Leander Sukov

Schreiben.

Die Schöpfung

Posted on | September 2, 2017 | No Comments

Die Schöpfung

«Vorhin hatte ich noch eine Geschichte im Kopf», dachte ich, «eine ganz wunderbare Geschichte». Worum nur war’s in ihr gegangen? Ich erinnerte mich daran eine Frau gesehen zu haben, die in einer Hotellobby, «das war doch eine Hotellobby», fragte ich mich, konnte die Frage aber nicht beantworten und zuckte mit den Schultern, bemühte mich auch, einen bedauernden Gesichtsausdruck zu zeigen, wenigstens für ein oder zwei Sekunden, saß, eine Frau, vielleicht um die Dreißig, halblange Haare, in einem Braunton, jedenfalls, soviel ich weiß. Ich lächelte entschuldigend. «Mehr kann ich Dir nicht sagen.» Ich blickte aus dem Fenster. Read more

Avenidas y tiempos

Posted on | September 2, 2017 | No Comments

(Eugen Gomringer / Leander Sukov)

///avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador///

avenidas y tiempos
tiempos y rutina
rutina y chirona
chirona y fatiga
fatiga y repetición
repetición y libertad
libertad y avenidas
avenidas y flores
flores y mujeres
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

avenidas y tiempos
tiempos y rutina
rutina y chirona
chirona y fatiga
fatiga y repetición
repetición y libertad
libertad y avenidas
avenidas y flores
flores y mujeres
avenidas y mujeres
avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Biermann und ein Gedicht für das Brauereiwesen

Posted on | August 25, 2017 | No Comments

Heute morgen, nur das ist der Anlass dieses irgendwie ganz gestrigen Postings, meldete der Bayrische Rundfunk, den ich gerne zu Kipf und Kaffee am Morgen höre, dass der Biermann auf eine Art Wahlkampftour geht. Unter dem Titel „Demokratie feiern – Demokratisch wählen“ wird der Dichter in mehreren Städten für ausgewählten Jugendlichen singen und mit ihnen diskutieren. Das ist, selbst wenn sie von Biermann kommt, keine schlechte Sache. Allerdings wäre es mir lieber, andere täten es an seiner Stelle. Es gehört sich nicht hier Vorschläge zu machen, wer will schon in einem Atemzug mit Biermann genannt werden. Aus der, ja nur gedachten, Alternative würde so ein gefährlicher Popanz werden. Das mag ich nicht verantworten.

Es gab Zeiten, da habe ich Biermann gemocht. Und deshalb will ich nicht verhehlen, was mir an ihm zuwider ist. Es ist nicht der politische Kurswechsel von einem demokratischen Kommunisten zu einem, vermutlich immer noch demokratischen, bürgerlichen Konservativen. Nein, das ginge schon klar. Es sind zwei andere Momente.

Zum einen die Erkenntnis — sie traf mich jedoch erst in meinem späten Teeniejahren –, dass viele seiner so hochverehrten Gedichte gar keinen erkennbaren Inhalt haben, wenn man aufhört, ihnen einen zuzuschreiben. Read more

Slavoj Žižek sagt, ich sei ein Heuchler. Und Slavoj Žižek ist ein ehrenwerter Mann.

Posted on | August 25, 2017 | No Comments

Slavoj Žižek 2015

Foto: Amrei-Marie, Quelle: de.wikipedia

«Die größten Heuchler sind fraglos diejenigen, die offene Grenzen fordern: Insgeheim wissen sie, dass es dazu nie kommen wird, weil dies sofort eine populistische Revolte in Europa zur Folge hätte. Sie inszenieren sich als schöne Seelen, die über der korrumpierten Welt stehen, aber letztlich wissen sie ganz genau, dass sie selber Teil davon sind.» (Slavoj Žižek)»

Das, was ich diesem Betrag vorangestellt habe, ist eine typische zižekianische Laberei. Der Dampfplauderer ist sich wirklich für gar nichts zu schade. Hätte er sich doch nur gefragt, was denn die Alternative zur Forderung nach offenen Grenzen sei, wäre er vielleicht auf die Idee gekommen, dass er in Vollendung verkehrt herum auf dem Gaul zu reiten versucht. Das Tier liegt auf dem Rücken, auf dem Bauch sitzt der Dampfplauderer, hält den Schwanz (welchen auch immer) als Zügel in der Hand und ruft unentwegt Hü!

