Sinti in der DDR

im mitteldeutschen verlag ist ein wunderbares Buch erschienen, eines von der Art, die ganz unerwartet sind, und deren Entdeckung einen voll Vorfreude auf das Eintreffen des Rezensionsexemplares warten lässt. Simone Trieder, die Mitglied des deutschen PEN-Zentrums ist und seinem Präsidium angehört, hat zusammen mit dem Fotografen Markus Hawlik-Abramowitz ein Buch über Sinti in der DDR herausgeben. Welch eine große, historische, literarische und bildnerische Leistung!

Da ist zunächst die grandiose Fotografie Hawlik-Abramowitz‘. Diese grauen, manchmal körnigen, manchmal fast nebligen Bilder, die dabei doch in einer, den Betrachter treffenden Klarheit, den Ausschnitte aus dem Alltag der Sinti wiedergeben. Das Glück in der scheinbaren Ausweglosigkeit der Vorurteile, die auch in der DDR eine zusätzliche Mauer schufen. Die Menschen, die sich präsentieren manchmal, so schön sie können, um sich herauszuschneiden aus ihrem Sein, das auch in der DDR schwer war, bedrückend oft, unverstanden meist.

Und dann ist da die gleichzeitig sachliche und gleichzeitig fast poetische Beschreibung des Lebens von Sinti in der DDR die Simone Trieder fesselnd vornimmt. Weit über die Beschreibung auf soziologischer, politischer Ebene hinaus schafft sie es bildhaft wie in einer Novelle zu schildern, welche großen Bemühungen von viel zu wenigen unternommen wurden, die Vorurteile der SED zu durchbrechen. Eindringlich und sprachlich immer auf dem richtigen Höhenzug versteht die Schriftstellerin es Lebensschicksale nachzuzeichnen. Die Geschichte Ewald Hansteins zum Beispiel, der das Mandolinenensemble der Polizeidirektion Magdeburg leitete und dann doch nicht bei den Weltjugendfestspielen auf der Bühne stand, weil man ihn zum Dienst an der Sektorengrenze in Berlin kommandiert hatte, das war 1951. Hanstein landete aufgrund einer Denunziation im Gefängnis. Nach zehn Monaten wurde der Sinti als unschuldig entlassen und doch aus der SED und der ihm, dem schon unter den Nazis verfolgten, so wichtigen VVN. Da ging er in den Westen. Nach Verhören durch alle Westgeheimdienste landete er in Bremen und fand sich in einem Behördengestrüpp wieder, das nahtlos aus der Nazizeit übernommen hatte. „Wer Pech hatte“, zitiert Trieder Hanstein, „erkannte im Gutachter einen ehemaligen Peiniger wieder.“ Hanstein nannte, schreibt Simone Trieder, zwei Namen: Eva Justin und Leo Karsten.

Ede und Unku dürfen in einem solchen Buch nicht fehlen. Die Figuren aus dem Buch Alex Weddings über eine Sinti-Familie sind ja reale Figuren. Unku war die Sinteza Erna Lauenburger und Alex Wedding, der Autor, war Grete Weiskopf. Während der Zeit, in der DDR-Schulkinder das Buch lasen kämpften zwei überlebende Sinteze, die Unku noch persönlich gekannt hatten, darum, in der DDR als Opfer des Faschismus anerkannt zu werden, schreibt Simone Trieder. Aber die überlebenden Opfer zählten ausserhalb des literarischen Kontextes wenig.

Simone Trieder setzt dem Mann, der wie wohl kein anderer sich für die Anerkennung der Sinti in der DDR engagierte, ein Denkmal: Reimar Gilsenbach, der Journalist, der Deserteur, der 1943 bei Narwa zur Roten Armee übergelaufen war und sich danach weigerte sich den Strukturen des Nationalkomitees Freies Deutschlands unterzuordnen, kämpfte für die Minderheit mit Kreisleitungen, Zeitschriftenleitern, Kadern auf allen Ebenen. Nicht immer ohne Erfolg.

Was man erkennt, ist, dass bei allen unterschieden im Wellenschlag die Grundströmung gleich war in der DDR und der BRD. Die Vorurteile gab es, wie die Wasser der Baltischen See auf beiden Seiten der Grenze. Alte Vorurteile, versteinert und bis heute fortlebend.

Das Buch das Markus Hawlik-Abramowitz und Simone Trieder geschaffen haben verleiht denen ein Wort, die damals, wie heute unterdrückt werden, ins Abseits gestellt. Es ist ein ganz und gar aktuelles Buch. Es ist unbedingt zu empfehlen. Es ist ein Buch, dass ich ausdrücklich für die Arbeit in Schulen empfehle. Nicht nur in Schulen auf dem Gebiet, auf dem sich die DDR befand.

Leander Sukov