Im August ist im Kulturmaschinen Verlag, ein Verlag, der seinen Autor:innen vollständig gehört und mit großem Sachverstand durch den gewählten Verlagsleiter Sven J. Olsson geführt wird, ein Band mit Erzählungen von Peter H. Gogolin erschienen.

Gogolin gehört, das darf nicht verschwiegen werden, zu den Gründern des Autor:innen-Verlages Kulturmaschinen. Sein literarischer Sachverstand, das unbestechliche Festhalten an hoher literarischer Qualität bei Neuaufnahmen in den Kreis der Kulturmaschinist:innen tragen sicherlich zu dem sich abzeichnenden Weg der Kulturmaschinen bei.

Peter H. Gogolin hat bereits in den Achtziger Jahren beträchtliche Erfolge mit seinen Büchern erzielen können. Er war damals ein literarisches Schwergewicht. Er ist es heute. Seine, inzwischen im Kulturmaschinen-Verlag wiederaufgelegten Romane Seelenlähmung und Kinder der Bosheit erschienen 1981 und 1986 bei Kiepenheuer und Witsch. Er war 1989 Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

Dies alles wissend habe ich erwartet, was ich auch bekommen haben: Einen Band mit großartigen, wortgewaltigen und als feinstes literarisches Linnen gesponnenen phantastischen Geschichten. Wer das Werk Gogolins kennt, erwartet dabei nicht von der Welt losgelöste Phantastische Literatur, die ihm, wie ich vermuten darf, nur Phantasmagorie wäre, sondern eine, die ihre Übersinnlichkeit in allen sieben Sinnen findet. So bleiben auch diese Geschichten wahr, aber sie schweben dem üblichen Lauf des Wahren ein Stück voraus.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit Inhaltsangaben über ein Buch mit sechzehn Erzählungen zu machen, das sich auf gut dreihundert Seiten beläuft. Inhaltsangaben sind aber ohnedies meine Sache nicht. Warum soll der Kritiker seinem Publikum den Inhalt eines Buches erzählen, das der Leser oder die Leserin ja selbst zu entdecken hat. Meine Aufgabe ist es doch eher mein Urteil darüber mitzuteilen, ob es sich lohne ein Buch zu lesen, ob es gerade noch ginge oder ob es Zeitverschwendung wäre. Da ist das Urteil bei diesem Buch schnell getroffen: Ja, Sie müssen es lesen, von sollen kann da gar keine Rede mehr sein. Kein Wort ist falsch (und oft lese ich, zu meinem Bedauern, Bücher, in denen die falschen Wörter verwendet werden, in denen die Beschreibungskompetenz unzureichend ist, in denen der Fluss des Lesens durch unliterarische Schreibe des Autoren, der Autorin ganz und gar gehemmt wird. Nicht bei Gogolin! Beileibe nicht.

Wie in seinen Romanen zieht er den Leser in eine andere Welt, so sehr, dass man alles andere vergisst. Da sitzt man, quasi als Opfer von Gogolins Talent noch im Lesesessel nachts um drei Uhr, obwohl man unbedingt um elf im Bett sein wollte. Und wenn die letzte Geschichte gelesen ist, spürt man einen kleinen Zorn auf den Schriftsteller, der nicht noch eine, und dann noch eine, geschrieben hat.

Gogolins unbestreitbare Stärke ist es das Gefühl der Einsamkeit, der Leere, der Verlorenseins, auch des In-Sich-Selbst-Verlorenseins, nachzuzeichnen, aufzuschreiben und doch mit jener Leichtigkeit in die Realität einer Geschichte, eines Romans zu intergrieren, die großem Talents bedarf. So auch hier. Die Phantastik dieser Geschichten ergibt sich aus Unheimlichkeit des Bekannten, aus den Gefühlen, die einer sofort als die seinen erkennt, beim Lesen, selbst wenn er hernach bemerken muss, dass er sie noch nie gehabt hat und damit zugleich die Phantastische Literatur Gogolins zu einem Teil der eigenen Realität macht.

Das gelingt Peter H. Gogolin durch die Genauigkeit der Schilderungen. Die Richtigkeit der Wörter, die dafür so wichtig ist, erwähnte ich ja schon, aber es ist mehr. Genau ist eine Schilderung ja erst dann, wenn sie alle Ebenen zugleich erfasst und richtig schilder. Es gibt keine Richtigkeit des Nursichtbaren. Es braucht auch die implizite Schilderung der Ebenen darunter.

Jedesmal beim Lesen einer der Geschichten entschied ich mich: Das ist meine Lieblingsgeschichte aus diesem Buch. Und tat es bei der nächsten wieder. So dass am Ende das Urteil schwerfiel. Ihnen wird es genauso gehen. Wenn sie durch die sechzehn Welten gewandert sind.

Als hätten die Geschichten ein zu Hause, welches vom Geschehensort abweicht, kamen sie mir alle venezianisch vor. Ich vermag aber nicht zu sagen, woran das liegt. Vielleicht, weil alle Gondeln Gogolins Trauer tragen.

Peter H. Gogolin ist der Gegenentwurf zu den meisten Autor:innen der Wendegeneration, die oftmals, aber natürlich nicht alle, mit einer Attitüde, die zwischen Sarkasmus und Hohn changiert, die Welt aus egozentrischer Sicht schildern. Bei Gogolin ist alles verfolchten, verwoben, kybernetisch verbunden. Es gibt stets eine Dialektik. So auch in diesen Geschichten, die einen nicht loslassen beim Lesen.

Bitte tun Sie sich einen Gefallen: Kauf Sie sich das Buch. Sie werden es nicht bereuen.

Leander Sukov