Der Spiegel berichtet heute, dass die österreichische Schauspielerin und Kabarettistin Lisa Eckhart nicht beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg auftreten könne, man hätte sie ausgeladen. Vorangegangen seien Drohungen, den Auftritt zu sprengen. Man unterstellt Lisa Eckhart Antisemitismus.

Ich mag Lisa Eckhart nicht. Aber sie muss auftreten können.
Es kann nicht sein, es dazu kommen zu lassen, dass Künstler nicht auftreten können, weil die Interpretationsweite ihre Darbietungen, Veröffentlichungen oder Aussagen die Erfassungsmöglichkeiten ihrer Kritiker übertrifft. Es gibt, außer auf der Ebene der Zuschreibungen, keine aus den Texten sicher ablesbaren antisemitischen Stellen. Die Figur, die eine Bühnendarstellungen auf einer Bühne «gibt», ist nicht zwingend die Schauspielerin selbst.
Ich habe Probleme damit, was Lisa Eckhart macht. Nicht nur wegen der Inhalte an sich (das ist meine individuelle Sache und gehört in den Bereich der Theaterkritik), sondern abseits der Kunstkritik wegen der Rezeptionsschwäche, die Teile des Publikums haben: Ich habe Probleme damit, was Eckhart auf der Bühne macht, weil das Publikum oft so dumm ist.

Die Figur, die Eckhart darstellt, die kenne ich. Das ist die, vermeintlich linksliberale, Häppchenfresserin und ist der Schampusschlapperer. Beim Häppchen sagen einem diese Leute hinter vorgehaltener Hand, dass man bei dem und dem sein Geld gut anlegen könne, weil der Jude sei und mit Geld folglich Bescheid wisse. Die findet man auf jeder zweiten durchschnittlichen Cocktailparty. Sie stehen zusammen mit denen, die einem erzählen, die Entwicklungshilfe für Afrika sei eine blöde Idee, weil da eh alle korrupt wären, vom der «Häuptlingsfrau» bis zum Präsidenten. Auf solchen Smalltalkevents kann man schon mal Leute treffen, die mit tiefem Bedauern äußern, es wäre schlimm, was «der Hitler» alles getan hätte, weil die Uniformen der SS sexy gewesen wären. Und genau diese Leute stellt Eckhart dar. Meiner Meinung nach. Vielleicht ist sie ja eine von denen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das sicher nicht ist.

Vor Jahren schrieb ich einen Beitrag für eine Zeitung, welche weiß ich nicht mehr sicher, vielleicht war es die jW, der daraus hinauslief, dass ich mir nicht von denen, die sich damals weit aus dem Fenster lehnten das N-Wort aus der Literatur für Kinder zu verbannen, sagen lassen wollte, dass das N-Wort aus der Literatur für Kinder verbannt werden sollte. Man verstand weitläufig, ich wäre dafür, dass Pipi Langstrumpfs Vater nicht zum Südseehäuptling werde. Dabei wollte ich nur nicht, dass die, welche mit ihrer konkreten Politik den hiesigen Rassismus und die Armut in Afrika zu verantworten hatten (und haben), quasi zum Hohn jetzt auch noch diese (wichtige) Debatte anleiteten. Es ging um weiße Politiker:innen. Nicht um die Verhinderung von Anti-Rassismus. Seit damals weiß ich, wie oberflächlich Texte verstanden werden.

Es mag sein, dass die Figur am Ende doch die Darstellerin ist, dass sie sich also selbst «gibt». Ich weiß es aber nicht. Wenn der Verdacht reicht, um Auftritte zu canceln, haben wir ein grundsätzliches Problem. Welche Einpersonenstücke wollen wir dann in der Zukunft von der Bühne verbannen, weil uns die Figur nicht behagt?
Ich bin mit der Entscheidung des Festivals in Hamburg (Harbour Front Literaturfestival) nicht einverstanden.

 

Leander Sukov