Leander Sukov

Schreiben.

Zwei Texte

Posted on | Juli 27, 2017 | No Comments

I.)

Das zwanzigste Jahrhundert war, mindestens ab seinen zwanzigern Jahren, auch ein Jahrhundert der intellektuellen, insbesondere der philosophischen und geschichtswissenschaftlichen Dekreszenz. Staatstheorie, politische Philosophie und die Forschungen zur Neueren Geschichte (aber zum Teil auch zur Frühgeschichte) unterlagen in hohem Maße insbesondere reziproken ideologischen Scheinnotwendigkeiten und determinierten damit den gesellschaftlichen Erkenntnisprozess erheblich abfallend.
Selbstverständlich gibt es gleichwohl dauerhafte Leistungen sowohl in der UdSSR (späterhin im sogenannten «Ostblock»), als auch im «Westen». Wolfgang Harich, Grigori Solomonowitsch Pomeranze, Boris Aleksandrovič Čagin, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew oder Theodor Adorno, Jürgen Habermas, Karl Popper und Eric John Ernest Hobsbawm seien hier stellvertretend für eine Reihe weiterer genannt. Hinzu kommen die französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, deren ungeheurer Einfluß auf die Philosophie in beiden Systemen in vielen Werken anderer Philosophen gespiegelt wird. Gleichwohl drehen sich auch ihre Werke zu einem erheblichen Teil um den Schwerpunkt «Stalin».
In der Blockkonfrontation verhinderte die Gravitation Stalins selbst, aber auch die Nachwirkungen seiner Herrschaft und der damit verbundenen inneren Verwerfungen, Ausblutungen und Zerstörungen, dass es zu einer offenen, nicht der Konfronation verhafteten Entwicklung von Ideen kamen, die im Gesamtdiskurs durchschlagend hätten sein können. Immer wieder bezogen sich Schöpfungen, Betrachtungen und andere Werke auf die allgemeine Weltlage IM Kontext der sich immer weiter abschleifenden ideologischen Weltsichten. Nur wenige Werke befreien sich in der Zeit aus dieser, sich immer weiter verflachenden, Dienstbarkeit.
Das gilt sowohl für die, sich zum Teil selbst so bezeichnenden, marxistisch-leninistischen Theoretiker, als auch für die Philosophie, die anderen Ursprungs ist.
Ein erheblicher Teil der kruden, verflachten, eindimensionalen und oft vollständig fehlerhaften Weltsichten aller Standorte, resultieren in ihrer Deformation aus der Verflachung der jeweilig nahestehenden Philosophie und historischen Forschung.
Meiner Meinung nach lässt sich der Niedergang sowohl sozialistischer als auch bürgerlicher Politik und die Rückwendung zum Nationalstaat als Rettungspunkt und die Tendenz zu administrieren, statt zu schaffen auf diese intellektuelle Regression zurückführen: Die Visionslosigkeit der Politik vieler Parteien, Regierungen, vieler Abgeordneten auch, von Russland bis in die USA, ist, so meine ich, indirekt aus diesem Verfall ableitbar.
Solange es nicht gelingt, die Determinanten, die durch diese Konfrontation gesetzt worden sind, zu rein historischen Größen zu machen und sich also aus sogenannten Lehren zu lösen, um neue Lösungen zu entwickeln, die nicht die Fehler fortschreiben — so lange wird die Linke insgesamt weder in europäischem Rahmen noch gar global in die Lage kommen an Stärke zu gewinnen. Und die demokratisch-bürgerlicher Philosophie und Staatslehre verliert das im Wettstreit gewonnene Terrain an tendenziell oder offen totalitäre Politikkonzepte, die die Staaten als zu administrierende Unternehmen ansehen oder gar zum völkischen Nationalstaat unter dem Patronat von Honoratioren zurückkehren wollen.

