Das Mädchen mit den goldenen Haaren

(Ein Bericht von meinem Schreibtisch)

800px-Bda9Wenn Ihr mich fragt, wie die Sache überhaupt möglich sei, also wie sie im Rahmen der Naturgesetze erklärt werden könne – dann bin ich ratlos. Ihr müsst sie mir schon so abnehmen, wie ich sie erzähle. Ich habe, glaubt mir das ruhig, nichts erfunden. Alles hat sich so zugetragen. Natürlich kann ich Euren Zweifel verstehen, ich akzeptiere ihn ohne Wenn und Aber. Und ich selbst habe ja gezweifelt, bis ich die 9 mm Parabellum fand, gerade dort, wo Marie gerade gesessen hatte.
Sie, also Marie, materialisierte sich, als ich gerade über Fragen der Klassik in der Gegenwart schrieb. Ich nahm Marie, vermute ich, nicht von dem Moment an wahr, als sie auftauchte. Es mögen ein oder zwei Minuten vergangen sei. Dann machte mich ein metallisches Geräusch auf sie aufmerksam. Ich erschrak. Man mag mir nachsehen, dass ich vor meinen eigenen Romangestalten erschrecke. Aber so war es nun einmal und es ist ja eine durchaus menschliche Reaktion zu erschrecken, wenn plötzlich jemand in einem Zimmer sitzt, der weder geschellt hat noch durch eine offene Tür eintreten konnte und von dem man weiß: Er ist die eigene Schöpfung.
Sie saß also in dem weißen Korbsessel, der sich in meinem Rücken befindet, wenn ich am Schreibtisch sitze und lud eine Browning. Marie war viel schöner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Nie hatte ich ihre Augen in ausreichender Weise beschrieben, ja, ich bin mir nicht sicher, ob ich ihre Augen überhaupt beschrieben hatte. Marie lächelte.
„Ich gehe gleich wieder“, sagte sie, „keine Sorge, ich bin gleich wieder weg“. Sie schob das Magazin in die Waffe.
„Ich bin nur gekommen um Dir zu sagen, dass ich etwas tun muss, ich kann nicht anders“, sie hob die Pistole hoch und zeigte mit der anderen Hand auf die Waffe, „die Zeiten sind danach“. Ich wusste instinktiv was sie meinte und in den fünf Minuten, die nun folgten, redete ich in einem fort. Ich tat, glaubt mir auch das, mein Möglichstes, um sie davon zu überzeugen, dass es nicht der richtige Weg sei, zu schießen. Sie hörte mir mit einer ausdruckslosen Ruhe zu. „Die Zeiten sind danach“, wiederholte sie. Dann steckte sie die Waffe ein und zeigte auf mich, senkte den Kopf dabei, so als wolle sie sich ganz in sich selbst kehren und zugleich ihren Worten mehr Ausdruck verleihen – sie wählte eine theatralische Körperhaltung, so als spielte sie auf einer Bühne jemanden, der in höchster Not sein Tun zu erklären hätte: „Du musst es aufschreiben, hörst Du, aufschreiben, genau, präzise und mit der ganzen Macht Deiner Worte. Alles! Wirklich alles! Meine Gründe, mein Scheitern, mein Lieben, meinen Tod. Bitte. Gib Dir Mühe, es wird wichtig sein“.
Ich wollte erwidern, dass ich lieber aufschreiben wolle, was geschehe, wenn sie nur liebte, wenn sie nur voll Glück wäre, bis oben hin voll Glück. Aber sie schnitt mir das Wort mit einer herrischen Geste ab, die um so stärker wirkte, als sie gar nicht zu ihr passte. „Nein, schreib auf, was wirklich geschieht. Was mir wirklich geschieht und was ich wirklich geschehen lasse. Auch Lena sagt das, sagt, dass Du das aufschreiben musst. Und Lena hat auch gesagt, sie würde es Dir diktieren.“
Dann war Marie fort. Sie löste sich auf, wurde durchsichtiger und durchsichtiger und es war, als wäre sie nie hier gewesen.
Ich zweifelte an meinem Verstand. Dann aber sah ich unter dem Korbsessel die 9-mm-Parabellum-Patrone liegen.
Lena hat heute eine Wohnung in meinen Gedanken bezogen. Sie schreibt an ihrer Geschichte. Manchmal höre ich sie auf dem Keyboard klappern. Sie scheint traurig zu sein, denn von Zeit zu Zeit höre ich sie weinen.

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