ein eher kleinbürgerlicher Ansatz von einer guten Welt durch gute Taten, also Spenden, Almosen, Einpunktproteste. Es ist eine Rückkehr zum Biedermeier, zum eigenen Umfeld und zur milden Gabe.
Die Systemfrage stellen nun zwar vieltausend junge Menschen (F4F) und es sitzt eine linke Partei (DIE LINKE) im Parlament, aber es gibt keine Subkultur, die das trägt. Weder hat sich aus der Fridays-For-Future-Bewegung ein spürbarer Einfluss auf die Künste ergeben, noch hat es die in einer Anzahl Landesparlamente und dem Bundestag vertretene Partei DIE LINKE geschafft, Kunst zu einem ihrer Markenkerne zu machen. Sie liegt damit noch weit hinter der kleinen, politisch kaum spürbaren DKP, die aber mit ihren UZ-Pressefesten durchaus reüssieren kann.

Eine LINKE und eine Linke, die Partei also, wie die vielschichtige gesellschaftliche Strömung, brauchen aber das Fundament der Kultur und die Stahlträger der Kunst, um sich ein festes Haus zu bauen. Sonst weht der erste Orkan alles wieder um.

Dazu braucht es mehr, als nur das Wollen. Es braucht gegenseitige Angebote.

Und bei den Künstler:innen braucht es das, was die Generationen vorher hatten, den Wunsch über die Gesellschaft, die Arbeiter:innenbewegung und die Geschichte zu lernen, also nicht die Spruchweisheiten aus Studierenden-WG und Elternhaus aufzusagen.

Es ist natürlich richtig und wichtig, konkret solidarisch zu handeln. Es ist schön, wenn man die Hälfte der Gage spenden kann und es auch tut. Aber es hat letztlich nur eine sehr, sehr beschränkte Relevanz. Wer verändern will, muss wissen, wie das funktioniert, was er ändern will. Deshalb brauchen wir gebildete, geschulte Künstler:innen. Solche Leute wie Max von der Grün, der leider tot ist, wie Erasmus Schöfer, wie Peggy Parnass, wie Rio Reiser oder Hannes Wader, wie Renft oder den frühen Biermann. Sie und viele andere haben die Generationen zuvor geprägt und verleitet, sich Wissen anzueignen. Und wir brauchen ihren Einfluss auf die Kolleg:innen, die es zu gewinnen gilt.

Was für die Ausübung von Kunst gilt, gilt auch für ihre Rezeption, also den Kulturbetrieb. Wir, die Linken, haben vollständig an Einfluss in Literaturkritik und Theaterrezenion verloren. Wir spielen keine Rolle in den Musikmagazinen und in den neuen Medien. Wir kommen dort als Journalist:innen, als Influencer:innen, als Moderator:innen nicht vor.

Selbst in unseren kleinen Medien, die Anzahl ist überschaubar, beherrschen uns kleinbürgerliche Blickwinkel. Wir beten den Ansatz von der Trennung von Werk und Autor nach, ohne zu fragen, ob das denn so, in dieser fast apodiktischen Art, stimmen könne oder ob es sich hier nicht darum handelt, den Agitationsraum unangetastet zu lassen.

Weshalb hypen wir die Werke der uns Nahestehenden nicht, wenn es die Qualität der Werke zulässt, statt auch einen Beitrag über das schon dutzendfach besprochene Werk, bekannt aus Funk und Fernsehen, zu schreiben?

Natürlich kann man Subkulturen nicht entstehen lassen. Man kann aber Voraussetzungen schaffen, dass sie überhaupt gedeihen können. Dazu gehört es, die Künstler:innen, die man hat auch einzuladen, sie zu rezipieren, zu zitieren, auftreten zu lassen, sie in Publikationen und Reden zu erwähnen, sie präsent zu machen. Das gilt für die Partei DIE LINKE, wie für andere linke Parteien auch, das gilt für die Gewerkschaften und die Initiativen. Für die großen und kleinen. Für alle. Nutzt uns, uns die Künstler, die wissen, dass der Klassenkampf nicht vorüber ist, nur weil nun das einundzwangzigste Jahrhundert 22 Jahre alt ist. Aber vermutlich tut Ihr es auch weiterhin nicht.

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