Leander Sukov

Schreiben.

Odessa. Ein schönes Buch

Posted on | Juli 6, 2017 | No Comments

Heute fand ich in der Post gleich zwei Exemplare des wirklich sehr schön gestalteten Buches „ODESSA“ des Klagenfurter Wieser-Verlages.
 
Neben Mark Twain, Alexander Puschkin, Maxim Gorki und meinem geliebten Herzensgenossen Vladimir Majakovski sowie vielen anderen bekannten Schriftstellern taucht auch meine Name dort auf. Mein Gedicht „Odessa Sonett“ wurde, welche Freude!, in das Buch aufgenommen.
 
Ich bedanke mich herzlich für die Beachtung.

 

Ich bedanke mich herzlich für die Beachtung.

Demokratie verteidigen!

Posted on | Juli 5, 2017 | No Comments

Robert Blum

Robert Blum

Demokratie, davon bin ich überzeugt, verträgt ein taktisches Verhältnis zu ihr nicht. Dabei weiß ich natürlich: Demokratie trägt in sich schon den Kompromiss zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen der Notwendigkeit zu jener Reglementierung, die zum grundsätzlichen Erhalt der Demokratie selbst nötig ist und der Renitenz gegen eben diese Reglementierung, einer Renitenz, die im Ziel allerdings der Reglementierung entsprechen muss, die also auf den Schutz der Demokratie und nicht auf ihre Vernichtung ausgerichtet sein muss, um in das demokratische Konzert zu passen.
Diese notwendig abstrakte Ebene gehört zur bürgerlichen Demokratie, wie zur sozialistischen. Ihre konkrete Ausgestaltung allerdings findet Demokratie in der Bewahrung der durch die bürgerlichen (nicht: bourgeoisen) Revolutionen und Rebellionen herausgebildeten Elemente.
Pressefreiheit, Freiheit des Wortes, Versammlungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche und geheime Wahlen, Koalitionsfreiheit und Gewaltenteilung.
Diese Rechte sind fallhierachisch, welches das höchste zu schützende Gut ist, kommt auf die Gefährdung an. In der Regel kann man sagen: Jenes Freiheitsrecht, das am meisten gefährdet ist, ist das höchste und muss durch die Wahrnehmung der anderen geschützt werden.
Die hamburgische Stadtregierung, der Senat, hat, durch die bewaffneten Kräfte des Staates im Inneren, also die Polizei, die Gewaltenteilung konkret und durch Handeln aufgehoben. Das Vorgehen der Polizei gegen ein Camp von Demonstranten anlässlich des sogenannten G-20-Gipfels stand diametral gegen ein ergangenes Gerichtsurteil, das nach meiner Kenntnis ebendieses Vorgehen verhindert sollte. Damit wurde die Gewaltenteilung konkret und durch Tun außer Kraft gesetzt.
Zugleich hat der Hamburger Senat eine so weiträumige Bannmeilenregelung getroffen, dass die Versammlungsfreiheit in erheblichem Maße gefährdet erscheint.
Beide Rechte können aber nicht aus taktischen Erwägungen für obsolet erklärt werden. Eine verständige und an ihren Rechten konservativ festhaltende Bürgerschaft muss vielmehr entschieden diese Rechte gegen die Verbote wahrnehmen, weil nicht demokratisch legitimiert sein kann, was die Demokratie suspendiert. Die Annahme eine zeitlich befristete Suspendierung würde im weiteren Lauf der Geschichte die Demokratie nicht schädigen, ist falsch. Was heute verboten wird, wird in der Folge aufgeweicht und verwässert sein. Nur wenn es der Bürgerschaft gelingt aus eigener Kraft Verbote und Suspendierungen demokratischer Rechte zu überwinden, kann der Schaden abgewendet werden.
Es ist daher im Hamburger Fall, wie in jedem Fall, nötig, sich über diese Verbote hinwegzusetzen und die Demokratie, also auch die Verfassung, zu verteidigen.

Literarische Arbeit

Posted on | Juli 4, 2017 | 1 Comment

Aufgrund von Todesfällen ist meine literarische Tätigkeit ins Stocken gekommen. Der unerwartete Tod von Cornelia Maihofer hat mich bewogen mit dem Satz von „Der Schrei“ noch zu warten. Er wird aber in der kommenden Woche vonstatten gehen.

