Leander Sukov

Schreiben.

Am Bahnhof

Posted on | Oktober 6, 2017 | 2 Comments

Langsamer werdend folgte der Intercity jetzt der langen Kurve, die Cathi seit ihre Kinderzeit so liebte. Die kleinen Einfamilienhäuser, deren erleuchtete Fenster sie von ihrem Sitzplatz aus sehen konnte, sie waren unverändert seit damals. Mehr als zwei Jahrzehnte zurück lagen diese Kindertage. In dieser Kurve begann sie seit damals, der Zeit der ungeliebten allwöchentlichen Besuche bei Tante Amalie in Sindelfingen, ein stärkeres Pochen in ihrer Brust zu spüren. Das war Heimat, war Heim. Das war in ihrem Kinderherz das Bild der elterliche Wohnung, manchmal, sommers, noch in das Licht einer tiefstehenden Nachmittagssonne getaucht, daran erinnerte sie sich jetzt, an die Vorfreude auf den Geruch des Elternhauses, auf das Abendessen, das nach diesen Besuchen immer opulent ausfiel, auf das Licht, das von draußen in die Räume drang und ihr ein besonderes gewesen zu sein schien.
Nun war es die Vorfreude auf die eigene Wohnung, auf ihren Mann, auf den Hund, auf den Garten vorm Haus und die Bäume, die die kleine Straße säumten.
Auch fiel nun, unter dem Kreischen der Räder, die Anstrengung ab, die Amalies Beerdigung in Cathis Innersten bedeutet hatte, auch wenn, Disziplin war ihr ohne Frage zu eigen, es man ihr nicht hatte ansehen können.
 
Der Zug hielt. Sie eilte, ihr Boardcase hinter sich herziehend den Bahnsteig entlang, griff das Köfferchen, riss es hoch, nahm behände, ja fast die Treppen hinauf- und hinabspringend, die Brücke, sah Rolf schon beim Durchgang vor dem Ausgang stehen, rannte ihm entgegen, rief „ich liebe Dich“, sprang ihm in die Arme, merkte, wie er den Halt verlor und nach hinten überfiel, hörte das Geräusch zerreißenden Fleisches, hörte den versiegenden Atem dem Mannes, sprang auf und sah unter seinem Rücken das Blut auf den Perron rinnen, sah auch den Stiel der Harke, der grotest wie der Knochen eines abgerissenen Flügels, schrägt unter Rolf hervorragte und in Richtung eines Plakats wies, auf dem eine Versicherungsgesellschaft für Lebensversicherungen warb. Cathi schrie, und sie hörte erst auf zu schreien, als der Notarzt ihr im Rettungswagen, in den man sie zu viert mit Mühe hatte bringen können, eine Spritze setzte und die Substanz zu wirken begann.
Foto siehe hier: Wikipedia

Comments

2 Responses to “Am Bahnhof”

  1. Edgar Alan Sukoff ?

  2. Das wäre doch eher Roald Dahl

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