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Heather Heyer

Posted on | August 13, 2017 | No Comments

Da schweigen Präsidenten
und schweigt der Mob
das Pack es dreht sich
fort geht leis und ruhig
schreitet alle Fahnen hoch
die Menge die sonst
so laut so bös‘
ihr Kriegsgeheul
dem Klang der Feuer
zuaddierte
die Brandstifter
das Pack es dreht sich
fort geht leis und ruhig
schreitet alle Fahnen hoch
ganz unbeschämt
ein jedes
seinen Reichsparteitag
in der verkommenen Seele tragend.

https://www.neues-deutschland.de/artikel/1060392.sag-ihren-namen-heather-heyer-ermordet-von-neonazis.html

Drehen

Posted on | August 9, 2017 | No Comments

Die Welt dreht sich
um das ich
nicht um die Sonne
nicht zu sehen
ist der eigne Schmerz
wieder und wieder
popanzig ermüdet der Leser
im Lager
der Lyriker
herrscht Freiheit
nach allen Regeln
Zeile um Zeile
die Baracken
gepflegt
das Rasen
im engen Raum.

Zwei Texte

Posted on | Juli 27, 2017 | No Comments

I.)

Das zwanzigste Jahrhundert war, mindestens ab seinen zwanzigern Jahren, auch ein Jahrhundert der intellektuellen, insbesondere der philosophischen und geschichtswissenschaftlichen Dekreszenz. Staatstheorie, politische Philosophie und die Forschungen zur Neueren Geschichte (aber zum Teil auch zur Frühgeschichte) unterlagen in hohem Maße insbesondere reziproken ideologischen Scheinnotwendigkeiten und determinierten damit den gesellschaftlichen Erkenntnisprozess erheblich abfallend.
Selbstverständlich gibt es gleichwohl dauerhafte Leistungen sowohl in der UdSSR (späterhin im sogenannten «Ostblock»), als auch im «Westen». Wolfgang Harich, Grigori Solomonowitsch Pomeranze, Boris Aleksandrovič Čagin, Alexander Alexandrowitsch Sinowjew oder Theodor Adorno, Jürgen Habermas, Karl Popper und Eric John Ernest Hobsbawm seien hier stellvertretend für eine Reihe weiterer genannt. Hinzu kommen die französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, deren ungeheurer Einfluß auf die Philosophie in beiden Systemen in vielen Werken anderer Philosophen gespiegelt wird. Gleichwohl drehen sich auch ihre Werke zu einem erheblichen Teil um den Schwerpunkt «Stalin».
In der Blockkonfrontation verhinderte die Gravitation Stalins selbst, aber auch die Nachwirkungen seiner Herrschaft und der damit verbundenen inneren Verwerfungen, Ausblutungen und Zerstörungen, dass es zu einer offenen, nicht der Konfronation verhafteten Entwicklung von Ideen kamen, die im Gesamtdiskurs durchschlagend hätten sein können. Immer wieder bezogen sich Schöpfungen, Betrachtungen und andere Werke auf die allgemeine Weltlage IM Kontext der sich immer weiter abschleifenden ideologischen Weltsichten. Nur wenige Werke befreien sich in der Zeit aus dieser, sich immer weiter verflachenden, Dienstbarkeit.
Das gilt sowohl für die, sich zum Teil selbst so bezeichnenden, marxistisch-leninistischen Theoretiker, als auch für die Philosophie, die anderen Ursprungs ist.
Ein erheblicher Teil der kruden, verflachten, eindimensionalen und oft vollständig fehlerhaften Weltsichten aller Standorte, resultieren in ihrer Deformation aus der Verflachung der jeweilig nahestehenden Philosophie und historischen Forschung.
Meiner Meinung nach lässt sich der Niedergang sowohl sozialistischer als auch bürgerlicher Politik und die Rückwendung zum Nationalstaat als Rettungspunkt und die Tendenz zu administrieren, statt zu schaffen auf diese intellektuelle Regression zurückführen: Die Visionslosigkeit der Politik vieler Parteien, Regierungen, vieler Abgeordneten auch, von Russland bis in die USA, ist, so meine ich, indirekt aus diesem Verfall ableitbar.
Solange es nicht gelingt, die Determinanten, die durch diese Konfrontation gesetzt worden sind, zu rein historischen Größen zu machen und sich also aus sogenannten Lehren zu lösen, um neue Lösungen zu entwickeln, die nicht die Fehler fortschreiben — so lange wird die Linke insgesamt weder in europäischem Rahmen noch gar global in die Lage kommen an Stärke zu gewinnen. Und die demokratisch-bürgerlicher Philosophie und Staatslehre verliert das im Wettstreit gewonnene Terrain an tendenziell oder offen totalitäre Politikkonzepte, die die Staaten als zu administrierende Unternehmen ansehen oder gar zum völkischen Nationalstaat unter dem Patronat von Honoratioren zurückkehren wollen.