Robert Steigerwald, mit dem ich ja befreundet war, hat in seinen letzten Arbeiten erkannt, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss in sogenannter «linker» Analyse. Ich weiß um die Besorgnis vieler bürgerlicher Intellektueller um die Verfassung bürgerlicher Philosophie und Staatswissenschaften.
Die Simplifikation bei der Bewertung von Krisen und Kriegen ist auf «beiden Seiten» immer noch das Ergebnis der Blockauseinandersetzungen. Ohne die alten Perspektiven noch zu haben, wird gehandelt, als stünden sich die Blöcke weiterhin gegenüber. Die jeweilige Sichtweise auf den vermeintlichen Gegner bemüht oft die alten Vorurteile und Verflachungen.

II.)

Die Mär, die sogenannten sozialistischen Staaten wären an ihrer mangelnden Produktivität und der Nichtbefriedigung von Konsum zugrunde gegangen, die DDR also wäre an der Bananenfrage gescheitert, ist eben dies: eine Mär. Tatsächlich sind die Staaten in der Folge von Glasnost und Perestroika deshalb kollabiert, weil das übermächtige Grundproblem nur um den Preis des Systembruchs aufgelöst werden kann. Und dieses Grundproblem ist die Einparteienherrschaft. Auch dann, wenn sie, wie in der DDR durch Scheinparteien verbrämt wird. Die daraus resultierende mangelnde Opposition und der gesellschaftliche Stillstand lassen sich nur durch unterdrückende Maßnahmen beherrschen. Man kann nicht zugleich den gesellschaftlichen Fortschritt für sich vereinnahmen und als Ziel die «freie Assoziation der Produzenten» verkünden und zugleich eine Gesellschaft ohne freie Rede, ohne Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit und Koalitionsfreiheit organisieren. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität ist unlösbar. Die sogenannten (oder wirklichen) sozialen Errungenschaften sind dabei keine Substitute für mangelnde Freiheit.
Es ist die durch die stalinsche Machtübernahme in der Sowjetunion geschaffene Verwerfung zwischen Behauptung und Wirklichkeit, die zum Zusammenfall der sozialistischen Staaten geführt hat.
Die Freiheitsrechte aber sind revolutionäre Rechte. Sie sind in vielen Revolutionen und Revolten erkämpft worden. Sie sind das Fundament, auf dem jede fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung aufbauen muss. Die stalinsche Wende hat zur Zerstörung dieses Fundaments geführt. Diese Zerstörung wirkt weiterhin. Die falsche Vorstellung mit Zwang den Zwang bekämpfen zu wollen, ist auch weiterhin bei vielen verbreitet.

Pierrot

Posted on | Juli 14, 2017 | No Comments

der pierrot singt
eine frau
weiß das kostüm
die haare schwarz kurz
schwimmt auf einem youtube kanal
an mir vorbei damals
das lied wie ich es
nie hörte zuvor
2009 1985
sprach ich zu den engeln
und alle süßen träume
lebte ich wie sie es sang
ich sah auf mtv die videos
und ein wenig nahm ich sie mit
in das leben meiner träume
doch hätte ich nie
die frau mit den kurzen haaren
nah gewollt weil sie so nah so fern so nah
mir war

Hamburg: Mehr als ein Haufen Steine

Posted on | Juli 10, 2017 | No Comments

Was viele, auch die Autonomen aus dem Umland und aus Deutschland nicht begriffen haben, ist, dass Hamburg eben Hamburg ist. Viele Hamburger, auch ich, werten die Vorfälle in der Osterstraße, in der Schanze und in der Neuen Großen Bergstraße als Angriff auf sich selbst. Diese Leute haben unsere, also auch meine, Stadt angegriffen, sie haben das Café Stenzel angegriffen und Budnikowski, eine kleine Drogerie-Kette, die immer solidarisch war.
Das trifft uns alle. Und wir alle sind solidarisch mit den Opfern dieser Gewalt. Mit dem kleinen Teeladen in der Osterstraße, mit dem Lotto-Geschäft in der der Bergstraße, mit dem Café Stenzel und mit Budni. Da gibt es kein «Wenn und Aber». Diese randalierenden, kriminellen Vollidioten haben unsere Stadt, unsere Freunde, unsere Punkte angegriffen.

