Leander Sukov

Schreiben.

Staubiges Viertel in Göttingen

Posted on | April 29, 2018 | 1 Comment

In diesen Straßen fühlte er sich zu Hause. Die Geschäfte alle ein wenig grau, was durch die ungeputzten Scheiben kam, durch die lang nicht geänderten Auslagen, durch die billige Ware, die staubig schien, oder es auch war, durch die Fassadenschäden der Häuser. Aus den Kneipen erhoben sich Rauchschwaden wie verlorene, kleinwüchsige Engel und das Stimmengewirr klang ihm, der hier entlang ging, wie die gemurmelten Gebete von Gläubigen. Die Autos, die hier geparkt standen waren älter oft, manche aber auch größer, bombastischer, aufgebrezelt wie es manche Prostituierte noch heute sind; die Menschen grober vielleicht, Kreolen in Mädchenohren und die Mädchen selbst sahen für ihn so aus, als ob es ihnen nichts machen würde Abflüsse zu reparieren, Greisen den Arsch zu wischen oder einem, der ihnen schräg kam eine zu scheuern, dass der aufs Parkett ging. Hoffungsleerer und doch bereit sich sogleich über etwas Schönes zu freuen kamen ihm diese Leute vor. Er verhielt seine Schritte vor einem Durchgang. Überlegte einen Moment, durchquerte dann den Torweg und stand in einem Hinterhof. So einem, wie der, welcher sich vor Petras rückwärtig gelegener Wohnung befunden hatte, damals vor so vielen Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg. Petra, die er auf einer Verschickung nach Vogelkoje auf Sylt kennengelernt hatte. Beide 12 Jahre alt. Beide verliebt in einander. Er war damals mit der S-Bahn nach Wilhelmsburg gereist, ja gereist, denn für ihn damals war es eine Reise. Über die Elbe, von Eimsbüttel ganz durch den Hafen. Er war durch die Straßen gelaufen – bis zu diesem Hinterhof, und dann hatte er sich nicht getraut zu klingeln. Jetzt also stand er in dieser fremden Stadt, vermisste das Gefühl der Aufregung vor Reisen wieder dieser, wie man einen geliebten Pullover vermisst, und die Vorfreude, die Vorsangst vor kommenden Geschehnissen, das Kribbeln im Bauch, das furchtsame Hochgefühl und spürte, wie seinen Unmut sich selbst gegenüber für diesen Mangel an Mut, für die frühe, die früh versagte Liebe, für das, was vielleicht geschehen wäre, den Kuss, die Erkundung.
Er verließ die Tristesse der grauen Häuser, die im warmen Sonnenlicht noch trister erschienen, strich dabei im Schreiten mit der Hand über eine bis zur halben Höhe geteerte, schwarze Wand, die voller bunter Tags war, welche sich spürbar vom Grund abhoben.
Auf der Straße immer noch das Gefühl von Heimat, ja von Heimeligkeit, als käme er aus einem solchen Viertel, was er nicht tat, als wäre er aufgewachsen in solcher Umgebung, was er nicht war. Er stellte sich manchmal Küchen in diesen Häusern vor, dampfende Kaffeepötte auf linoleumbedeckten Küchentischen, stullenschmierende Familen, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, alles wie aus dem Film „Kuhle Wampe“, alles wie aus dem Proletarierbilderbuch, wie bei der Familie seines zweiten Freundes Berti, der natürlich nicht sein zweiter Freund in dem üblichen, sondern im damals unüblichen Sinne war, sein Geliebter, Herrscher, Kumpane. Er war auf John gefolgt, der auch in einem solchen Viertel gewohnt hatte, allein mit Vater und Schwester aber, die Mutter früh verstorben, so das sie, gottlob, nur ein Schatten war in Johns Erinnerung, nicht ein Riss im Herzen. Bei dem war er, der hier auf einer Straße mang der notleidenden Geschäfte und Geschäftchen stand, ängstlich gewesen, zu ängstlich manchmal, um Wort zu halten in der einen oder anderen Sache. Er hatte es noch nie vermocht, die Dinge in Beziehungen zu wenden. Er konnte lernen, das ja, konnte Erkenntnisse gewinnen und seine Schlußfolgerungen fürs eigenen Benehmen behalten, mitnehmen in die nächste Beziehung, aber die zerfallende durch die Anwendung der Erkenntnisse zu retten – das vermochte er nicht.
Und so war es ihm gelungen voller Mut und Wagemut in die Beziehung zu Berti zu gehen, was man besprach, was er versprach auch zu tun, dabei zu bleiben, Wort zu halten. Abenteuer auf Abenteuer hatten er und Berti erlebt, inszeniert, hatten Kulissen erschaffen und genutzt, wenn sie welche vorfanden, was nicht einfach war, weil verbotene, fern des Alltags liegende Orte oftmals diese Kulissen waren. Aber manche hatten sie entdeckt, hatten sie ausgebeutet, hatten sich in Gefahr begeben. Sie hatten Experimentierte durchgeführt. Frühe Forscher beide. Einmal hatte Berti ihn dabei verletzt, mehr als erwartet – der Gefahr waren sie sich bewusst gewesen – und es hatte alle Raffinesse erfordert, seiner Mutter die Verletzung zu verheimlichen.
Vielleicht waren diese Erinnerungen der Grund dafür, dass er sich in Gegenden wie dieser so frei, so aufgehoben fühlte.
In Hamburg war er einmal vor vielen Jahren in einen Villenvorort östlich der Innenstadt gefahren, hatte Minuten lang, vielleicht für eine halbe Stunde, vor einem Haus gestanden, das in einem Garten mit alten Bäumen lag, malerisch, kitschig fast, kitschig auch die Laube in dem Garten, die man nun, da die neuen Bewohner die Hecken gestutzt und die Wildheit vom Terrain getrieben hatten, sehen konnte von der Straße aus. Als er hier mit Anita und Ramona in Strudel voller Gewalt, Hingabe, Vertrauen, Hilflosigkeit, Angst, Brutalität und Zärtlichkeit stieß, war die Laube und der Rasen um sie herum ganz und gar verborgen. Sie trafen sich hier einen Sommer lang, einen endlosen, wunderbaren Sommer. Anitas Eltern waren da für Wochen an der Ostsee gewesen und hatten der Tochter das Haus überlassen, der Vater lektorierte in der Sommerfrische seine theologische Schriften, die Mutter stellte dort Keramiken her.
Aber heimisch hatte er, der nun ohne zu schauen in die Auslage eines Spielzeuggeschäftes starrte, war er in dem Strudel gewesen, war aber dem Stadtteil stets als Fremdling, ja geradezu scheu, begegnet und im Schnellbus zurück nach Hause, meist war es der letzte gewesen, schien es ihm, als führe er aus fremder Ferne in die Heimat, wenn der Bus Hamm durchquerte und dann Sankt Georg.