Robert Steigerwald, mit dem ich ja befreundet war, hat in seinen letzten Arbeiten erkannt, dass sich grundsätzlich etwas ändern muss in sogenannter «linker» Analyse. Ich weiß um die Besorgnis vieler bürgerlicher Intellektueller um die Verfassung bürgerlicher Philosophie und Staatswissenschaften.
Die Simplifikation bei der Bewertung von Krisen und Kriegen ist auf «beiden Seiten» immer noch das Ergebnis der Blockauseinandersetzungen. Ohne die alten Perspektiven noch zu haben, wird gehandelt, als stünden sich die Blöcke weiterhin gegenüber. Die jeweilige Sichtweise auf den vermeintlichen Gegner bemüht oft die alten Vorurteile und Verflachungen.

II.)

Die Mär, die sogenannten sozialistischen Staaten wären an ihrer mangelnden Produktivität und der Nichtbefriedigung von Konsum zugrunde gegangen, die DDR also wäre an der Bananenfrage gescheitert, ist eben dies: eine Mär. Tatsächlich sind die Staaten in der Folge von Glasnost und Perestroika deshalb kollabiert, weil das übermächtige Grundproblem nur um den Preis des Systembruchs aufgelöst werden kann. Und dieses Grundproblem ist die Einparteienherrschaft. Auch dann, wenn sie, wie in der DDR durch Scheinparteien verbrämt wird. Die daraus resultierende mangelnde Opposition und der gesellschaftliche Stillstand lassen sich nur durch unterdrückende Maßnahmen beherrschen. Man kann nicht zugleich den gesellschaftlichen Fortschritt für sich vereinnahmen und als Ziel die «freie Assoziation der Produzenten» verkünden und zugleich eine Gesellschaft ohne freie Rede, ohne Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit und Koalitionsfreiheit organisieren. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Realität ist unlösbar. Die sogenannten (oder wirklichen) sozialen Errungenschaften sind dabei keine Substitute für mangelnde Freiheit.
Es ist die durch die stalinsche Machtübernahme in der Sowjetunion geschaffene Verwerfung zwischen Behauptung und Wirklichkeit, die zum Zusammenfall der sozialistischen Staaten geführt hat.
Die Freiheitsrechte aber sind revolutionäre Rechte. Sie sind in vielen Revolutionen und Revolten erkämpft worden. Sie sind das Fundament, auf dem jede fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung aufbauen muss. Die stalinsche Wende hat zur Zerstörung dieses Fundaments geführt. Diese Zerstörung wirkt weiterhin. Die falsche Vorstellung mit Zwang den Zwang bekämpfen zu wollen, ist auch weiterhin bei vielen verbreitet.

