Leander Sukov

Schreiben.

Eine ältere Dame auf einem Balkon

Posted on | September 10, 2013 | No Comments

Welch ein schöner Morgen, denkt sie, die Blumen, welche Pracht, obwohl es schon fast Herbst ist. Rot allesamt, in Terracottakästen, rund um den Balkon, der, so empfindet sie es mit Stolz, der schönste in der Straße ist. Weithin zu sehen mit seiner Blütenpracht. Sie hat sich auf den Balkon gesetzt, eine Tasse Espresso vor sich, an der sie vorsichtig nippt. Die Sonne ist warm, fast heiß, so wie es die Sonne in ihrer Kindheit zu dieser Jahreszeit war. Ihre Kindheit im Süden, am Meer. Sie erinnert sich, wie sie von der Schule am Strand nach Hause gelaufen ist, erinnert sich an das Blütenkleid, weiß der Stoff, bedruckt mit bunten Blumen. Das ist jetzt, ja kann das denn sein, das ist jetzt fünfundfünfzig Jahre her. Zwölf oder dreizehn war sie da. Lange, lange vergangen, das Kleid und ihre Jugend da unten, wo das Meer an den Strand wogte und die Sonne brannte, wie keine zweite jemals gebrannt hat. Seit vierzig Jahren lebt sie hier, hier in dieser großen Stadt, die für sie hoch im Norden liegt. Sie hat sich an die Stadt gewöhnt, und wenn sie in den Süden fährt, dorthin, wo sie ihre Jugend verbrachte, bis sie in der Mitte ihrer Zwanziger war, dann fährt sie nicht nach Hause. Dann ist sie in Geschäften unterwegs, kommt sich aber vor, wie eine Touristin, eine von denen, die ihren Urlaubsort kennen, wie den, von dem sie stammen. Ja, denkt sie, so ist das. Man gewöhnt sich.
Sie liebt ihr Viertel, die kleinen Geschäfte, den Bäcker, der für extra für sie Pane nach einem Rezept backt, welches sie ihm mitgebracht hat aus ihrer früheren Heimat und um das sie dorten mit dem Bäcker im Dorf ringen musste, bevor er sich endlich, und nur durch gutes Zureden, bereit erklärte, es aufzuschreiben mit allen Ingredienzien. Den Schlachter kennt sie, der die gute Salami führt, weiß auch, wo es sich lohnt einen Espresso zu trinken. Und natürlich die Blumenhändlerin, die ihr die Pflanzen für den Balkon versorgt hat und mit guten Ratschlägen für das Düngen und Gießen. Ihr Viertel ist ein ruhiges Viertel. Alte, große Häuser mit geräumigen Wohnungen, baumbestandene Straßen, mit Kopfsteinpflaster die meisten. Hier gibt es nachts keine grölenden Betrunkenen auf den Gassen, keine lauten Clubs. Und keine Jugendbanden, denkt sie. Obwohl die Jugendbanden hier und anderswo in diesem Land ja nicht vergleichbar sind mit jenen, von denen ihre Cousine zu berichten weiß, die in Los Angeles wohnt und die sie manchmal trifft, im Dorf unten im Süden. Die sind ganz anders, dealen mit Rauschgift, sind gefährlich, scheren sich nicht um die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze. Aber hier, hier sind die meisten von minderer Gefährlichkeit, prügeln sich mit sich selbst, verkaufen ein bisschen Haschisch vielleicht, mehr tun die meisten nicht. Da kann man ganz beruhigt sein. Und wenn sich doch eine der wenigen Banden anders benimmt, dann wird eingeschritten. Das geht ja auch gar nicht anders. Man kann nicht einfach daherkommen und sich benehmen wie man will, denkt sie. Nein, das würde die ganze Ordnung auf den Kopf stellen, wer weiß, was dabei herauskommt.
Hier in ihrem Viertel aber gibt es keine Banden, keine herumlungernden Gruppen, nichts dergleichen. Rechtschaffende Leute wohnen hier. Wie das Paar im zweiten Stock ihres Hauses, das sich so reizend um sie kümmert. Seit die wissen, dass sie Sauerbraten liebt, bringen sie ihr den frischen heißen Braten, wenn sie ihn auf den Tisch stellen oder laden sie ein, bei ihnen zu essen. Zwischen vielen Büchern sitzen sie dann im Berliner Zimmer, fensterlos zwar, aber auf eigentümliche Weise doch mit tausenden Fenstern versehen, die sich als Buchrücken tarnen. Die Frau, die auf dem Balkon sitzt, hat Literatur studiert, an der freien Universität. Sie spricht gern über Bücher. Über Umberto Eco oder Dante, sie kann Petraca zitieren oder voll Freude über Calvino sprechen. In mitten der vielen Bücher fühlt sie sich geborgen  –  und sie hat mit dem viel jüngeren Paar, das aus Bayern hierher gezogen ist und am Theater arbeitet, wenn sie recht orientiert ist, Gesprächspartner mit denen es sich zu debattieren lohnt über Literatur.
