Er, Morgens am Fenster

450px-Straßburger_Straße_1-5_(Hamburg-Dulsberg)Er liebt diese Stunde. Dann steht er am Fenster. Jeden Morgen fast. Steht da, in der Stunde zwischen sechs und sieben. In Boxershorts und T-Shirt. Altmännergeruchbehangen. Unrasiert. Sieht hinaus, sieht die Straßenbahnen, die ab halb sieben alle zehn Minuten schon verkehren, sieht Menschen einsteigen, Menschen mit noch müdem Gang, mit hängenden Schultern, sieht, wie der türkische Gemüsehändler seine Ware vor den Laden platziert, sieht, wie im Zigarettenladen die Jalousie hochgezogen wird und sieht, wie in anderen Wohnungen das Licht angeht, in anderen Wohnungen, die sind wie seine, in Häusern, die sind, wie das hier, Häusern mit kleinen Vorgärten, drei Geschosse hoch, gebaut nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Trümmern der Häuser, die hier verendet sind im Bombenhagel, hier am östlichen Rand der Innenstadt, und man die Stadtmitte zu Fuß erreichen, in dreißig, vierzig Minuten, immer die Straße hinunter und dann am Fluss entlang, den Stadtkern, wo der Mann, der aus dem Fenster sieht, früher gearbeitet hat, in einem Exportunternehmen, in einem Büro, das er Kontor nannte, weil das nach Buddenbrooks klingt und nicht nach Beamten, in Häusern also geht das Licht an, die wie das hier sind, mit Keller, mit Dachboden, mit kühlem Treppenhaus, das heimelig wirkt, mit den sauberen Treppen und dem Reinigungsplan auf einer Tafel neben der Tür, wo man auch die Adresse des Hausmeisters findet oder Werbung von örtlichen Handwerkersbetrieben, immer adrett diese Häuser, eines wie das andere, wie ältliche Fräuleins, gealtert mit den Bewohnern, nicht verjüngt durch die paar Studentinnen und Studenten, die eingezogen sind in den letzten Jahren und die schnell wechseln, die nicht einkaufen in den kleinen Geschäften der Umgebung, sondern in den Supermärkten nur, die also nicht zählen, nicht so wie er oder die anderen, die hier wohnen seit dreißig Jahren, seit vierzig oder länger noch sogar und die für den Geruch in den Treppenhäusern sorgen, für den Geruch nach Koteletts und Kartoffeln, nach Kaffee, die sich die Häuser ebenso angeeignet haben, wie die Häuser sich ihre Bewohner zu eigen genommen, die Symbionten sind beide, Haus und Bewohner, vielleicht sogar, Straße und Häuser, Straßen und Viertel, Baum und Vorgarten, die alle eins sind, morgens, wenn die Stadt erwacht und abends, wenn sie schlafen geht, hier früher als anderswo, und durch den Tag, wenn sie, die Stadt, das Viertel aber nicht, das dann nur noch von den Renterinnen und Rentnern leidlich belebt wird, von Menschen, wie ihm, wenn sie, die Stadt, aber nicht dies Viertel und nicht die anderen Viertel, die so sind, wie dies hier, triebhaft ihren Geschäften nachgeht, verschmolzen also die Menschen mit den Dingen, die Dinge mit den Menschen, der Linoleumbelag des Fußbodens in der Küche, das Parkett im Wohnzimmer, die hübschen kleinen Fenster, die kleinen Ern, die Fußmatten vor den Türen, die ehemaligen Studienräte, Außenhandelskaufleute, Schneidermeisterinnen, Herrenfriseure und Hutverkäufer, und das Gestern, das ewige Gestern mit ihnen, den Geburten der Vergangenheit, die sie alle sind, vielleicht sogar die Studentinnen und Studenten schon sind, die ja nicht ohne Grund hierher ziehen, in dieses ewig gestrige Viertel, in dieses Viertel, das ausschaut, als wären hier alle alten Fernsehserien, die Schölermanns und die Hesselbachs, die Unverbesserlichen auch, gedreht worden und als gäbe es hier noch Kaffeekränzchen und Tropfenfänger an großen porzellanenen Kaffeekannen mit Rosenmuster und Butterkuchenorgien und Renter, die schon am frühen Morgen aus dem Fenster sehen und eins geworden sind mit allem.

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