Leander Sukov

Schreiben.

Schimären

Posted on | November 28, 2013 | No Comments

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Heute wie gestern. Nichts neu. Nichts. Nichts. Nichts. Heute wie gestern. Immer alles gleich, gleich, gleich. Es ist zum Verrücktwerden. Vielleicht aber bin ich schon verrückt, vielleicht bin ich seitlich hinausgeschoben von irgendeiner gottverdammten oder göttlichen, von einer auf jeden Fall aber unerwünschten Kraft, rausgeschoben aus dem Strom der Zeit, wie Captain Kirk in Treffen der Generationen. Vielleicht hat mich der Nexus erwischt und das hier ist gar nicht die Welt, sondern nur eine Illusion. Heute wie gestern. Nie etwas Neues. Nichts fließt. Alles steht still. Die Jahreszeiten wechseln sich ab, die Jahre nicht. Ich lese ein Buch und noch eines. Und es ist, als wären alle Bücher nur eines, eines ohne eine letzte Seite, eines, dass sich selbst schreibt, sich und meine Wirklichkeit, das was außerhalb des Buches ist, auch. Früher, ich erinnere mich genau, da entdeckte ich beim Lesen neue Sprachen. Jeder Dichter eine Sprache. Jede Sprache ein neuer Kontinent. Jeder Kontinent neue Landschaft, neue Menschen, die ich mir vom Papier fing, aufspießte und in meinem Kasten befestigte, staubdicht verschlossen, schneewittchensargig. Jetzt immer nur ein Mensch, einer, der mir vorgaukeln will, er wäre alle. Aber in all den Büchern, die nur ein Buch ja sind, er nur, der eine. Ich falle nicht darauf herein. Da hat er sich geschnitten. Ich bin mit allen Wassern gewaschen. Wenn ich das Haus verlasse, was nur noch selten geschieht, dann tut er so, als ob er aus den Büchern ins Leben gesprungen wäre. Nicht mit mir! Nicht mit mir! Er doppelt sich, er macht sich vielfach. Immer derselbe ist‘s. Die Kassiererin im Supermarkt, der Zeitungshändler, die Nachbarn, die an den Fenstern stehen, wenn ich das Haus verlasse, die mich hinter ihren Gardinen beobachten. Alle nur er. Alle derselbe. Draußen und in den Büchern. Meine Kinder, selbst meine Kinder. Die, welche die wirklichen, die echten Kinder waren, die durch meinen Geburtskanal in die Welt fielen  –  er hat sie fortgenommen und durch sich ersetzt. Er ist auch sie. Aber ich merke es. Ich habe es ihm in seiner doppelten Form auf die Köpfe zugesagt. Zu meinem Sohn und zu meiner Tochter habe ich gesagt: Ihr seid gar nicht die, die ihr vorgebt zu sein. Ihr seid er. Er hat betrübt ausgesehen. Er ist ein großer Schauspieler, ja das ist er, ein großer Mime. Ich solle mich untersuchen lassen, hat er durch den Mund der Tochterschimäre gesagt und man würde mir gute Ärzte besorgen hat er durch den Mund der Sohnschimäre verkündet. Ich habe abgewinkt. Ich bin nicht verrückt. Ich weiß, was ich weiß: Es gibt nur ihn und mich. Mehr sind nicht übrig. Nur er und ich. Die Ärzte, die Schwestern, der Besuch im Krankenhaus – sie wären allesamt er.

Ich werde ihn töten. Vermutlich reicht es, eine seiner Figuren umzubringen und die Welt erhebt sich aus dem Nexus. Wiederholungslos. Neu. Jeden Tag neu.

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