Ja, sie ist hier zu Hause, hier in diesem Haus, in diesem Viertel. Sie ist glücklich hier zu sein, das merkt sie jetzt, wie man eine Welle merkt, die höher als die anderen an die Beine schlägt. Wie schön ich es doch habe, denkt sie und nippt an ihrem Espresso.
Vor einigen Tagen, da war sie in einem der Viertel, in dem es Banden der Art gibt, die hier üblich sind, Banden der harmlosen Sorte, gemessen an den Staaten oder an England. Aber eine, die ist anders. Die schickte sich an Macht haben zu wollen in ihrem Kiez. Und was für ein schrecklicher Kiez das war. Hochhäuser, grau das ehemalige Weiß der Fassaden, enge Wohnungen wohl, verdorrte Rasenflächen, ein bedrückendes Viertel, eines, in dem sie nie wohnen würde, nie. Dort also gibt es diese Bande, wenige nur, eine drei Dutzend und die beiden Jungs, die die Anführer waren und begonnen hatten richtige Macht haben zu wollen, nicht nur die Macht über die anderen Banden, die es vielleicht dort gab, von denen sie, die Frau, aber nichts wusste. Die Jugendlichen  –  sie sagt „Jugendliche“ obwohl einige bestimmt schon älter sind, aber jung noch im Verhältnis zu ihr und ihren Freunden  –  hatten begonnen Schutzgelder zu erpressen und harte Drogen nicht nur zu verkaufen, sondern über verschlungene Wege zu beziehen. Das verstieß gegen jede Gepflogenheit. Man tat Derartiges nicht.
Sie hatte sich in ihren alten Clio gesetzt, hatte an der nahegelegenen Hauptstraße nochmals gehalten und vollgetankt und sich dann durch den einsetzenden Feierabendverkehr geschlängelt. Fast eine Stunde hatte sie gebraucht, bis sie vor einem italienischen Restaurant, das im Erdgeschoß eines der hässlichen Hochhäuser lag, gehalten hatte. Die Spaghetti alla Vongole waren hervorragend, den ihr angebotenen Rotwein lehnte sie ab. Sie trank niemals Alkohol. Aber den guten Cappuccino nahm sie gerne an. Sie wartete, las in einer Zeitschrift, wartete und wartete, bis zwei junge Männer den Laden betraten und der Wirt ihnen verschämt und mit rotem Kopf einen Umschlag überreichte. Niemandem fiel auf, dass auch sie das Restaurant verließ, den jungen Männern mit schnellenTrippelschritten folgte, ihre große Handtasche über die Schulter gehängt. Eine ältere, kleine Frau, irgendeine ältere, kleine Frau, eine, die keinem auffiel.
Sie blickte wieder auf die Blumen, die so prachtvoll auf ihrem Balkon wuchsen und fühlte sich der Blumenhändlerin verbunden, deren Ratschläge zu dieser Blütenpracht beigetragen hatte. Sie hatte ein Recht darauf, sich wohl zu fühlen. Ihre Arbeit war schwer und gefährlich. Und sie tat sie seit langem schon ohne jedes Aufsehen, ohne zu murren und zur Zufriedenheit ihrer Freunde. Freude, dachte sie, ist das Gegenteil von Leid. Sie verabscheute es, Menschen leiden zu sehen. Stets bemühte sie sich Leid zu vermeiden. Sie arbeitete präzis‘. Auch in dem Viertel, dem hässlichen, schrecklichen Viertel, mit dessen Bewohnern sie Mitleid empfand, hatte sie schnell und präzis‘ gearbeitet, war zu ihrem Clio zurückgekehrt und durch die leerer werdenden Straßen wieder nach Hause gefahren, hatte unterwegs gehalten und eine Postkarte in einen der raren Briefkästen geworfen: „Die Neffen sind abgereist“, stand auf der Karte. Mehr nicht.
Es schellte an der Tür. Flink stand sie auf und lief durch den Flur. „Es gibt Sauerbraten“, sagte die junge Frau ohne eine Begrüßung, „wollen Sie nachher mit uns essen?“. Gerne willigte sie ein.

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