Tschaikowsky macht immer alles gut. Ich fahre durch eine verschneite Landschaft an den Ammersee. Allein im 1. Klasse Coupé des Regionalexpresses. Bayernticket. Bis Treuchtlingen das Violinenkonzert 1 Ddur. David Oistrach. Es muss David Oistrach sein. Sonst sind die Töne nicht wie Eis, wie Sturm über Sibirien, wie Schneewehen. Jetzt das Klavierkonzert. Sofia Vascheruk.
Als ich von West-Berlin zurück nach Hamburg fuhr. So Achtzig muss es gewesen sein, hörte der LKW-Fahrer, der mich mitnahm die Sarabande von Jon Lord. Ich kann mich gut an Musik erinnern. An die kühle Soul-Musik bei, oder sagt man: in?, Musik für junge Leute. NDR. Anfang der Siebziger. Als mich „er“ im Arm hielt. Im Arm hielt? Ja, vielleicht. Vielleicht ist das das richtige Wort für diese schrecklichschönnahe, übergriffige, eindringende, brutale, nötige, stürmische, kalte, schneeverwehte, sibirische, Eisprinzenumarmung.
Vom Fenster des Laster sah ich die Interzonenautobahn umzäunt von Glasbäumen, Glassträuchern. Vom Eis verglast. Die Pflanzen. Die Schilder. Ganz und gar. Unwirklich sah das aus, wie aus einem Märchenfilm der DEFA. Und dazu die Sarabande. Und dazu der Fahrer, der von seinem Laster erzählte. Ich fuhr durch das Interzonen-Märchen im Laster zurück und war im Unfallwagen gekommen. Den hatte „sie“ gefahren. Einen alten Mercedes-Diesel-Unfallwagen. Weiß gestrichen. Sie wohnte im Wedding, glaube ich. Eine eiskalte Wohnung. Kohlenheizung. Es dauerte ewig, bis ein wenig Wärme entstand. Auch „sie“ war kalt. Und ich wars. Wir wussten nichts anzufangen mit uns. Warum war ich mitgefahren nach Berlin, wenn jedes Abenteuer abgesagt wurde. „Guten Abend, meine Damen und Herren, wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass der heutige Theaterabend ausfällt. Die Schauspieler haben ihre Texte ganz vergessen. Sie verstehen … keine Handlung möglich … Versuchen Sie es in einem anderen Theater nochmal.“ Ich fuhr am nächsten Tag. Sie brachte mich noch zum Grenzübergangskontrollpunkt. Ich fragte mich durch die Reihen der LKWs, bis ich einen fand, der mich mitnahm. Wie mag „sie“ geheißen haben? Wir hatten uns in Hannover kennengelernt. Auf einer Party. Geredet hatten wir. Fast nur über Sex. Über das Reisen in gefährliche Abenteuer. Den Mahlströmen. Von Hingabe und den kleinen Selbstaufgaben, bei denen man sich selbst zu sieht beim Leiden und Leidenlassen. Ein wenig hatten wir uns ausprobiert, getestet, hatten uns selbst dem anderen, der anderen, als Amuse-Gueule serviert. Aber dann in Berlin. Alles war zurückgeblieben, war nicht von uns mitgenommen worden, nicht angekommen. Nur wir. Fern jedes vom anderen.

Ich war noch nie ohne Liebe. Nicht seit ich mit dreizehn geboren wurde. Liebe folgte Liebe. Manche dauerten nur ein paar Tage, andere sind ewig. Vergehen nicht. Und doch ist da dieser Leib, an den ich mich erinnere. An die Haut, an den Geschmack, an die Kühle der Berührungen, an alles, ja an alles, aber nicht daran, wem der Leib gehörte, der ein weiblicher Leib war. Der kein Gesicht mehr hat und keinen Namen. Dabei weiß ich, dass wir mit uns glücklich waren. Des‘ bin ich mir sicher. Wir waren miteinander glücklich. Aber waren wir, war ich, auch liebeskummerselig, als wir uns trennten; und wie trennten wir uns? Waren wir uns noch gut? Gingen wir im Bösen auseinander?