Leander Sukov

Schreiben.

Krieg (I)

Posted on | September 11, 2013 | No Comments

800px-F-15E_drops_2,000-pound_munitions_Afghanistan_2009Dass auch hier Laub fiel … dass Wind kalt von den Bergen sank … er hatte nicht erwartet, die Jahreszeiten seiner Heimat so fern von ihr vorzufinden, als wären sie Teil seines Marschgepäcks. Nicht einmal die Menschen unterschieden sich in einer Weise, die mehr als oberflächlich war: Kleidung, ein wenig die Hautfarbe, die Bärte, die man aber, daran erinnerte er sich nun, auch in Berlin immer häufiger sah und von denen keine Botschaft ausging, die kein Erkennungszeichen waren. Wenige Frauen allerdings sah man. Er wäre gerne zu einem Auftritt von Firooz gegangen, in Kabul irgendwo, in einem versteckten Club vielleicht. Er wusste nicht, wo sie auftrat, er kannte nur ein Lied von ihr, eines, das er auf Youtube gesehen hatte und das ihm übel ankam, weil nichts mehr stimmen konnte, wenn es eine wie Firooz gab. Nichts konnte dann noch stimmen, von dem, was man ihm erzählt hatte, von dem, was er sich zusammengereimt hatte über dieses Land.
Manchmal wachte er nachts auf, weil er den Geruch verbrennenden Fleisches träumte oder Schreie sich so mächtig und laut seiner bemächtigten, ihn umhüllten, schlafend noch, dass sie, die Traumschreie, ihn weckten. Dann lag er still und wartete auf neuen, unverträumten Schlaf, bis zum frühen Wecken, dem Wecken, dass immer zu früh kam, am Morgen, am Nachmittag, in der Nacht. Er hätte gerne geschlafen, die drei Monate in einem Zug durchgeschlafen, die drei Monate die er hier, in diesem Land noch verbringen sollte, bis er ein Truppentransportflugzeug besteigen würde um nach Deutschland zurück zu fliegen.

Als sie kamen, vor elf Jahren nun schon, vor elf Jahren, als er so alt war, wie die Zeit nun alt ist, in die ihr Aufenthalt gebetet ist, da hatte er geglaubt, nun würde alles besser werden, nun würden die Männer mit den Peitschen aus den Straßen verschwinden. Aber den Männern mit den Peitschen folgten Männer in Rüstungen nach, Männer in großen Fahrzeugen, groß wie Drachen, tarnfarbige Drachen, die über die Wege des Dorfes rasten. Und den Schwertern folgten die Flugzeuge. Achtzehn war er, als man ihm eine verbrannte Kinderpuppe brachte, eine Puppe, kaum größer als eines der Schafe. Das war sein Vater, sein gerösteter, gegarter, geschrumpfter, verbrannter, fortgebrannter, fortgebombter Vater. Die zwei Felder zu bestellen war schwer für ihn und seine Brüder, ohne den Vater schwerer noch, viel schwerer noch als vorher. Sie hatten keinen Diesel für den kleinen, klapprigen, uralten Traktor, den sie hätschelten, als sei er ein Familienmitglied, den Traktor, der alles hätte leichter machen können. Deshalb war sein Vater geröstet worden, der geschrumpfte Vater, den sie begruben zusammen mit anderen gerösteten, geschrumpften, eingedampften, verkleinerten, unkenntlichen Dorfbewohnern, deshalb, war der Vater so klein geworden und nun unter der Erde, weil sie keinen Diesel für den alten Traktor hatten. Er, der Sohn des verkleinerten Vaters lag nun hinter einer niedrigen Mauer und wartete auf die, die seinen Vater reduziert hatten.

Der Schuss riss ihm den Oberschenkel auf. Keiner hatte erwartet unter Beschuss zu geraten, sie hatten alles gut gesichert. Es hatte nichts genutzt. Das Maschinengewehr auf dem Kampfwagen tackerte in die Richtigung, aus der die Schüsse kamen, Die Hochgeschwindigkeitsgeschosse durchschlugen die Mauer, gingen durch sie hindurch, als wäre sie gar nicht da. Damit hatten die nicht gerechnet, die hinter der Mauer lagen. Aus einer unbeschreibbaren Ferne kam der schwarze Körper seines Vaters auf zu ihm geschwebt, wie eine Gewitterwolke, kam schnell näher und machte alles schwarz, alles schwarz.

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