Ein kleiner alter Mann

Der kleine alte Mann zitterte ein wenig. Er mochte solche Gegenden nicht. Industriebauten, Lagerhallen, keine Wohnhäuser. Blasses Laternenlicht fiel auf den Gehsteig. Hier gab es nichts, nicht einmal eine Kneipe, in der er einen wärmenden Kaffee hätte trinken können. Er merkte das Rheuma in seinen Gelenken. Und einen Moment lang dachte er an zu Hause, dachte an das Meer und daran, wie er jung damals noch, mit seiner Frau am Strand des Meeres lag, die warme Sonne auf einer Haut, die noch nicht Falten geworfen hatte, wie eine unordentliche Tischdecke. Seine Frau … seit fünf Jahren war sie tot. Der Gedanke an ihren Tod machte ihn betrübt, hätte jemand sein Gesicht sehen können, so hätte er den Schmerz gesehen, der jetzt über den alten Mann rollte, wie eine Welle über den Strand.
Dann sah der Mann sie. Drei Jugendliche kamen ihm hier, in dieser unbemenschten Industrieöde entgegen. Er spürte instinktiv, dass etwas nicht stimmte, mit diesen drei da. Da war etwas, etwas im Gang, etwas in den weitausholenden Bewegungen. Und dieses Etwas bedeutete Gefahr. Der kleine alte Mann fror noch mehr, eine Welle kaltes Blut schien durch ihn zu fließen, das leichte Zittern verstärkte sich, das Rheuma zog in den Gelenken, zog durch die Muskeln.
Er ging eng an der Mauer entlang, die irgendeine Lagerhalle vom Trottoir trennte. Die drei gingen nun hintereinander. Die ersten beiden ließen ihn passieren. Der Dritte aber sprang ihm in den Weg. „Alder, haste ne Kippe für uns?“, frage er. Der alte Mann wühlte in den Taschen. „Nein, leider … sie sind alle“, antwortete er mit einem fast unmerklichen Akzent. Er hatte in alle den Jahren, in denen er zwischen 1955 und den Achtzigern in diesem Land gelebt hatte, die Sprache gut gelernt. Oh ja, darin auch war er begabt. Viel gelesen hatte er in Deutsch. Die Klassiker, aber auch Böll und Grass. Und viele deutsche Freunde hatte er gehabt, darauf hatte er Wert gelegt. Nur nicht auffallen in dem fremden Land.
„Aber paar Euro haste für uns, oder“, fragte der Junge und grinste. Der Alte fingerte einen Zehner aus der Hosentasche und gab dem Jungen den Schein mit einer fast unterwürfigen Bewegung. Dann steckte er beide Hände wieder in den weiten Mantel und vergrub sein Gesicht tiefer in den Kragen. Durch den Hut war sein Gesicht fast nicht mehr zu sehen. „Da ist doch bestimmt noch mehr“, sagte der Junge und seine Stimme hat einen hinterhältigen, gefährlichen Unterton.
Der Alte schüttelte den Kopf. „Zehn Euro müssen reichen“, sagte er und man hörte das Zittern seiner Stimme ganz deutlich. Ein eigenartiges Zittern, eines, das beim Sprechen ein paar hohe Töne erzeugte.
„Gib mir Deine Knete,“ sagte der Junge, „oder ich schlag Dich tot, Du blöde Sau“. Der Alte machte einen vorsichtigen Schritt zurück. Er stieß an einen der anderen beiden. Der Hut wurde ihm vom Kopf geschlagen. Dann schlug ihm der, welcher hinter ihm stand mit der Faust auf den Kopf. Der Schlag tat weh, aber er war nur als Warnung zu verstehen, ein beleidigender Schlag, wie eine Ohrfeige.
Der Junge vor ihm sah verwundert aus. Dann sackte er auf die Knie und fiel seitlich um. Der Alte wunderte sich. Er wunderte sich jedes Mal. Es gab offenbar kein Muster. Manche fielen nach hinten, andere nach vorn. Und der da sackte in sich zusammen wie ein Sack. Der Alte machte einen behenden Sprung nach vorn, wirbelte herum. Die beiden anderen verstanden nicht, weshalb der dritte Junge auf dem Boden lag. Aus seinem Kopf sickerte Blut. Das Loch befand sich in der Stirn. Es war ein kleines dunkles Loch und aus diesem dunklen kleinen Loch floss ein kleiner Strahl roten Lebens auf den Gehsteig. Dann hörten sie das Plopp-Plopp. Der Alte schoss durch das Futter seines Mantels. Er gab sich jetzt keine Mühe mehr, einen bestimmten Körperteil zu treffen. Er hatte insgesamt noch drei Schüsse in seiner Pistole gehabt. Drei Kugeln für drei Angreifer. Er musste treffen. Er wählte den sicheren Weg und schoss sie in die Brust. „Alle blicken überrascht“, dachte er, „alle blicken immer überrascht. Man muss schnell sein, man darf sie nicht ängstigen, das gehört sich nicht, nicht für mich. Das ist nicht mein Job.“
Die beiden Jungen lagen jetzt vor ihm. Er könnte ihr Röcheln hören, ein leises Wimmern auch. Der Alte suche in seinen Taschen. Dann beförderte er ein Messer ans Licht, ein schönes Messer, ein Laguiole, handgefertigt und alt. Er klappte es auf, beugte sich über den ersten, schnitt quer über seinen Hals, übte dabei Druck aus, spürte die Knorpel und dann über den zweiten, der ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte, bevor diese Augen erstarben. Der Alte klappte das Messer zusammen und suchte den Gehsteig ab. Zwei der Patronenhülsen fand er gleich, die dritte entdeckte er nach einigem Suchen unter dem Bein des Jungen, der zur Straße hin lag.
Das Auto wartete an der vereinbarten Stelle. Der Alte stieg ein. „Ärger gehabt?“, fragte der Fahrer. Der Alte winkte ab. Erst auf der Autobahn zum Flughafen erzählte er von den drei Jugendlichen. „Die Richter sind schuld“, sagte der Fahrer, „sie bestrafen einfach nicht mehr richtig“. Beide lachten. Der Alte sah aus dem Fenster. „Hier ist es immer kalt“, sagte er, „gut, wieder nach Hause zu fliegen.“ Er freute sich darauf, dass er bald auf dem Flughafen Falcone e Borsellino landen würde. „Die anderen haben auch Helden“, dachte er und sagte, es wäre gut, wieder nach Hause zu kommen. „Das war mein letzter Auftrag, ich gehe in Rente“. Der Fahrer lachte.

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