Das Grauen der Bedachtheit

by | Jan 22, 2022 | Wort & Freiheit | 0 comments

Es ist eine schreckliche Art von Bedachtheit, die mir, je älter ich werde, das Leben vergraut. Eine Bedachtheit, die ich schon mit zwanzig kennengelernt habe, die sich aber, welch ein Graus, mit der Zahl der Jahre ausbreitet wie ein Krebs. Am Anfang gab es sie nur selten, nun ist sie allenthalben.

Schon als ich um die Zwanzig war, wurde mir bedauerlicherweise diese Bedachtheit vertraut in den kurzen Techtelmechtels (welch ein schönes Wort für etwas, das ein One-Night-Stand, aber auch ein wöchriges Zusammensein sein kann), die ich mit Menschen über Vierzig, Fünfzig hatte.

Stets waren dort Bedenken aller Arten anzutreffen, die bedacht wurden, statt verworfen. Diese Techtelmechtels unterschieden sich stets und alle, ja alle, von jenen, ich mit Menschen in meinem Alter hatte. Ob mir dieses genehm sei, wurde ich gefragt, oder jenes. Ob es nicht verletzen würde, dass mein gegenüber mein Alter in Doppelung trüge (und ertrüge), ob ich nicht eigentlich verletzen würde durch eine Standardabweichung in der Altersstatistik der amourösen Abenteuer, ob ich traurig wäre, wenn man jetzt ginge nach der Sache, ob ich nicht wüsste, dass man traurig wäre, wenn ich nun ginge, nach der Sache. Ob der Augenblick, die Stunden, die Nacht, der Tag schön gewesen wäre für mich, ob ich nicht ganz andere Musik hören würde, ob ich entsetzt sei, weil man versagt hätte (wo mit natürlich nie ein wirkliches Versagen gemeint war, sondern eine Schwäche der Schwellkörper oder der zu lange Weg ins Land der orgastischen Erfüllung). Das fragte man mich, und vieles mehr. Und nie wurde ich auf diese Art gefragt von denen, die sich noch in meiner Generation befanden. Die fragten anders, ziel gerichtet, sagten anderes, zielgerichtet, sagten: Ich komme überhaupt nicht klar auf Dich, sei mir nicht böse, aber Du musst nun gehen. Sagten: Ich habe mich in Dich verliebt, bleibst Du noch. (Und ich ging). Sagten: Du mir mehr weh. Sagten: Stell Dich nicht so an. Sagten: Um sieben muss ich im Landesbüro sein. (Und meinten: Nun mal subito, Alter).

Jetzt bin ich in einer Generation wo die Bedachtheit überall lauert, wo sie mich stets anspringt, wie eine räudige Kojotin, die mich, halb schon Aas, als Beute ansieht und mich mit ihren Bedenken erschlagen will.

Deshalb, deshalb ist mir so schwer, alt zu werden. Weil ich so nicht behandelt werden will. Weil ich nicht von schrecklich erwachsenen Menschen schrecklich erwachsen behandelt werden will.

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