Seid romantisch

Seid romantisch wie noch nie, Kollegen.
Schreibt über Vöglein, die am Morgen
vor den Clubs schon singen,
während ihr, verliebt bis unters Hemd
aus Bangladesch und vollgesogen
mit Schnaps, Bier und andren Drogen
den Club im ersten Tageslicht betretet
auf der Suche nach dem Geliebten, der Geliebten,
für ein paar Tage, Nächte,
den Trennungsschmerz, ein übles Gutes,
das Euch beflügelt beim herzblutenden Dichten,
nehmt vorweg.
Schreibt über Mütter auch. Und bildet da
semantisch, orthografisch, irre,
Kombinationen: Mutterschmerz, Mutterliebe,
Muttersprache, Mutters Asche, Mutters Kohle, Mutters Kohlrouladen.
Tut gleiches Euren Vätern an.
Nehmt das Blatt nicht vor den Mund.
Legt es in den Drucker.
Suhlt Euch in Erinnerung und Herzschmerz.
Klagt das Schicksal an und die Schicksen,
Gebt zu, in den Puff zu gehen, gebt zu, Callboys bezahlt zu haben,
leidet damit den Leser voll.
Schreibt nicht, es hätte Euch befriedigt,
Schreibt, wie sehr ihr Euch erniedrigt habt mit der Inanspruchnahme
der Dienstleistung. Lügt Euch in die Tasche.
Hauptsache aber: Leidet. Privat. Persönlich. Familiär.
Kommt einer mit einem Gedicht über Flüchtlinge,
über Bangladesch, über Prostitution aus Not,
über Mindestlohn und Clubs,
so sagt: Das schießt ja den Vogel ab,
diese Betroffenheitslyrik.

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