Und natürlich fühlt man sich total verhöhnt, wenn sich dann jemand von der ‚Roten Flora‘ hinstellt und davon schwafelt, die randalierenden Horden hätten doch lieber außerhalb der Schanze berserkern sollen. Sie haben ja außerhalb der Schanze randaliert. Diese Spinner haben überall herumgetobt, wo man schnell hinkommen konnte. In Eimsbüttel, in Altona. Und es wäre nicht besser geworden, wenn sie nach Pöseldorf, nach Harvestehude, in die Elbvororte oder nach Volksdorf gezogen wären. Auch da ist Hamburg. Auch da wäre, das muss den Leuten aus der Flora klargemacht werden, die Solidarität der riesigen Mehrheit der Hamburger ebenso groß.
Das Interview von Beuth wird die Solidarität mit der Flora gegen Null sinken lassen. Ich würde den Leute in der Flora empfehlen, schnellstens Beuth und Co. die Tür zu weisen. Sonst wird die Flora nicht zu halten sein, denn sie braucht die Solidarität aus dem Stadtteil.

*Der Titel stammt von Wolfgang Borchert

Randalierende Kleinbürgerbrut

Posted on | Juli 7, 2017 | 13 Comments

Kleinbürgerjunge rennen durch die Stadt und zünden kleine rote Autos an, entglasen Lotto-Geschäfte und Eisdielen. Das sind genau die Leute, die man für jede politische Schweinerei gebrauchen kann. Diese Arschlöcher sind in ihrem Potential völlig unbeschränkt, sie bilden jenen Bodensatz, aus dem jeweils das Schlimmste erwachsen kann, was eine Gesellschaft, die sich selbst verliert, herausbilden kann.
Aber sie gehören zu keiner politischen Richtung. Sie sind einfach nur der Bodensatz. Sie sind eben nicht die, die Paläste stürmen und den Hütten Frieden bringen. Sie sind die, die auch die Hütten, die nur die Hütten, stürmen um sie anzuzünden.
Das ist der Kleinbürger in Aktion. Das ist eben nicht der Revoluzzer, das ist der ewige Fensterputzer. Aber einer, der Barrikaden baut, dort, wo sie denen schaden, die auch nicht reich sind und wo die Barrikaden keinen Staat stören.
Und weil das so ist, kann man nicht sicher sein, ob sie nicht jener Teil des Bodensatzes sind, der es in die Beamtenschaft geschafft hat, der mit Freude auf Befehl handelt.
Hamburg braucht einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft und Deutschland einen des Bundestages.

Odessa. Ein schönes Buch

Posted on | Juli 6, 2017 | No Comments

Heute fand ich in der Post gleich zwei Exemplare des wirklich sehr schön gestalteten Buches „ODESSA“ des Klagenfurter Wieser-Verlages.
 
Neben Mark Twain, Alexander Puschkin, Maxim Gorki und meinem geliebten Herzensgenossen Vladimir Majakovski sowie vielen anderen bekannten Schriftstellern taucht auch meine Name dort auf. Mein Gedicht „Odessa Sonett“ wurde, welche Freude!, in das Buch aufgenommen.
 
Ich bedanke mich herzlich für die Beachtung.

 

Ich bedanke mich herzlich für die Beachtung.

Demokratie verteidigen!