Der schreckliche, auch für mich persönlich schreckliche, Schritt aus dem Leben, den Maria Evans-von Krbek vollzogen hat, meine wirklich geliebte Lektorin, meine geliebte gute Freundin, hat mich persönlich sehr getroffen. Sie sollte, wir hatten das kurz vorher noch besprochen, „Das Mädchen mit den goldenen Haaren“ begleiten. Enfant perdu nun. Der Roman wird bis zum Januar fertig werden und dann in die Schlußlesephase gehen. Ein Event in Hamburg vermutlich, über ein Wochenende, samt Party für Marie (die aus Ahab und die aus dem wirklichen Leben) und Lena (die aus dem Mädchen).

Zwischen August und Dezember werden noch kommen: Der Band mit den Essays und umfänglichen Kritiken und der längst überfällige Kurzgeschichtenband.

Aber meine ganz persönliche, unerbittliche, stets auch schneidend wie bei einer Rettung vor dem Schlangengift anmerkende, kluge, erfahrene Lektorin ist nicht mehr. Das macht es nicht einfacher. Verschiebungen sind denkbar.

Enfant Perdu (Für Maria)

Posted on | Juni 29, 2017 | No Comments

Dein Posten ist vakant und wir sind ganz verloren.
Die Wunden klaffen, und niemand rückt dir nach.
Das Blut ist uns auf unserer Haut gefroren.
Doch sind wir nicht gebrochen, ein jedes Herz nur brach.

Verlorner Posten in dem Lebenskriege,
hieltst du so lange mutig-traurig aus.
Und keine Hoffnung, keine großen Siege.
Und Heimat nicht, nicht einmal Haus.

In langen Nächten hat übermächtig dich gequält
Erinnerung an Kinderzeitdämonen,
um ihnen zu entgehen hast du die Flucht gewählt,
in tausendeine Halluzinationen.

Wir standen wachsam, das Gewehr im Arme,
und stieg aus deiner Seelengruft
ein Schatten, schossen wir die warme,
brühwarme Kugel in die Luft.

Und trafen nie. Die Schatten nicht, nicht die Dämonen.
Am Ende hast du sieglos dich ergeben.
Verwaist, verödet, ruiniert nun die Bastionen.
So still, so schrecklich still und ohne Leben.

Enfant perdu, das große, kleine, kluge Kind ist tot.
Sein Posten ist vakant und wir sind ganz verloren.
Die Wunden klaffen offen, fleischig-rot.
Das Blut ist uns auf unsrer Haut gefroren.

Heine / Sukov

Bunte Fetzen

Posted on | Juni 26, 2017 | No Comments

Auf dem Weg zum Karl-Liebknecht-Haus (LINKE), im Wagen (von links): Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Pfannkuch

Die grauen Wände
wieder bunt gestrichen.
Das morsche Mobiliar
mit farbenfrohen Fetzen dekoriert.
Ein Falscher Hase wird
als Hauptgericht gereicht.
Man spielt auf dieser Bühne sicher.
Auf diesen Brettern, die das Geld bedeuten.
Der jugendliche Held färbt,
sagt er, sich nicht das volle Haar.
Trotz Sommersonne trägt man mit Stolz
Wildledermäntel um die wunden Seelen.
Das Stück gibt es im hundertdritten Jahr.
Man kennt den Text, die hingeschmierten Worte.
Man spielt mit Verve die Klamotte.
Es wechselten die Ensembles,
doch wechselt nie das Stück.

Mit Lenins Gehrock gibt es keinen aufrechten Gang mehr.

