Parole, Parole, Parole

taz_livetickerDie Parole tarnt sich als Satire

Was sich die TAZ erlaubt hat in den letzten Tagen und Wochen ist absichtsvoll geschehen. So jedenfalls erscheint es mir. Die TAZ, die bürgerliche Zeitung, die so tut, als wäre sie links, hat ihren Weg über die Mitte der Gesellschaft hinaus in die intellektuellen Kreise des nationalliberalen Bürgertums nicht erst vor vier Wochen begonnen, sondern spätestens mit den bellizistischen Artikeln zu Jugoslawien.
Als die TAZ sich erblödete die Anzeige der AfD abzudrucken – launig gemacht das Ding, ganz für den morgendlichen Schenkelklopfer zu Latte mit Müsli – aber, da wurde der Tabubruch erneut offenkundig. Es ist schlechterdings nicht denkbar, dass man sich in Chefredaktion und Anzeigenleitung nicht bewusst war, was man da tat. Versuch macht kluch, hat man sich gesagt. Mal sehen, was passiert. Offenbar passierte nicht genug, um die TAZ von ihrem Kurs aufs Riff abzubringen.
Die Fußballweltmeisterschaft bedeutete, dass man noch ein paar Schaufeln Kohlen mehr ins Feuer geben konnte. Volle Kraft nach Steuerbord.
Doris Akrap, eine vollkompatible Journalistin, die schon für BZ und Jungle World geschrieben hat und damit die Frage verursacht, ob die Jungle World eigentlich jeden nimmt, twitterte „Wenn das der Führer noch erlebt hätte?“ Und der Praktikant oder wer sonst für den Liveticker der TAZ zuständig sein mag, übernahm es. Nun mag man sagen: Ironie, Satire gar. Aber was sich da als böser Spaß tarnt, ist böse Parole. Es geht Hand in Hand mit anderen doitschen Schenkelklopfern, die während der lebendigen Tickerei abgelassen wurden:

54. Minute: taz-Experte Deniz Yücel will weiter Blut sehen: „Wenn Brasilien schon nicht nach Kolumbien einmarschiert, dann wenigstens bei Dantes Papa.“

Halbzeit: taz-Experte Deniz Yücel fordert: „Brasilien muss nach Kolumbien einmarschieren.“

58. Minute: Klose geht – Schürrle kommt. taz-Homo-Experte Manuel Schubert: „Ein schöner Blondschopf geht immer.“

Natürlich sind das Versuche, die Grenze zu erweitern. Nein, nicht, dass nach dem fünften Glas hauseigenem Rotweins – bio, versteht sich – sowas rausrutscht, sondern, dass man es postet. Frisch, fromm, fröhlich, frei. Deutsch eben. Mal sehen, was geht. Hier ein bisschen drücken, dort ein wenig schieben. Man muss doch endlich weiter kommen. Man muss doch auch irgendwann als TAZ-Redakteur sagen können: Ich bin stolz ein deutscher Redakteur zu sein.

Die Werbegrafik, die die TAZ für dieses Spiel erstellt hat, unterminiert den eigenen moralischen Anspruch auch recht schön: „Steht Deutschland vor dem Blitzsieg“ liest man da unter der Zeile: „Gewitter über Berlin“. Stahlgewitter und deutsche Macht. So geht das.

Ich weiß nicht, ob es unter den Lesern dieses Beitrages viele mit TAZ-Abo gibt. Denen, die eines haben rate ich, es mal mit BILD und WELT zu versuchen. Es ist ehrlicher. Es ist sogar – inzwischen –  mit mehr moralischem Fundament. Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass die BILD einen Ticker betriebe, auf dem es derartige Entgleisungen gäbe. Vielleicht auch, weil das den Umsätzen schaden würde, vielleicht aber auch, weil es dort einen Restanstand gibt, der der TAZ-Redaktion verloren gegangen ist.

Foto TAZ (es dient der Dokumentation)

One Reply to “Parole, Parole, Parole”

  1. Stimme vollumfänglich zu.
    Die taz hat nebenbei noch einen draufgelegt: im Artikel „Helden, Heulsusen und Heulsusenhelden“ der neuesten taz-Wochenendausgabe (12./13. Juli). Auch wenn dessen Überschrift klar die humoristische Einfärbung ankündigt – Deniz Yücel’s Bezeichung des algerischen Fußballteams als „…die elegantesten unter Salafistenbärten. Nie war Dschihad hübscher“, geht nicht als ein mit Grenzüberschreitung kokettierender Spaß durch, sondern ist eine handfeste Diffarmierung. Einen solchen Grad politischer Unkorrektheit sollte sich nicht einmal die taz leisten.

    Werbe-Anzeigen für die AfD sind eine Sache, Tweets wie „Wenn das der Führer…“ von TAZ-Mitarbeitern sind einfach nur albern, aber hier fragt man sich, ob es sich ledliglich um eine persönliche Meinung, oder doch die der Redaktion handeln könnte – oder ob es Letzterer bestenfalls egal ist, ob sie ihre Leser mit solchen und anderen Ausrutschern irritiert, beziehungsweise verliert. Für mich (der ich lediglich ein Kombi-Abo von Wochenend-TAZ und Monde Diplomatique hatte… rate mal, wegen welcher Zeitung ich es abschloß) zumindest ein weiterer, nachträglicher Kündigungsgrund – schade, taz.

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