Und immer wieder: Keine Ahnung haben, aber schreiben

Gleich vorweg: Ich werde irgendwann auch mitmachen beim Reigen derer, die über Dinge schreiben, mit denen sie sich offenbar nicht beschäftigt haben. Ich habe mir überlegt, mich dann der Geologie zu widmen. Ich garantiere, ich habe keine Ahnung von Gesteinen.

Isabell Metzger hat keine Ahnung vom Internet. Das allein wäre nicht schlimm. Man muss keine Ahnung vom Internet haben. Gleichwohl wäre es natürlich auch nicht schlecht, sie hätte. Immerhin hat sie in der TAZ einen Artikel über Netz-Autoren geschrieben. Sie hätte vermutlich einen völlig anderen Artikel verfasst, wenn sie gewusst hätte, über was sie schreibt.

Der Beitrag von Frau Metzger ist allerdings nicht nur ein Beispiel für Journalismus ohne Ahnung, sondern auch für eine hübsch perfide Meinungsmache. Nehmen wir uns ein paar Sätze und analysieren wir sie und den Zusammenhang, in den sie gestellt werden:

“Ihre Begründung [bezieht sich auf die Netzautoren]: Ohne online-Multiplikatoren überlebt Kunst auf Dauer nicht. Vor allem ihre eigene.”
Das ist nun vordergründig eine richtige Aussage: Das Netz lebt von der Multiplikation. Andererseits schwingt hier der Vorwurf des Egoismus mit: Es geht ihnen, den Netzautoren, nicht um die Kunst an sich, nicht um das Große Ganze, sondern um ihre Kunst. Na sowas.

Auch “ist ihre Sprache der HTML-Code”. Nun mag es richtig sein, dass einige Netzautoren auch HTML beherrschen, ob es allerdings “ihre Sprache” ist, darf bezweifelt werden. Die meisten werden in Blogs schreiben, in denen eines ganz sicher kaum gefordert wird: Die Eingabe von Code. Der Sinn des Satzes ist meiner Meinung nach nichts anderes, als eine künstliche Unterscheidung zwischen denen zu schaffen, die in der allgemeinen Sprache schaffen und denen, die sich mit etwas so Unverständlichem, wie dem HTML-Code abgeben. Abe was macht das schon, denn “ihre Kunst funktioniert nur am Computer.” Nun ja, Frau Metzger, die Novelle “Die Fenster von Sainte Chapelle” – Alban Nikolai Herbst –, funktioniert ganz offenbar sowohl am Computer, als auch als gedruckte Ausgabe. Der Text ist im Netz verhandelt worden, das Buch enthält Diskussionsschnipsel aus dem Blog des Autors, die Novelle ist eine gelungene Verbindung zwischen gedrucktem Buch und netzentwickeltem Text.
Man mag sich fragen, woher kommt nur dieses Unverständnis – Frau Metzger ist ja nicht die Einzige, die offenbar dem Medium Internet mit tiefer Unsicherheit und fundierter Unkenntnis gegenüber zu stehen scheint. Scheint ist das wichtige Wort: Denn es mag dahingestellt sein, ob sie es wirklich tut. Ihr Artikel beginnt schon mit einer Unterstellung: “Wenn Netzliteraten über die Urheberrechtsdebatte sprechen”, so schreibt sie, “hagelt es Kriegsmetaphern. Sie kämpfen gegen das Urheberrecht und für die Raubkopie”. Schon die Wortwahl befremdet. Kriegsmetaphern? Raubkopie? Und gegen das Urheberrecht? Welch ein Unsinn. Es geht darum, die Möglichkeiten eines für manche noch neuen Mediums in die Rechtskonstruktionen einzuweben, die bestehen, ohne es in seinen Möglichkeiten zu beschneiden. Es geht nicht um Wegnahme, sondern um Anerkennung und Vergütung.

Aber Frau Metzger teilt uns nicht nur mit, was Netzliteraten wollen, sondern auch, dass es schlimm enden wird. So schreibt sie über die Anthologie “Null” von Thomas Hettche, die gedruckte Form der “Internet-Anthologie” erhielte man nur noch antiquarisch. Erschienen ist das Buch im Jahre 2001. Und Frau Metzger sollte als Literaturkritikerin wissen, dass es nicht am Autor, sondern am Verlag liegt, Bücher nicht wieder aufzulegen. Weder Hettche, noch das “Netz” ist verantwortlich dafür, sondern die Verlagspolitik. Es trifft übrigens nicht nur “Internet-Anthologien”, sondern ausgesprochen viele Bücher ganz unterschiedlicher Art. Das war übrigens der Grund, weshalb der Kulturmaschinen-Verlag seinen Autoren garantiert, nicht verramscht zu werden, also immer lieferbar zu bleiben. Selbst dann, wenn sie im Internet veröffentlichen.

Schlecht geht es den “Internet-Autoren” auch: Auer gäbe zu, teilt uns Frau Metzger mit, dass er von seiner Dichtung nicht leben könne. Da sind wir aber platt. Es geht also Auer nicht anders als tausenden anderen Schriftstellern auch. Kaum ein Schriftsteller kann von seiner Dichtung leben, egal ob er im Netz veröffentlicht oder nicht. Und zum schlechten Schluß noch teilt uns Frau Metzger mit, auch Alban Nikolai Herbst, dessen Internetwerk “Die Dschungel” in der Tat eine literarisch große Tat sind, hätte Probleme, dieses Blog in Buchform auf den Markt zu bringen. Sie verkennt allerdings, dass dies kein Problem vonseiten “der Verlage” ist, sondern ein Problem der Aufbereitung, die ihre Zeit braucht. Die Technik schreitet voran. Buch und Netz können verwebt werden. Und ich bin ganz sicher: Die Dschungel werden gedruckt werden, früher oder später.

Zum Artikel in der TAZ

Zum den Dschungeln (Alban Nikolai Herbst)

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