Posted on | Juni 16, 2017 | No Comments

Gedanken anlässlich eines Beitrags von Ekkehard Lieberam in der jungen Welt

Es geht vermutlich nicht nur mir so — jedenfalls habe ich die Hoffnung, auch anderen aus der dialektischen, der Marx’schen Seele zu sprechen: Die Welterklärungen auf dem Stand der Sechziger und Siebziger (die sich ohne jede Evolution in die Achtziger verlängerten) sind von so unerträglicher stereotyper Simpelhaftigkeit, dass sie zu einem ständigen Ärgernis werden.
Lieberam hat natürlich recht, wenn er schreibt „Zweieinhalb Jahre Regierungszeit in Thüringen unter Bodo Ramelow sind vorbei. Die sozialen und politischen Zustände haben sich nicht verändert. Die Regierungspolitik hat sich nur minimal in wenigen Punkten verbessert, aber der Landesverband hat an Glaubwürdigkeit verloren.“
Aber er irrt völlig, wenn er schreibt: „Die Partei ist nicht zuletzt unter dem Druck des bürgerlichen Politikbetriebes zu einer zweiten sozialdemokratischen Partei geworden …“ Denn die LINKE ist, wie es schon die PDS in Teilen und die WASG zur Gänze waren, Fleisch vom Fleische der Sozialdemokratie. Sie ist im Wesen eine sozialistische, keine kommunistische, Partei und ohne Zweifel der Sozialdemokratie nahe.
Weshalb auch nicht? Die Sozialdemokratie kann auf Leute wie Wilhelm und Karl Liebknecht, auf August Bebel, Ferdinand Lassalle und auch auf Karl Marx und Friedrich Engels, auf Rosa Luxemburg und andere mehr zurückblicken.
Aber es geht um das einundzwanzigste Jahrhundert. Und da ist der Vorwurf, der in der Analyse als Synthese mitschwingt, die LINKE sei eben erst zu just dieser (linken) sozialdemokratischen Partei geworden, falsch. Für mich gilt da: „Man spürt die Absicht, und man ist verstimmt“. Denn der Vorwurf lautet ja, sich abgekehrt zu haben von Klassenkampf und der sogenannten „Eigentumsfrage“, also den wichtigsten Etappen an der linken Wegstrecke.
Man mag die Regierungsbeteiligungen in den Ländern falsch finden. Allerdings muss die Argumentationsebene stimmen. Man kann nicht mit eine Argumentationskette, die sich innerhalb des bürgerlichen Staates befindet den Vorwurf der Häresie herleiten.
Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft gilt, dass ein Bundesland eben nicht die Bundesrepublik ist und eine Landesregierung nicht die Bundesregierung. Das Wollen von Landesregierungen wird gebremst nicht nur von der Mehrheitslage im jeweiligen Land, sondern auch vom föderalen Staatsaufbau der Bundesrepublik und dem Zusammenwirken der Länder untereinander. Es kann keine starke linke Politik in einem Bundesland geben, solange es nicht eine starke linke Politik in der Bundesrepublik als Ganzes gibt. Zugleich sind alle Landesregierungen mit Politikern der LINKEN in Regierungsverantwortung Koalitionsregierungen. Man sitzt also mit der, in der Tat neoliberal gewandelten SPD und ggf. anderen in einer Regierung. Schadet das der gesellschaftlichen Entwicklung? Verliert die LINKE dadurch an Glaubwürdigkeit und wenn ja, bei wem und wie groß sind die Kreise, die der Vertrauensverlust zieht? Sind es ein paar hundert Menschen, ein paar tausend? Gewinnt man vielleicht mehr dazu? Gibt es Untersuchungen? Das wären ja die Fragen INNERHALB der bürgerlichen Gesellschaft. Ihnen hinzu gesellen sich Fragen nach der Strategie und Taktik im bürgerlichen Wahlbetrieb. Es ist überhaupt nicht die Zeit HIERZU andere Fragen zu stellen. ALLE anderen Fragen wären Fragen nach der Überwindung des bürgerlichen Staates. Aber keine nach dem Knicke im Tun linker Organisationen, sondern nach der derzeitigen Klassenlage, nach der zu erwartenden revolutionären Entwicklung usw. Wenn man sonst nichts zu tun hat, kann man ruhig darüber philosophieren, ob die LINKE lieber eine Kaderpartei, eine revolutionäre Gruppe oder sonst ein Kindergarten sein sollte. Jeder Jeck ist anders. Ich möchte nicht in Büttenreden eingreifen.

