Leander Sukov

Schreiben.

Unser Hof

Posted on | Juli 30, 2016 | No Comments

Das Feld des Leids ist tausend Tagwerk groß.
Doch in den Scheuern Saat nur für einen Morgen Trost.
Die Herden des Glücks verenden auf verdorrten Weiden.
Wir haben die schreienden Kälber nicht auf die saftigen Wiesen gelassen.
Der Gestank der verwesenden Leiber dringt in die Höfe.
Unsere Äcker sind gepflügt.
Wir düngen mit Knochenmehl
und pflanzen Schierling.

Moondog

Posted on | Juli 18, 2016 | 2 Comments

521px-Moondog_kopf

Auf dem Mond singt ein Hund
Lieder von der fernen Welt
Er blickt nicht zu den Sternen
von denen er gefallen ist

Mit verschlossenen Augen
blickt er auf Alles
Seine Gesänge sind
wie das Rauschen der Blätter
und das Gurgeln der Bäche
wie der Lärm der Straßen
und das Tosen der Wellen
wie der Sturm auf den Höhen
und das Gewitter über dem Tal
ohne Schwelle
betreten sie unsere Seele
und sind uns bekannt

Zukunftsgedicht

Posted on | Juli 13, 2016 | 1 Comment

 

Die Zäune sind auf Dreck gewachsen.
Berge im frühen Tränengasnebel.
Die Wanderer halten inne unter Schlagstöcken.
Aus Deutschland kommt eine Meisterin.
Sie kennt sich aus mit Stacheldrähten.
In den Wäldern fahnden Trupps nach Elendsgestalten.
In den Parlamentsgärten blühen blaue Narzissen.
Die Identität ist ein silberner Totenkopf.
Durch Tagträume marschieren Schaftstiefelträger.
An Bushaltestellen wird der Badenweiler gepfiffen.

Sisyphos

Posted on | Juli 11, 2016 | 1 Comment

WasserwerferWie schön wir waren in den Straßenschlachten.
Wie wir uns hielten im Wasserwerferstrahl.
Wie wir in Tränengasschwaden lachten.
Wie der große Traum unsere Herzen stahl.

Wie sicher wir waren, dass wir Geschichte machten.
Der Putsch in Chile war uns Seelenqual.
Wie nah wir uns trotzdem den Morgen dachten
und den Sturz des tönernen Baal‘.

Aus Samt die Versprechen, damit sie nicht brachen.
Und opulent jedes nostalgische Mahl,
an den Siegestagen über gestrige Drachen.
Wie stark wir waren, wie groß unsre Zahl.

Seither sind viele Schlachten verloren.
Doch in jedem Morgen wird Hoffnung geboren.

Mehr als ein Haufen Steine

Posted on | Juli 9, 2016 | 4 Comments

Port_hamburg_panorama

Stadt: Das ist für mich, heute mehr noch nun als früher, etwas Besonderes, eine Form von Siedlung ganz eigener Art. Stadt ist für mich nicht definiert durch die räumliche Versammlung einer großen Zahl von Menschen, die ein Häusermeer besiedeln. Nein, das wäre nur ein Häusermeer, keine Stadt.

Stadt ist das aus sich heraus Gewachsene, ein Ort mit einer beträchtlichen Anzahl Bewohner zwar, mit einer vom Dorf unterscheidbaren Art des Hausings – man erkennt diesen Unterschied sofort – eben mehr als nur zusammengewachsene, aufsummierte Dörfer, mehr als das Kernlose, das Unzentrierte, das gar nur politisch Gewollte. Stadt ist der Körper, der, gleich des Körpers eines Menschen, gewachsen ist.

Hamburg ist Stadt und die viel kleinere Ortschaft Ochsenfurt, Würzburg ist Stadt und München, Köln und Aachen, Bonn und Stade, Buxtehude und Celle.

Und die Bewohner haben, wenn auch nicht in ihrer Gesamtheit, so doch zu einem großen Teil, eine wohlwollende, eine manchmal überbordend stadtheimatliebende Affinität zu ihrer Stadt. Sie begreifen sie als Teil ihrer, des Bewohners, der Bewohnerin, selbst.

Dieses Verhältnis des Städters zur Stadt ist international. Der Dubliner, der Hamburger, der Römer und der Lissabonner: Sie heben sie, eine lässliche Sünde, manches Mal in Höhen, die zu hoch liegen mögen. Aber sie tuns weil sie nicht anders können vor lauter und lauterer Liebe, vor Verehrung und Verklärung – und weil sie allen sagen wollen: Sieh, das ist meine Stadt, und wohin ich auch komme, sie ist das Schönste, was ich an Heimat habe. Das ist jener gute Patriotismus, der nicht vom Vaterland herrührt, sondern von der Vaterschaft, also dem Sichkümmern, der Verpflichtung fürs Wohlergehen, von der Integration aller, die sich in der Stadt befinden. Den Alteingesessenen und den Neuzugezogenen. Der Patriotismus der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg, die eigentlich Gesellschaft zur Beförderung der nützlichen Gewerbe und schönen Künste heißt, ist diese Art des Patriotismus. Auch in anderen Städten gibt es solche Gesellschaften, die sich dem Gemeinwohl und den Nutzen für alle verschrieben haben. Das nämlich ist Stadt auch: Quelle einer Luft, die frei macht.