Posted on | Juli 5, 2017 | No Comments

Robert Blum

Robert Blum

Demokratie, davon bin ich überzeugt, verträgt ein taktisches Verhältnis zu ihr nicht. Dabei weiß ich natürlich: Demokratie trägt in sich schon den Kompromiss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen der Notwendigkeit zu jener Reglementierung, die zum grundsätzlichen Erhalt der Demokratie selbst nötig ist und der Renitenz gegen eben diese Reglementierung, einer Renitenz, die im Ziel allerdings der Reglementierung entsprechen muss, die also auf den Schutz der Demokratie und nicht auf ihre Vernichtung ausgerichtet sein muss, um in das demokratische Konzert zu passen.
Diese notwendig abstrakte Ebene gehört zur bürgerlichen Demokratie, wie zur sozialistischen. Ihre konkrete Ausgestaltung allerdings findet Demokratie in der Bewahrung der durch die bürgerlichen (nicht: bourgeoisen) Revolutionen und Rebellionen herausgebildeten Elemente.
Pressefreiheit, Freiheit des Wortes, Versammlungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche und geheime Wahlen, Koalitionsfreiheit und Gewaltenteilung.
Diese Rechte sind fallhierachisch, welches das höchste zu schützende Gut ist, kommt auf die Gefährdung an. In der Regel kann man sagen: Jenes Freiheitsrecht, das am meisten gefährdet ist, ist das höchste und muss durch die Wahrnehmung der anderen geschützt werden.
Die hamburgische Stadtregierung, der Senat, hat, durch die bewaffneten Kräfte des Staates im Inneren, also die Polizei, die Gewaltenteilung konkret und durch Handeln aufgehoben. Das Vorgehen der Polizei gegen ein Camp von Demonstranten anlässlich des sogenannten G-20-Gipfels stand diametral gegen ein ergangenes Gerichtsurteil, das nach meiner Kenntnis ebendieses Vorgehen verhindert sollte. Damit wurde die Gewaltenteilung konkret und durch Tun außer Kraft gesetzt.
Zugleich hat der Hamburger Senat eine so weiträumige Bannmeilenregelung getroffen, dass die Versammlungsfreiheit in erheblichem Maße gefährdet erscheint.
Beide Rechte können aber nicht aus taktischen Erwägungen für obsolet erklärt werden. Eine verständige und an ihren Rechten konservativ festhaltende Bürgerschaft muss vielmehr entschieden diese Rechte gegen die Verbote wahrnehmen, weil nicht demokratisch legitimiert sein kann, was die Demokratie suspendiert. Die Annahme eine zeitlich befristete Suspendierung würde im weiteren Lauf der Geschichte die Demokratie nicht schädigen, ist falsch. Was heute verboten wird, wird in der Folge aufgeweicht und verwässert sein. Nur wenn es der Bürgerschaft gelingt aus eigener Kraft Verbote und Suspendierungen demokratischer Rechte zu überwinden, kann der Schaden abgewendet werden.
Es ist daher im Hamburger Fall, wie in jedem Fall, nötig, sich über diese Verbote hinwegzusetzen und die Demokratie, also auch die Verfassung, zu verteidigen.

Literarische Arbeit

Posted on | Juli 4, 2017 | 1 Comment

Aufgrund von Todesfällen ist meine literarische Tätigkeit ins Stocken gekommen. Der unerwartete Tod von Cornelia Maihofer hat mich bewogen mit dem Satz von „Der Schrei“ noch zu warten. Er wird aber in der kommenden Woche vonstatten gehen.

Der schreckliche, auch für mich persönlich schreckliche, Schritt aus dem Leben, den Maria Evans-von Krbek vollzogen hat, meine wirklich geliebte Lektorin, meine geliebte gute Freundin, hat mich persönlich sehr getroffen. Sie sollte, wir hatten das kurz vorher noch besprochen, „Das Mädchen mit den goldenen Haaren“ begleiten. Enfant perdu nun. Der Roman wird bis zum Januar fertig werden und dann in die Schlußlesephase gehen. Ein Event in Hamburg vermutlich, über ein Wochenende, samt Party für Marie (die aus Ahab und die aus dem wirklichen Leben) und Lena (die aus dem Mädchen).

Zwischen August und Dezember werden noch kommen: Der Band mit den Essays und umfänglichen Kritiken und der längst überfällige Kurzgeschichtenband.

Aber meine ganz persönliche, unerbittliche, stets auch schneidend wie bei einer Rettung vor dem Schlangengift anmerkende, kluge, erfahrene Lektorin ist nicht mehr. Das macht es nicht einfacher. Verschiebungen sind denkbar.

Enfant Perdu (Für Maria)

Posted on | Juni 29, 2017 | No Comments

Dein Posten ist vakant und wir sind ganz verloren.
Die Wunden klaffen, und niemand rückt dir nach.
Das Blut ist uns auf unserer Haut gefroren.
Doch sind wir nicht gebrochen, ein jedes Herz nur brach.

Verlorner Posten in dem Lebenskriege,
hieltst du so lange mutig-traurig aus.
Und keine Hoffnung, keine großen Siege.
Und Heimat nicht, nicht einmal Haus.