In solchen Augenblicken wie diesem, in der warmen Sonne des Nachmittags, in einer vorher unbekannten Gegend, rare Momente allesamt, bedauerte er die Unmöglichkeit von Zeitreisen, bedauerte nicht in sich selbst fahren zu können und dort ein Damals vorzufinden, mit Lehrern und Klassenkameraden, mit Kribbeln im Bauch, mit Wiebke Bruns im Radio, und alle Chancen noch einmal zu erhalten, sich dabei zu steuern, nicht umzudrehen in Wilhelmsburg, nicht ängstlich zu sein bei John, wieder die Haut der Mädchen in dem Vorort zu schmecken, nicht irgendwelcher Mädchen, sondern dieser beiden.

Dann erkannte er, schlagartig, dass all das nichts war als eine Gefühlshalluzination. Die Langeweile spielte ihm ein Stück vor. Das Fehlen jeder Möglichkeit zu einer erregender Interaktion hatte die Langeweile auf den Regiestuhl gerufen und nun gab eine Schmonzette. Er ging weiter. Gegen Vier fuhr sein Zug nach Hause. Er passierte eine Bank mit sechs lachenden Jugendlichen. Er kannte sie alle.

Comments

One Response to “Staubiges Viertel in Göttingen”

  1. immer wieder beeindruckend. Besonders der Mut, sich in solche „Gefühlshalluzinationen“ hineinziehen zu lassen und schließlich sehr kritischen Abstand herzustellen. Fast.

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