Und so wie bei manchen Menschen die Augen, bei anderen die Stimme, die Gestik, die Muskulatur der Arme vielleicht, ein stets erinnertes Merkmal bleiben, welches ein leichtes Mehrgewicht hat, so haben auch Städte Eigenheiten, die gewichtiger sind als andere. Die Parks, die Flüsse, herausstechende Bauwerke, Gegenden besonderer Art. Und manche dieser Beschaffenheiten kommen einen an, als wären sie nicht Ding, sondern Lebewesen.

Da versteht sich der Dubliner mit dem Hamburger. Da ist die Halfpenny-Bridge der Trostbrücke gleich, da ist der Liffey wie die Elbe ein Wesen, an das man sich erinnert, wie an einen nahen Verwandten. Nicht nur ein Fluss ist der Main für den Ochsenfurter, nicht nur ein Fluss der Rhein für die Kölnerin.

Das ist Stadt: Mehr als ein Haufen Steine, wie Wolfgang Borchert über Hamburg schrieb. Größer als das Meer aus Häusern, mehr als ein Haufen Straßen, mehr als alle Kneipen, Warenhäuser, Boutiquen, Clubs und Parks.

Ein Teil des Städters ist die Stadt. Ein Teil, der nachbleibt, im Verblassen der Heimaten – sein Ort.

 

Foto: Alexander Blum

Die Sache mit dem Euro

Posted on | Juli 7, 2016 | No Comments

320px-Parthenon_AthenIn der jungen Welt von heute befindet sich auf Seite zwei ein Interview mit Peter Wahl. Wahl ist Vorsitzender der Organisation Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED).
Die wesentlichen Teile des Interviews sind der erste und der letzte Absatz, und zwar in umgekehrter Reihenfolge. Denn nachdem Wahl dem Leser seine Sicht auf den Euro verdeutlicht hat, verdeutlicht er seine Sicht auf die EU. Allerdings entspringt seine Sicht auf den Euro der Sicht Wahls auf die Europäische Union. Er lehnt sie als neoliberales und in der Tendenz neoimperialistisches Projekt „der Eliten“ ab und hält es für eine gute Sache für die „meisten Europäer und den Rest der Menschheit“.
Seine Sicht auf den Euro ist dem geschuldet. Wahls Argumentation ist so einfach wie klar: Der Euro verhindert, dass schwächere Staaten ihren Außenhandel beleben können, wie sie es vermögen würden, hätten sie eine eigene, abwertungsfähige Währung. Das ist insoweit erst einmal richtig, aber trotzdem falsch. Denn der wesentliche Wirtschaftsraum fast aller Eurostaaten, vielleicht außer Deutschland, ist die EU selbst. In ihm – dem Wirtschaftsraum – ermöglicht der Euro Handelserleichterungen. Und er verhindert, dass stärkere Staaten, also z.B. Deutschland, ihre Währungen abwerten können um dann im Konzert von Wechselkurs und Hochtechnologie, Produktionsstärke und Produktivkräften den schwächeren Staaten vollends den Garaus machen können. Die Abkehr vom Euro ist bislang dann ernsthaft diskutiert worden, wenn die Schwäche eines Staates – wie Griechenland – das in der Tat im Moment neoliberale Wirtschaften der EU gefährdete. Allerdings genau von denen, die die Fahne der neoliberalen Politik hochhalten.
Die EU ist einer der vier imperialistischen Blöcke. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Sie ist es, da mag ich Wahl Recht geben, in der Tendenz, weil ihr eine klare gemeinsame Außenpolitik ebenso fehlt, wie eine zentrale Wirtschafts- und Fiskalpolitik.
Seltsam kommt mir allerdings der, von mir angenommene, Subtext vor. Nämlich die Idee, dass es in einer durchgehend kapitalistischen Welt mit ihrem Hang zur Monopolbildung und dem Einfluß der Monopole auf die Staatsgeschäfte etwas anderes geben könnte. Man kann diese Kritik als lässlich abtun und sollte es auch. Was man bei der EU nicht abtun kann ist das Vermögen zwischen ihren Mitgliedsstaaten Frieden ermöglicht zu haben, den Wilden Osten, trotz aller Verwerfungen die in die EU hineinwirken, unter einer Fuchtel zu halten, die das Schlimmste in der Innenpolitik dieser Staaten verhindert.
Wahls Plädoyer für die Loslösung schwächerer Staaten vom Euro ist ein Plädoyer gegen die EU als Organisation. Das ist, in einer Situation der fast heißen Konfrontation mit Russland völlig verfehlt. Gerade die EU ist in der Lage Staaten wie Polen, aber auch die Baltischen Staaten, davon abzuhalten mit noch aggressiverer Politik der aggressiven Politik Putins zu begegnen. Eine Ukraine ohne die Perspektive eines Beitritts zur EU, Serbien ohne gleichen Ausblick würden eine potentielle Gefährdung des Friedens sein – weit über das jetzige Maß hinaus.
Das Problem der EU nach innen ist der Verlust der staatsphilosophischen Basis, also der Bürgerrechte, zu denen auch die sozialen Rechte gehören. Man braucht eine demokratische Stärkung des EU-Parlaments und eine Beschneidung der Rechte der Nationalstaaten. Das wird kurzfristig und wohl auch mittelfristig unmöglich sein. Gleichwohl muss man darum kämpfen. Und zu einem Supranationalstaat der Regionen gehört eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Wirtschafts- und Steuerpolitik und eine Sozialpolitik auf hohem Niveau; vielleicht auch ein europäisches Bürgergeld. Das ist alles Reformismus. Selbstverständlich. Es gibt keine revolutionäre Situation und keinen Träger eines Umschwungs. Auch die Neue-Neue-Labour-Party unter Corbyn ist eine sozialdemokratische Partei. Podemos ist eine bolschewistische Bewegung und in Griechenland verschrödert Syriaz gerade. Das Ziel linker Politik muss doch nun sein, Situationen zu mildern, die dazu führen, dass die Lage der Menschen sich noch weiter verschlechtert – zumindest muss die Politik eine Perspektive aufzeigen. Es kämpft sich besser auf dem festen Boden der sozialen Sicherheit, als im Morast der Not.