Völlig verwirrend finde ich, dass Lieberam sich beschwert, die Landesregierung in Thürigen hätte die DDR nicht „verteidigt“. Besteht die Deutsche Demokratische Republik denn noch? Ist es die Aufgabe von bundesdeutschen Landesregierungen vergangene Staaten zu verteidigen? Wäre das die Aufgabe von sogenannter marxistischer Geschichtswissenschaft? Wir verteidigen Objekte der Geschichte? Wovor? Vor falscher Zuschreibung? Nein, das wäre völliger Unsinn und ich möchte gar nicht dem Genossen Lieberam, der ja Professor war, unterstellen einen horrenden Blödsinn gegen jede dialektische Einsicht zu fordern. Es ist die Aufgabe Wissenschaft, auch Geschichtswissenschaft, vor eindeutiger politischer Vereinnahmung zu schützen. Die Aufgabe der thüringischen Landesregierung ist in der Tat aber in der DDR begangenes Unrecht zu benennen, weil die Leidtragenden Bürger Thüringens auch sind, weil damit umgegangen werden muss und das Unrecht also noch fortbesteht. Es handelt sich also hierbei nicht um einen Gegensatz, sondern um zwei völlig unterschiedliche Wirkbereiche. Und in dem der historischen Betrachtung hat eine Landesregierung im Allgemeinen nichts zu suchen. (Im Besonderen schon: An Gedenktagen, bei Preisverleihungen usw.)

Der Artikel von Lieberam reicht weit über die Tagung hinaus, auf welcher der Text dann vollständig vorliegen wird (vermutlich wird er in großen Teilen dem Lieberam-Buch mit gleichem Titel entsprechen), weil tatsächlich Teile der landläufigen Linken (ich meine nicht die Partei an sich) dazu neigen, die Probleme des Einundzwanzigsten Jahrhunderts mit Lenin, in winzigen, stark verwirrten Kreisen auch mit Stalin als Basis zu erklären. Ein stickiger Hauch, der auch aus dem Text Lieberams weht.
Während Marx und Engels den Kapitalismus analysiert haben, zu gesellschaftlichen, nun mehr geschichtlichen, Prozessen Stellung nahmen und damit Einsichten vermittelten und zugleich wissenschaftliches Handwerkzeug, ist Lenin nicht von allgemeiner Gültigkeit. Denn er benutzte ja das Marx’sche Instrumentarium lediglich. Man kann sich selbstverständlich auf Lenin beziehen, so wie auf die französischen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts oder auf Kant, Hegel, Schopenhauer, Voltaire und andere. Er gehört sicherlich zu den herausragenden Geistesgrößen der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, eine Sonderstellung nimmt er aber nicht deshalb, sondern wegen der Revolution in Russland von 1917 ein.
Die Limitierung von, kleiner werdenden, Teilen der Linken durch eine scheuklappige Weltsicht ist ein Problem seit der Renaissance des Marxismus-Leninismus im sogenannten Westen in den Sechzigern und Siebzigern. Und obwohl vielerorts und durch lange Zeiten darauf hingewiesen wurde, dass sich seit den bürgerlichen Revolutionen von 1848 bis in die Frühzeit der stalinschen Herrschaft hinein, die Linke, egal ob sie linksliberal oder linksradikal war, in einer sich stets weiterentwickelnder Beschäftigung mit der Gesellschaft befasst hat, seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber eine entscheidende intellektuelle Schwächung durch die Morde Stalins eingetreten ist, benehmen sich die Apologeten der Nostalgie, als läge alle Erkenntnis im Marxismus-Leninismus. Der ist übrigens ein stalinsches Kunstprodukt. Es muss doch auffallen, dass ab der Herrschaftsübernahme durch Stalin viel, sehr viel weniger an Entwicklungsforschung betrieben worden ist. Die großen sozialistischen Philosophen, Soziologen, Naturwissenschaftler, Historiker, sie sind zu einem erheblichen Teil in den Folterkellern des sowjetischen Geheimdienstes und den Gulags ermordet wurden. Die internationale Linke hat sich davon nie wieder erholt.
Gleichwohl, oder besser: deshalb, gibt es eine linke Attitüde der Reinheit von Theorie und Praxis, die nichts ist, als der Versuch, sich Reservate zu schaffen, in denen man sich wohlfühlt und über die Welt ereifern kann – mit Leninzitaten und dem Streit um Marx’sche Maximen, mit Kampfliedern aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts und dem ganzen schrecklich lähmenden nostalgischen Wehklagen über die untergegangenen Landen sozialistischer Revolutionen.