In langen Nächten hat übermächtig dich gequält
Erinnerung an Kinderzeitdämonen,
um ihnen zu entgehen hast du die Flucht gewählt,
in tausendeine Halluzinationen.

Wir standen wachsam, das Gewehr im Arme,
und stieg aus deiner Seelengruft
ein Schatten, schossen wir die warme,
brühwarme Kugel in die Luft.

Und trafen nie. Die Schatten nicht, nicht die Dämonen.
Am Ende hast du sieglos dich ergeben.
Verwaist, verödet, ruiniert nun die Bastionen.
So still, so schrecklich still und ohne Leben.

Enfant perdu, das große, kleine, kluge Kind ist tot.
Sein Posten ist vakant und wir sind ganz verloren.
Die Wunden klaffen offen, fleischig-rot.
Das Blut ist uns auf unsrer Haut gefroren.

Heine / Sukov

Bunte Fetzen

Posted on | Juni 26, 2017 | No Comments

Auf dem Weg zum Karl-Liebknecht-Haus (LINKE), im Wagen (von links): Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Pfannkuch

Die grauen Wände
wieder bunt gestrichen.
Das morsche Mobiliar
mit farbenfrohen Fetzen dekoriert.
Ein Falscher Hase wird
als Hauptgericht gereicht.
Man spielt auf dieser Bühne sicher.
Auf diesen Brettern, die das Geld bedeuten.
Der jugendliche Held färbt,
sagt er, sich nicht das volle Haar.
Trotz Sommersonne trägt man mit Stolz
Wildledermäntel um die wunden Seelen.
Das Stück gibt es im hundertdritten Jahr.
Man kennt den Text, die hingeschmierten Worte.
Man spielt mit Verve die Klamotte.
Es wechselten die Ensembles,
doch wechselt nie das Stück.

Mit Lenins Gehrock gibt es keinen aufrechten Gang mehr.

