Die Sensation, die keine ist

Manchmal verwirrt mich die internationale Politik. Das ist natürlich gelogen. Sie verwirrt mich nicht, ich weiß ja, wie sie läuft. Das ist natürlich nicht gelogen. Sie verwirrt mich doch. Denn ich kann gar nicht glauben, dass die Propagandistenheere, die regelmäßig auf die Medien und in den Medien losgelassen werden, wirklich dafürhalten, wir alle wären so abgrundtief dämlich, zu denken, mit ihren Scheinaufdeckungen könnten sie uns in die ihnen genehmen Richtungen bewegen. Das Problem dabei ist, dass mein Unglaube von einer falschen Prämisse ausgeht: Die meisten sind offenbar tatsächlich so einfältig.
Jetzt also das Giftgas in Syrien. Niemand hat in den letzten Wochen bestritten, dass Kampfgas eingesetzt worden ist. Auch die Annahme, es würde sich um Sarin handeln, war allgemeiner Konsens. Nachdem nun die internationale Expertenkommission genau das als Ergebnis vorlegt hat, was allgemein als Befund erwartet worden ist, tut man so, als wäre eine Sensation zu vermelden. Der Grund das Resultat derartig sensationell zu verkaufen ist, in die gespielte Aufgeregtheit die Schuldzuweisung zu verpacken. Man weiß nicht, wer die Raketen abgefeuert hat, tut aber so, als hätte man jetzt ganz unerwartet eine Evidenz. Aber man hat gar keine. Niemand weiß, welche Seite der diversen Seiten, die der Bürgerkrieg in Syrien hat, das Verbrechen beging. In der Lage dazu wären sowohl Regierungstruppen, als auch einige Rebellenverbände. Und es gibt gute Gründe, Spekulationen zu unterlassen. Dem Bundesnachrichtendienst und seinen Abhörprotokollen kann man schlechterdings nur mit erheblicher Skepsis entgegentreten. Seine „Curveball-Aufdeckungen“ haben schon im Irakkrieg zu nichts als Verheerung geführt. Wie sollte man sicher sein, dass dieser Dienst nun nicht wieder mit Informationen aufwartet, die an den Haaren herbeigezogen sind?
Es gilt, sich nicht von der Schauspielerei der Kriegstreiber und ihrer Lohnschreiber anstecken zu lassen. Wer in den Medien versucht, den Waffengang herbeizuschreiben, wer sich nicht gegen ihn wendet, trägt auch die Verantwortung für die Toten, die dieser – mit Sicherheit lange – Krieg kosten wird mit. Wer für jene Musik sorgt, die für einen Kriegseinsatz innenpolitisch vonnöten ist, schlägt den Takt auf Zinksärgen und dekoriert seine Bühne mit Leichentüchern.
Es kommt darauf an, die Kräfte zu unterstützen, die in Syrien noch immer auf Verhandlungslösungen setzen. Jene zu protegieren, die mit Gewalt eine säkulare Gesellschaft in einen Gottesstaat wandeln wollen, ist Schreibtischtätertum. Bei aller Abneigung Assad gegenüber und seiner Form der Herrschaft, kann die Alternative weder Gottesstaat, noch Entstaatlichung heißen. Das aber ist das – meiner Meinung nach – gewollte Ziel der imperialistischen Staaten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Bitte Zahl eingeben * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.