Das Ermüdende an dieser Sache ist, dass, so klein und marginalisiert diese Gruppen auch sind, sie immer wieder rückwärtsgewandte Diskussionen erzwingen, dass sie in der Öffentlichkeit ein völlig falsches, verstaubtes Bild der Linken und der LINKEN vermitteln (möchten).

Wir brauchen natürlich Wissenschaft und Forschung, wir brauchen gesellschaftliche Analyse, ökonomische Kompetenzen, kulturelles Potenzial und politische Potenz. Und es sind in der Tat Marx und Engels, die uns die Analysemittel gegeben haben und Erkenntnisse über ökonomische Wirkprozesse. Aber es ist eben nicht ein Marx als Reliquie, nicht einer, der eine religiöse Größe ist. Das gilt für Engels gleichermaßen. Über klare Zukunftsvorstellungen wird man bei Marx und Engels nicht viel finden. Es gibt da keine Anleitung für die nächste Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung.

Wir können gar nicht anders, als mit unseren Beurteilungen über die Regierungsbeteiligungen der LINKEN im bürgerlichen Staat und seinen Verhältnissen zu verbleiben, sonst stimmt das Ergebnis nicht. Wir müssen, bei der Frage, ob sie, die Beteiligungen, schaden oder nicht eben nicht die „reine Lehre“, die oft ja eine reine Leere ist, zugrunde legen, sondern reale Verluste und Gewinne an Stimmen. Und die LINKE eben auch parteipolitische Zielsetzungen und Taktiken.

 

 

 

Kein Exit vom Brexit?

Posted on | Juni 9, 2017 | No Comments

Nach den Wahlen im Vereinigten Königreich ist der Brexit leider weiterhin auf der Tagesordnung. Dem muss man in der EU Rechnung tragen. Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF hat heute in HEUTE dazu aufgerufen, die Tür für das Vereinigte Königreich offenzuhalten. Aber so einfach wird das nicht sein.
Denn auch den Schotten wird man die Tür öffnen müssen. Und es ist klar, dass sich die nicht von der Abstimmung zur Abtrennung des Landes vom UK nehmen lassen werden. Wer sollte es auch verhindern? Die schwache Premierministerin? Sicher nicht.
Aber auch die Signalwirkung darf nicht unterschätzt werden. Und auf das Signal kommt es nun an. Wer aus der EU geht kann doch nicht damit belohnt werden, dass die als Gegenleistung die Ampel zum Gemeinsamen Markt auf Grün stellt. Es muss klar gemacht werden: Wer die EU verlässt ist draußen und er ist dann ein Importland, wie jedes andere auch, das keine besonderen Verträge hat. Wer geht, kann doch nicht ernsthaft verlangen, dass die Abkommen, die in Jahrzehnten mit Norwegen zum Beispiel, gewachsen sind.
Natürlich braucht man ein Wiedereintrittsszenario, vielleicht eines, mit dann sofort verfügbaren Hilfsleistungen, z.B. Transferleistungen, um Arbeitsplätze zu schaffen. Denn wenn man aus dem UK ein Land wie irgendeines macht, wird das zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen führen. Die britischen Export sind zu einem nicht unerheblichen Teil Automobile und Autoteile. Die Eigentümer viele Werke dort sind Unternehmen vom Festland, aus Japan oder internationale Investmentgruppen. Sie alle haben darauf gesetzt, dass hier ein innereuropäischer Handel stattfindet. Der wäre dann vorbei. Ganz ähnlich wird sich die Situation im Bereich der Finanzdienstleistungen, die dann eben nicht mehr in der EU stattfinden würden.

