Leander Sukov

Schreiben.

Heimat und Leitkultur

Posted on | Dezember 19, 2017 | 1 Comment

Als ich 14 war, war meine Heimat das Zimmer von S. in einer schönen Gegend, westlicher Stadtrand Hamburgs, gepflegte Gärten, kiffende Bürgerkinder, Ton-Steine-Scherben auf dem Plattenkeller; und das Zimmer war meine Heimat, weil dort mein Mutter-Vater-Schwester-Bruder-Land war, S., die nach selbstgedrehten Zigaretten roch und nach Mensch und Liebe und Lust und Aventüre.
Als ich 16 war, war meine Heimat zwischen meinen Büchern und der Platz vorm Tresen in Teddys Letzter Kneipe in Hamburg 13, und in den Armen von B. war sie, in der Wärme die Bs Haut meiner Haut übertrug, in der Musik von Emerson Lake and Palmer, von Chopin und Genesis.
Für eine Nacht war meine Heimat, grenzenlos in Raum und Zeit, nie endend an einer Grenze, nie endend zu einer Zeit, ewig und unendlich, ein Hotelzimmer in Kreuzberg und der Mann neben mir.
Hamburgs Hafen war mir Heimat. Wenn ich den Bus zur Zollvereinsstraße nahm und dann durch den Hafen zurücklief bis nach Hause in Hamburg-Eimsbüttel.
H. war mir früh Heimat gewesen, wenn wir uns nach der Schule aus allen Normen fallen ließen, noch vor S. war er alle Abenteuer, alle Selbstvergessenheit, füllten wir mein Zimmer mit Welt und erschufen dieses Füllung selbst, als wenn wir Götter wären.
Heimat ist mir kein Ort und sie hat keine Zeit, sie ist nur deshalb Erinnerung, weil sie Teil der Gegenwart ist und eben auch von dort stammt: Aus dem schon Geschaffenen.
Und in diesen Heimaten entstand, entsteht die Kultur, die mich leitet. Entsteht aus Büchern, die mir Heimat waren und oft noch sind, entsteht aus den Handlungen anderer, die mir Vorbild sind oder Abschreckung. Da ist nichts deutsch, da ist nichts europäisch, da nichts von dieser Welt, was jene meint, auf der man ist, aber nicht die, in der man ist, denn die ist zugleich in einem selbst, eine Möbiusschleife aus Ich und Welt und man kann, welch ein gütiges Glück, nicht erkennen, was was ist und wo man selbst ist in der Möbiusheimat.
 
Wer will mit mir über Heimat sprechen und nicht die Welt meinen, in der er ist und nicht jene, auf der er ist. Denn wer das will, wer mir sagen will: Deutschland ist meine Heimat. Wer mir sagen will: Gutentagaufwiedersehenichbietemeinenplatzaltenmenschenan ist Leitkultur. Wer das will, soll sich fortmachen und mir nicht meine Zeit stehlen, die ich ich für immer neue Heimaten und immer neue Leitkulturen brauche, die in die Welt fallen, die in mir ist und ich in ihr.

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