Das Reeperbahn-Gedicht Nr. 2

by | Mrz 22, 2017 | Wort & Freiheit | 0 comments

Die Elbe schlägt mit Wellenfäusten
an die Pontons der Landungsbrücken.
Der Frühling lacht mit tausend Möwen
zusammen über Stadt und Hafen.
Vom Michel singt mit voller Stimme
die Glocke, die als ich Kind ich hörte
vom Hafen her ins Zimmer klingen.
Sie klingt als flöße hier die Zeit
nur träge durch die Jahre.

Die Tauben auf der Großen Freiheit,
sie gurren von den Leuchtreklamen,
die jetzt man Morgen nicht mehr leuchten.
Die schönste aller schönen Huren,
traf ich ums Eck im Café Möller,
das nun auch nur Geschichte ist.
Und fortgeweht, so wie die Frau.
Und ich vermiß’ den Ort,
weil ich die Schöne nimmer finden werde.

Ob sich die schöne Hure noch an mich erinnert?
An übernächtigte Gespräche?
An den Disput zu Kant und Hegel?
Wir haben uns auf fremde Art geliebt,
und teilten uns die Sahnetorten.
Fast wären wir an solchem Morgen
im Lafayette-Hotel gelandet
doch wir verwarfen unsre Lust
uns so die Liebe fortzustoßen.

Und keins verriet dem anderen den Namen,
doch wenn wir müd am Morgen zueinander kamen,
und uns umarmten, küssten, Blicke schenkten,
verwehten die Erinnerungen, die uns kränkten.

Foto: dannyone / wikipedia

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