Istanbul Flughafen

Posted on | Juni 29, 2016 | No Comments

Istanbul Flughafen I

Das Paradies ist kein guter Ort.
Wohin wollten die Engel fliegen?
Wie reist es sich anders
an ungewolltes Ziel?
Ewige Reise. Der Moment
vorm gültigen Erlöschen
hat kein Ende.
Alles Sterben ist ewiges
Leben gefangen im Augenblick.
Da liegt das Paradies. Erleuchtet
vom Blitz einer Explosion. Donnernde
Pauken. Immerwährender Schlag
in den Ohren der Toten.Ewig
die Bilder des Kindes. Ewig
die Erinnerung an Glück. Unvergänglich
die Sehnsucht und alle Wünsche.
Unerreichbar.

Istanbul Flughafen II

Irgendwo ein Kind.
Der Engel unsichtbare Mutter.
Traum von warmen Armen.
Und Sehnsüchte auf dem Leben
wie Flöhe auf den Straßenhunden.
Im Bosporus raunen die Wellen
vom Tod der Geschwister.
Im Flughafenterminal
warten in einer ewigen Sekunde
die Weitfortgereisten
ewig.
Im frühen Sommer fallen die Blätter.
Druckwellen pressen das Glück
ins Unendliche.
Die Mörder haben schlechte Gründe.

Juni

Posted on | Juni 1, 2016 | No Comments

Jetzt ist schon wieder Juni, fast halb vorbei das Jahr.
Und nichts erreicht von dem, was doch erreichbar war.
Das tote, nasse, kalte Kind auf dem Matrosenarm,
so alt nur wie das Jahr, doch nicht so frühlingswarm.

Die Kinder unter den Gewittern aus Stahl und Tod und Feuer,
die aufgeblähten Bäuche, die ganz verbrannte Scheuer,
die ewig gleichen Formeln, Sätze, Wörter von der Ehre,
die ewig gut gezogenen und durchgeladenen Gewehre.

Es hat sich nichts geändert im halbvergangnen Jahr.
Wir haben nicht geändert, was doch zu ändern war.
Das tote, nasse, kalte Kind auf dem Matrosenarm,
soll machen das wir frierend sind und niemals wieder warm.

Regentag

Posted on | Mai 30, 2016 | No Comments

Draußen fällt ein Regen.

Der Main fließt schlammig braun.

Erschlagene Blätter auf dem Pflaster.

Die Mörder längst geschmolzen.

In Pfützen baden Wolken.

Vögel in schnellem Flug

durcheilen die Lachen.

Zwischen den Häusern

noch der Widerhall des Donners,

noch die Schreie der Böen —

aus vergangener Nacht.

Doch schön das Licht

der ganz verwolkten Sonne,

diffus ins Kalte verschoben.

Das hohe Gras der Au‘

geneigt, und schwerer

wirken heut die Trauerweiden,

und dunkler scheint das Grün

der Buchen.

Fünf Sinne

Posted on | Mai 28, 2016 | No Comments

Ich sehe Dir nach
und ich rieche nach Dir
ich schmecke Dich noch
doch ich fühl Dich nicht mehr
ich hör Deine Schritte verhallen.

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