Posted on | Juni 16, 2017 | No Comments

Gedanken anlässlich eines Beitrags von Ekkehard Lieberam in der jungen Welt

Es geht vermutlich nicht nur mir so — jedenfalls habe ich die Hoffnung, auch anderen aus der dialektischen, der Marx’schen Seele zu sprechen: Die Welterklärungen auf dem Stand der Sechziger und Siebziger (die sich ohne jede Evolution in die Achtziger verlängerten) sind von so unerträglicher stereotyper Simpelhaftigkeit, dass sie zu einem ständigen Ärgernis werden.
Lieberam hat natürlich recht, wenn er schreibt „Zweieinhalb Jahre Regierungszeit in Thüringen unter Bodo Ramelow sind vorbei. Die sozialen und politischen Zustände haben sich nicht verändert. Die Regierungspolitik hat sich nur minimal in wenigen Punkten verbessert, aber der Landesverband hat an Glaubwürdigkeit verloren.“
Aber er irrt völlig, wenn er schreibt: „Die Partei ist nicht zuletzt unter dem Druck des bürgerlichen Politikbetriebes zu einer zweiten sozialdemokratischen Partei geworden …“ Denn die LINKE ist, wie es schon die PDS in Teilen und die WASG zur Gänze waren, Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie. Sie ist im Wesen eine sozialistische, keine kommunistische, Partei und ohne Zweifel der Sozialdemokratie nahe.
Weshalb auch nicht? Die Sozialdemokratie kann auf Leute wie Wilhelm und Karl Liebknecht, auf August Bebel, Ferdinand Lassalle und auch auf Karl Marx und Friedrich Engels, auf Rosa Luxemburg und andere mehr zurückblicken.
Aber es geht um das einundzwanzigste Jahrhundert. Und da ist der Vorwurf, der in der Analyse als Synthese mitschwingt, die LINKE sei eben erst zu just dieser (linken) sozialdemokratischen Partei geworden, falsch. Für mich gilt da: „Man spürt die Absicht, und man ist verstimmt“. Denn der Vorwurf lautet ja, sich abgekehrt zu haben von Klassenkampf und der sogenannten „Eigentumsfrage“, also den wichtigsten Etappen an der linken Wegstrecke.
Man mag die Regierungsbeteiligungen in den Ländern falsch finden. Allerdings muss die Argumentationsebene stimmen. Man kann nicht mit eine Argumentationskette, die sich innerhalb des bürgerlichen Staates befindet den Vorwurf der Häresie herleiten.
Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft gilt, dass ein Bundesland eben nicht die Bundesrepublik ist und eine Landesregierung nicht die Bundesregierung. Das Wollen von Landesregierungen wird gebremst nicht nur von der Mehrheitslage im jeweiligen Land, sondern auch vom föderalen Staatsaufbau der Bundesrepublik und dem Zusammenwirken der Länder untereinander. Es kann keine starke linke Politik in einem Bundesland geben, solange es nicht eine starke linke Politik in der Bundesrepublik als Ganzes gibt. Zugleich sind alle Landesregierungen mit Politikern der LINKEN in Regierungsverantwortung Koalitionsregierungen. Man sitzt also mit der, in der Tat neoliberal gewandelten SPD und ggf. anderen in einer Regierung. Schadet das der gesellschaftlichen Entwicklung? Verliert die LINKE dadurch an Glaubwürdigkeit und wenn ja, bei wem und wie groß sind die Kreise, die der Vertrauensverlust zieht? Sind es ein paar hundert Menschen, ein paar tausend? Gewinnt man vielleicht mehr dazu? Gibt es Untersuchungen? Das wären ja die Fragen INNERHALB der bürgerlichen Gesellschaft. Ihnen hinzu gesellen sich Fragen nach der Strategie und Taktik im bürgerlichen Wahlbetrieb. Es ist überhaupt nicht die Zeit HIERZU andere Fragen zu stellen. ALLE anderen Fragen wären Fragen nach der Überwindung des bürgerlichen Staates. Aber keine nach dem Knicke im Tun linker Organisationen, sondern nach der derzeitigen Klassenlage, nach der zu erwartenden revolutionären Entwicklung usw. Wenn man sonst nichts zu tun hat, kann man ruhig darüber philosophieren, ob die LINKE lieber eine Kaderpartei, eine revolutionäre Gruppe oder sonst ein Kindergarten sein sollte. Jeder Jeck ist anders. Ich möchte nicht in Büttenreden eingreifen.

Völlig verwirrend finde ich, dass Lieberam sich beschwert, die Landesregierung in Thürigen hätte die DDR nicht „verteidigt“. Besteht die Deutsche Demokratische Republik denn noch? Ist es die Aufgabe von bundesdeutschen Landesregierungen vergangene Staaten zu verteidigen? Wäre das die Aufgabe von sogenannter marxistischer Geschichtswissenschaft? Wir verteidigen Objekte der Geschichte? Wovor? Vor falscher Zuschreibung? Nein, das wäre völliger Unsinn und ich möchte gar nicht dem Genossen Lieberam, der ja Professor war, unterstellen einen horrenden Blödsinn gegen jede dialektische Einsicht zu fordern. Es ist die Aufgabe Wissenschaft, auch Geschichtswissenschaft, vor eindeutiger politischer Vereinnahmung zu schützen. Die Aufgabe der thüringischen Landesregierung ist in der Tat aber in der DDR begangenes Unrecht zu benennen, weil die Leidtragenden Bürger Thüringens auch sind, weil damit umgegangen werden muss und das Unrecht also noch fortbesteht. Es handelt sich also hierbei nicht um einen Gegensatz, sondern um zwei völlig unterschiedliche Wirkbereiche. Und in dem der historischen Betrachtung hat eine Landesregierung im Allgemeinen nichts zu suchen. (Im Besonderen schon: An Gedenktagen, bei Preisverleihungen usw.)

