Wespen

Aus dem Fenster schaut sie ihm zu. Vor dem alten hohlen Baum kniet er, eine altertümliche Gartenspritze in den Händen. „Er und seine Liebe zu allem Alten. Der ganze Trödel überall im Haus. Alles alt, alt, alt“, denkt sie.
Er zieht aus einem Kanister Gift in die Spritze. „Wie er das macht. Akkribisch, genüsslich“, denkt sie, „ein genüsslicher Mörder. Er genießt es die Wespen umzubringen“. Und sie fühlt Hass in sich aufsteigen, einen dunklen, mächtigen Hass gegen den Mann, der da im Garten jetzt mit der altertümlichen Spritze die giftige Brühe in den Wespenbau spritzt.
„Du genießt das, oder?“, ruft sie ihm vom Fenster aus zu, aber er antwortet nur mit einer abweisenden Bewegung. „Arrogant“, denkt sie, „arrogant ist er. Ein arroganter Mörder“. Und ihr Hass steigt weiter an.
Als er wieder in das Haus kommt, da steht sie hinter der Tür. Hebt mit Anstrengung die schwere Axt über den Kopf und denkt einen Moment daran, dass sie mit dem da nun fünfzig Jahre verheiratet ist. Und korrigiert sich sofort. Denkt sich ein „war“ an die Stelle des „ist“. Dann schlägt sie zu.
Und sie schlägt noch mit der Axt auf den Körper, als die Polizei die Tür aufbricht, die sie schon nach dem ersten Schlag ins Schloss getreten hat. Schlägt wie wild da noch ein auf den Körper, auf die abgetrennten Gliedmaße, spaltet einen schon vom Körper separierten Arm nochmals, erwischt den Kopf noch einmal, aus dem das Gehirn quillt, und aussieht, als wäre ein Mandelpudding zu Boden gefallen, und dabei schreit sie „Mörder, Mörder, Mörder“, schrill, überschlagend. Und sie schreit es noch, als man sie in den Krankenwagen bringt, mit dem sie in die Landesklink gefahren werden wird. Aber in sich drin, da ist sie ganz ruhig und voll Zufriedenheit mit sich.

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