Der Außenhandelsüberschuß Deutschlands gegenüber Großbritannien beträgt fünfzig Milliarden Euro. Damit ist das UK zwar der drittgrößte Exportpartner, im Gesamtkonzert der Exporte ist ein Einbruch, käme er denn, aber jederzeit verkraftbar. Keine zehn Prozent an den Gesamtexporten macht der Export auf die Insel aus. Außerdem ist natürlich mit einem völligen Einbruch nicht zu rechnen. Vielmehr ist ein leichter Rückgang denkbar.
Viel mehr als den deutschen Export würde ein realer Brexit die britische Wirtschaft treffen, die seit Thatcher systematisch von den Torries und dann von Blair zerschlagen worden ist. Die britische Wirtschaft ist in großen Teilen eine Zulieferwirtschaft und ein Wirtschaftsraum, der Dienstleistungen anbietet.
Der „echte Brexit“ aber braucht, wie ich bereits schrieb, Reparaturwerkzeuge um die nach einer Umkehr die britische Wirtschaft wieder aufzubauen. Das, und nicht die Öffnung des gemeinsamen Marktes, sollte Teil des Trennungsvertrages sein. Es sollte der britischen Öffentlichkeit immer klar gemacht werden, dass die Rückkehr in die EU auch sofortige Leistungen zum Aufbau der Wirtschaft bedeutet. Und Niederlassungsfreiheit. Denn natürlich kann die Reglementierung des Zuzugs von EU-Bürgern nach Großbritannien nicht ohne Antwort durch die EU bleiben. Wer Visa fordert, muss umgekehrt auch Visa bei sich tragen.

Mein Großvater, meine Mutter und ich

Posted on | Mai 31, 2017 | 3 Comments

Nein, das wird nichts aus der Familie. Keine Angst. Es geht um etwas gänzlich Anderes. Mein Großvaters liebte Richard Tauber und konnte dutzendweis‘ Volkslieder auswendig, aber auch die Lieder der Arbeiterbewegung, wie er sie als junger Matrose gesungen hatte. Meine Mutter hatte schöne Schallplatten von Richard Germer und vom Hafenkonzert, eine Sprechplatte von Will Quadflieg und einige passable Stücke aus den Fünfzigern und Sechzigern. Beiden waren die Rolling Stones fern, die Beatles weit, beiden waren Tina Turner oder Wilson Pickett vollkommen unbekannt.
Ihr kulturelles Reich war reduziert. Das war natürlich nicht ihre Schuld. Es lag an den Umständen, an dem riesigen kulturellen Bruch, von dem mein Großvater manchmal erzählte. Er, Ende des vorvorigen Jahrhunderts geboren, erinnerte sich an die Bubikopfmädchen, die es in den neunzehnhundertzwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch in Königs- und Braunsberg gegeben hatte. Er innerte sich an die Artikel über Berliner Boheme und das Gefühl des Aufbruchs und der Freiheit, dieses kurzlebigen Gefühls, das Dreiunddreißig dann totgeschlagen wurde. Das hatte nicht gereicht. Der Bruch, den der Nationalsozialismus darstellte, diese, auch kulturelle, Barbarei hatte ihn festgenagelt in einer Kulturwelt, die nicht expandieren konnte und sich nicht entwickeln. Und so wie es ihm ging, zu seinem Bedauern, wie ich glauben will, ging es auch jenen, die für die überwiegende Kultur der jungen Bundesrepublik verantwortlich waren. Diese schrecklichen Heile-Welt-Filme, diese schreckliche, weitgespülte Musik, die Triumphe, welche Kabarett ohne Schmerz feierte und bei denen man trotzdem noch „Oha!“ und „was die sich trauen“ murmelte. Eine Rückerinnerung an die Jahre vollkommener politischer Stummheit. Nun galt schon die säuselnde Kritik des Fernsehkabaretts, in Schwarz-Weiß, als rebellische Tat.
Meine Mutter wurde 1922 in die Welt geworfen. Ihre Jugend verbrachte sie im Bund deutscher Mädchen. Ihre Pubertät wurde vom Stahl des Krieges getötet, ihre Tage vom Trott einer nationalsozialistischen Erziehung. Sie hat sich bemüht, das zu überwinden, bis ins hohe Alter hinein. In der Literatur hat sie es geschafft. In der Musik nicht. Aber auch die Literatur, war halt, was halt war. Erst in den Siebzigern, schafft sie es, dann auch neue Literatur zu lesen und sich von Heine zu lösen. Aber musikalisch? Die verlorenen Welten waren nicht erreichbar, sie waren in der Vergangenheit untergegangen.
Jene Generation, die nach 1945 geboren worden ist, vielleicht nicht in den ersten Jahren danach, vielleicht ab Mitte der Fünfziger, diese Generation zwischen Trümmelfeld und Hochhaus, sie ist die erste bruchlose Generation. Das ist viel.