Pierrot

Posted on | Juli 14, 2017 | No Comments

der pierrot singt
eine frau
weiß das kostüm
die haare schwarz kurz
schwimmt auf einem youtube kanal
an mir vorbei damals
das lied wie ich es
nie hörte zuvor
2009 1985
sprach ich zu den engeln
und alle süßen träume
lebte ich wie sie es sang
ich sah auf mtv die videos
und ein wenig nahm ich sie mit
in das leben meiner träume
doch hätte ich nie
die frau mit den kurzen haaren
nah gewollt weil sie so nah so fern so nah
mir war

Hamburg: Mehr als ein Haufen Steine

Posted on | Juli 10, 2017 | No Comments

Was viele, auch die Autonomen aus dem Umland und aus Deutschland nicht begriffen haben, ist, dass Hamburg eben Hamburg ist. Viele Hamburger, auch ich, werten die Vorfälle in der Osterstraße, in der Schanze und in der Neuen Großen Bergstraße als Angriff auf sich selbst. Diese Leute haben unsere, also auch meine, Stadt angegriffen, sie haben das Café Stenzel angegriffen und Budnikowski, eine kleine Drogerie-Kette, die immer solidarisch war.
Das trifft uns alle. Und wir alle sind solidarisch mit den Opfern dieser Gewalt. Mit dem kleinen Teeladen in der Osterstraße, mit dem Lotto-Geschäft in der der Bergstraße, mit dem Café Stenzel und mit Budni. Da gibt es kein «Wenn und Aber». Diese randalierenden, kriminellen Vollidioten haben unsere Stadt, unsere Freunde, unsere Punkte angegriffen.

Und natürlich fühlt man sich total verhöhnt, wenn sich dann jemand von der ‚Roten Flora‘ hinstellt und davon schwafelt, die randalierenden Horden hätten doch lieber außerhalb der Schanze berserkern sollen. Sie haben ja außerhalb der Schanze randaliert. Diese Spinner haben überall herumgetobt, wo man schnell hinkommen konnte. In Eimsbüttel, in Altona. Und es wäre nicht besser geworden, wenn sie nach Pöseldorf, nach Harvestehude, in die Elbvororte oder nach Volksdorf gezogen wären. Auch da ist Hamburg. Auch da wäre, das muss den Leuten aus der Flora klargemacht werden, die Solidarität der riesigen Mehrheit der Hamburger ebenso groß.
Das Interview von Beuth wird die Solidarität mit der Flora gegen Null sinken lassen. Ich würde den Leute in der Flora empfehlen, schnellstens Beuth und Co. die Tür zu weisen. Sonst wird die Flora nicht zu halten sein, denn sie braucht die Solidarität aus dem Stadtteil.

*Der Titel stammt von Wolfgang Borchert

Randalierende Kleinbürgerbrut

Posted on | Juli 7, 2017 | 13 Comments

Kleinbürgerjunge rennen durch die Stadt und zünden kleine rote Autos an, entglasen Lotto-Geschäfte und Eisdielen. Das sind genau die Leute, die man für jede politische Schweinerei gebrauchen kann. Diese Arschlöcher sind in ihrem Potential völlig unbeschränkt, sie bilden jenen Bodensatz, aus dem jeweils das Schlimmste erwachsen kann, was eine Gesellschaft, die sich selbst verliert, herausbilden kann.
Aber sie gehören zu keiner politischen Richtung. Sie sind einfach nur der Bodensatz. Sie sind eben nicht die, die Paläste stürmen und den Hütten Frieden bringen. Sie sind die, die auch die Hütten, die nur die Hütten, stürmen um sie anzuzünden.
Das ist der Kleinbürger in Aktion. Das ist eben nicht der Revoluzzer, das ist der ewige Fensterputzer. Aber einer, der Barrikaden baut, dort, wo sie denen schaden, die auch nicht reich sind und wo die Barrikaden keinen Staat stören.
Und weil das so ist, kann man nicht sicher sein, ob sie nicht jener Teil des Bodensatzes sind, der es in die Beamtenschaft geschafft hat, der mit Freude auf Befehl handelt.
Hamburg braucht einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft und Deutschland einen des Bundestages.

« go backkeep looking »
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