Der Artikel von Lieberam reicht weit über die Tagung hinaus, auf welcher der Text dann vollständig vorliegen wird (vermutlich wird er in großen Teilen dem Lieberam-Buch mit gleichem Titel entsprechen), weil tatsächlich Teile der landläufigen Linken (ich meine nicht die Partei an sich) dazu neigen, die Probleme des Einundzwanzigsten Jahrhunderts mit Lenin, in winzigen, stark verwirrten Kreisen auch mit Stalin als Basis zu erklären. Ein stickiger Hauch, der auch aus dem Text Lieberams weht.
Während Marx und Engels den Kapitalismus analysiert haben, zu gesellschaftlichen, nun mehr geschichtlichen, Prozessen Stellung nahmen und damit Einsichten vermittelten und zugleich wissenschaftliches Handwerkzeug, ist Lenin nicht von allgemeiner Gültigkeit. Denn er benutzte ja das Marx’sche Instrumentarium lediglich. Man kann sich selbstverständlich auf Lenin beziehen, so wie auf die französischen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts oder auf Kant, Hegel, Schopenhauer, Voltaire und andere. Er gehört sicherlich zu den herausragenden Geistesgrößen der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, eine Sonderstellung nimmt er aber nicht deshalb, sondern wegen der Revolution in Russland von 1917 ein.
Die Limitierung von, kleiner werdenden, Teilen der Linken durch eine scheuklappige Weltsicht ist ein Problem seit der Renaissance des Marxismus-Leninismus im sogenannten Westen in den Sechzigern und Siebzigern. Und obwohl vielerorts und durch lange Zeiten darauf hingewiesen wurde, dass sich seit den bürgerlichen Revolutionen von 1848 bis in die Frühzeit der stalinschen Herrschaft hinein, die Linke, egal ob sie linksliberal oder linksradikal war, in einer sich stets weiterentwickelnder Beschäftigung mit der Gesellschaft befasst hat, seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber eine entscheidende intellektuelle Schwächung durch die Morde Stalins eingetreten ist, benehmen sich die Apologeten der Nostalgie, als läge alle Erkenntnis im Marxismus-Leninismus. Der ist übrigens ein stalinsches Kunstprodukt. Es muss doch auffallen, dass ab der Herrschaftsübernahme durch Stalin viel, sehr viel weniger an Entwicklungsforschung betrieben worden ist. Die großen sozialistischen Philosophen, Soziologen, Naturwissenschaftler, Historiker, sie sind zu einem erheblichen Teil in den Folterkellern des sowjetischen Geheimdienstes und den Gulags ermordet wurden. Die internationale Linke hat sich davon nie wieder erholt.
Gleichwohl, oder besser: deshalb, gibt es eine linke Attitüde der Reinheit von Theorie und Praxis, die nichts ist, als der Versuch, sich Reservate zu schaffen, in denen man sich wohlfühlt und über die Welt ereifern kann – mit Leninzitaten und dem Streit um Marx’sche Maximen, mit Kampfliedern aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts und dem ganzen schrecklich lähmenden nostalgischen Wehklagen über die untergegangenen Landen sozialistischer Revolutionen.

Das Ermüdende an dieser Sache ist, dass, so klein und marginalisiert diese Gruppen auch sind, sie immer wieder rückwärtsgewandte Diskussionen erzwingen, dass sie in der Öffentlichkeit ein völlig falsches, verstaubtes Bild der Linken und der LINKEN vermitteln (möchten).

Wir brauchen natürlich Wissenschaft und Forschung, wir brauchen gesellschaftliche Analyse, ökonomische Kompetenzen, kulturelles Potenzial und politische Potenz. Und es sind in der Tat Marx und Engels, die uns die Analysemittel gegeben haben und Erkenntnisse über ökonomische Wirkprozesse. Aber es ist eben nicht ein Marx als Reliquie, nicht einer, der eine religiöse Größe ist. Das gilt für Engels gleichermaßen. Über klare Zukunftsvorstellungen wird man bei Marx und Engels nicht viel finden. Es gibt da keine Anleitung für die nächste Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung.

Wir können gar nicht anders, als mit unseren Beurteilungen über die Regierungsbeteiligungen der LINKEN im bürgerlichen Staat und seinen Verhältnissen zu verbleiben, sonst stimmt das Ergebnis nicht. Wir müssen, bei der Frage, ob sie, die Beteiligungen, schaden oder nicht eben nicht die „reine Lehre“, die oft ja eine reine Leere ist, zugrunde legen, sondern reale Verluste und Gewinne an Stimmen. Und die LINKE eben auch parteipolitische Zielsetzungen und Taktiken.

 

 

 

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