DIE Stadt (Geister-Schnippsel)

Und am Abend dann, nehme ich mir vor: Wieder Foucault lesen. Stück für Stück, analysierend, konzentriert. Gespensterstunde dann. Wenn ich an meinem Theoriehaus mauere ist immer Gespensterstunde. Diese Geister müssen untot bleiben, Münzer mit dem Hammer, dem man heute natürlich eine überbraten müsste, wegen des religiösen Scheißdrecks, den man aber küssen müsste, wegen seines Mutes. Und Rosa Luxemburg, Liebknecht, Thälmann. Und Marx, Engels, Lenin. Meine Schulgespenster. Lasst uns tauschen. Seid ihr mal ich im Heute. Liebt Ihr mal nicht im Heute. Schmiert Euch die Einsamkeit aufs Brot. Ihr könnt auch meinen Laptop benutzen, für Eure Werke. Schreibt und hört dabei Arbeiterlieder. Seht Euch die Chöre an auf youtube, alle Singenden so um die Sechzigsiebzig: Wir sind die junge Garde des Proletariats. Und ich mach das Vergangenheitsgespenst. Ich heiße doch schon wie ein Gespenst: Maria. Buhu … und sterbe bei der Schlacht an der Blutrinne. Buhu … und ich sehe mir den Sturm auf das Winterpalais an. Buhu … und fliehe nach London, wie Marx. Buhu … und sitze in Paris und warte darauf, dass mir Heinrich Heine endlich unter die Röcke fasst. Das wird spannend. Von ihm kenne ich nichts, außer dem Namen und einem Film, den sie neulich auf Arte wiederholt haben. Gleich notieren: Heine lesen! Jedichte! Und dann nochmal Buhu … und ich saufe mich mit Tucholsky durch die Berliner Nacht. Und Ihr Geister könnt währenddessen ins Burger gehen, zur Russendisko, Lenin. Oder ins Berghain, Marx. Oder ins Maria, Engels oder ins Melitta Sundström, Foucault. Oder in den Berliner Dom, Münzer (nimm den Hammer mit).

Gleich heule ich. Jetzt spreche ich schon mit meinen … mit meinen … Alles Scheiße. Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. Bloß raus aus der Wohnung. Ich klebe an mir selbst fest, wie eine Fliege auf einem Fliegenfänger. Nur das ich beides bin: Die Fliege, die verreckt und der Fliegenfänger, der sie festhält und hübsch langsam austrocknet. Bloß raus. Immer weg von mir. Immer weg von mir. Immer weg vom Fliegenfänger.

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