In vielen Plattenschränken, CD-Regalen, in MP3- und FLAC-Ordnern finden sich alter Rock-and-Roll, früher RAP und Peter Fox, Irie Revoltes und Woody Guthrie, Ton Steine Scherben und Dieter-Thomas Kuhn. Bruchlos.

Das müssen wir bewahren. Richtig empfunden habe ich diese deutsche Situation, als ich Anfang der Siebziger nach Irland fuhr. Dort gab es in den Kneipen und Konzerthallen keine Altersgruppierungen. Da sah ich in einem Bed-and-Breakfast im Regal neben alten Opernplatten, die Wolfetones, die Beatles und Marvin Gaye. Das Besitzer-Ehepaar war um die Siebzig. Und auf meine Frage, wie die Mischung zusammen käme wusste sie, sichtlich ratlos, keine Antwort.

Unser Kampf gegen Nationalismus und Faschismus ist auch ein Kampf gegen die Verengung von Kunst und Kultur auf das Skelett einer Totengestalt.

Wie kein Vogel

Posted on | Mai 23, 2017 | No Comments

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Für RW

Posted on | April 26, 2017 | No Comments

Dieses Lied ist ja nicht für Bojangles oder über ihn. Es ist ein Lied über einen weißen Alkoholiker, ein guter Tänzer wohl, den Jerry Jeff Walker in einem Kleinstadtgefängnis traf. Jedenfalls in der Welt dieses Liedes.
Und wenn es schon hier nicht über Bojangles ist ist, dann kann dieses Lied vielleicht ein wenig, nicht Wort für Wort, nein, nur ein wenig, windhauchig, so nahe wie der Tau dem Regen ist, über meinen ganz vergangenen Freund Rainer W. sein. Der hat mich geliebt, wie kein anderer Mann mich je geliebt hat und ich hoffe, er ist nicht vergangen an dieser Liebe. Ich habe viel von ihm gelernt, als er noch in sich war, bei sich, als er nur selten in jene zynische, verzweifelte Schweigsamkeit verfiel, die ganz seines wurde später. Da hatten seine Haare ihre blonde Farbe ganz verloren und waren grau, wie die Worte, die der so wortreiche W. gebrauchte wie Chirurgen ihre Skalpelle. Er ertrank sich und im Versinken hoffte er aufzusteigen über die Wasseroberflache des Lebensmeeres, schwere See. Die Tanten, bei denen er, der homosexuelle, der nicht deshalb, sondern aus allen denkbaren Gründen verletzliche und ohne jeden Grund immer wieder verletzte W., aufwuchs. Die politische Arbeit in der Studentenbewegung der siebziger Jahre, die Vorurteile seiner Genossen gegen ihn, den Schwulen, diese Flucht in die Notwendigkeiten des Kampfes um eine bessere Welt. Er ist an allem vergangen, an sich, an uns, an mir.
Als ich vor Jahren im Taxi durch Hamburg fuhr, da sah ich ihn. Wie er, in jeder Hand eine Topfpflanze, an der Alster entlang nach St. Georg ging. Da wohnte er, glaube ich. Ich lies den Fahrer nicht anhalten, weil ich mich vor dem Schmerz fürchtete, den eine erneute Begegnung mit mir ihm geben könnte. Ich konnte ihn lange sehen. Auf dem Ballindamm herrschte dichter Verkehr, wir standen im Stau. W. setzte sich auf eine Bank uns sah den Schiffen auf der Alster zu.
Später, vor ein paar Jahren, fand ich eine Traueranzeige auf einem virtuellen Friedhof im Netz, einem dieser Erinnungsorte. Ich habe W. geliebt, seine Art der Liebe konnte ich nicht erwidern. Er hatte Hunger, ich hatte kein Mahl für ihn.

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