Hartz IV

RTL irgendwas. Sone Familie wie ihre. Aber wie auf Kocks. Hier schreien auch alle, streiten sich. Das ist so, seit, “wie lange?”, fragt sie ihren Mann, der die Frage nicht versteht. Zwei Jahre, denkt sie, zwei Jahre wird das schon so gehen. Vorher war sie bei der Post. Sie kann sich genau an den Geruch des Postamtes erinnern und an die Kantine, an die Kollegen, sogar an das Klo. Das war wie aus einer Fernsehsendung über Ämter. Amtlich, sozusagen. Damals, als sie noch bei der Post war, haben hier zu Hause nicht alle ständig herumgeschrien, sind nicht auf die Nerven gegangen, jedenfalls nicht so, wie sie es jetzt tun.
RTL irgendwas. Jeden Tag, jeden Abend. Oder SAT1. Früher haben sie auch Phönix gesehen oder 3sat, politische Reportagen. Da ist sie noch zu ihren Gewerkschaftstreffen gegangen. Es gibt auch welche für Arbeitslose. Aber sie schafft es einfach nicht. Sie kommt nicht hoch. „Ich kriege meinen Arsch einfach nicht mehr hoch“, sagt sie zu ihrem Mann. Der antwortet mit einem Grunzlaut.
Gleich wird er schlafen, denkt sie. Gleich wird sein Kopf langsam nach vorn fallen und dann schläft er. Er muss früh raus. Er trägt Zeitungen aus. Das Wochenblatt. Das hilft ihnen. Sie putzt dreimal die Woche. Besser als nichts. Aber ihren Arsch bekommt sie trotzdem nicht hoch. Obwohl sie noch rauskommen, aus dem Wohnungsgefängnis. Wenigstens um durch die Straßen zu laufen und Menschen Zeitungen ohne Inhalt in die Briefkästen zu stecken oder anderen den Dreck wegzumachen.
Man müsste mehr tun, denkt sie und sagt es, aber er antwortet nur mit diesem Grunzen, als hätte er alle Sprache verloren. „Wir reden gar nicht mehr miteinander“, sagt sie und er bleibt stumm.
Aus dem Zimmer ihres Sohnes hört sie Hiphop und sie versteht die Aggressivität, die der Musik und die ihres Sohnes.
Wenn sich nur nicht alle immer anschreien würden, denkt sie. Sie war noch nie in ihrem Leben so erschöpft, wie sie es jetzt ist, jetzt zwei Jahre nach der Kündigung. Zwei Jahre Ämter, RTL und Geschrei haben sie mürbe gemacht. Zwei Jahre jeden Cent umdrehen zu müssen, hat sie mürbe gemacht.
Ich bin gar nicht mehr ich, denkt sie, ich kann mich sehen, ich bin mir ganz nahe, aber zu weit um wieder zu mir zu kommen. Ich bin gar nicht mehr ich. Gar nicht mehr. Und ich komme einfach nicht zu mir, weil ich so müde bin. So müde.

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