Die Stadt – Ein Textteil (unbearbeitet)

Bis Donnerstag gehört die Ausgestaltung meiner Tage ganz mir. Fahre am Dienstag, (nachdem ich den Montag mit ich weiß nicht was, keine Ahnung, umgebracht habe (dabei allerdings immer wieder Gedanken an Lutz!)), der ein sonniger Herbsttag ist, leicht, das Licht schon ein halbes Winterlicht, zur Topografie des Terrors. Auf dem Niveau der Straße steht in dem Terrain, welches die Wilhelm- mit der Stresemannstraße verbindet, ein Bretterzaun. Am Zaun Bildtafeln, vor dem Weg, der an ihnen vorbeiführt ein Graben. Die alten Wände des Gestapohauptquartieres darin noch zu sehen. Bildtafeln auch hier. Verbrecher in Uniformen. Verbrecher in Anzügen. Opfer, denen man Angst und Folter ansieht. Und dann das Wissen, dass ich ja erst gelernt habe hier in diesem großen Deutschland, weil man mir das andere Land aus der Zeit genommen hat: Viele dieser Verbrecher haben gerichtet, gelehrt, verwaltet, die öffentliche Meinung geprägt, ganze Generationen von Juristen, Lehrern, Forschern, Polizisten, Beamten, Angestellten, Journalisten ausgebildet in dem was, auch das hat man versucht mich zu lehren, eine freie Demokratie geheißen wird und eine Freiheitlich Demokratische Grundordnung.

Wir hatten das, als ich sechzehn war. Der Zufall wollte es: Der Unterricht kollidierte mit meinen Demokratieerfahrungen. Die Wirklichkeit war anders, als die Theorie. Das haben Wirklichkeiten so an sich. Es ist sozusagen ein Gen der Wirklichkeit, sich von der Theorie zu unterscheiden. Das erklärt sich mathematisch: Die Theorie hat keine anderen Zustände, als die angenommenen, sie unterliegt keinen plötzlichen Einwirkungen durch Individuen, Naturgewalten, Kriege. Sie ist rein. Eine Theorie ist immer wie Mutter Maria. Von der einer aus meiner Jugendorganisation gesagt hat: Das ist die Ikone der Sexualitätsfeindlichkeit – sogar Kinder zu kriegen ohne Geschlechtsakt ist möglich. So ist auch die Theorie. Und als wir uns damals mit Bernstein beschäftigten, da hat der Genosse es wiederholt und hinzugefügt: Selbst ungewollte Kinder kann man bekommen, als Theorie. Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist. Marx hat recht. Hier auf diesem Pilgerweg des Leides, des Faschismus, der Unmenschlichkeit und der ewigen Frage der Eigentumsverhältnisse, auf diesem Pilgerweg, findet man sie: Die Zusammenfassung vieler Bestimmungen. Das ist die Reproduktion des konkreten Leides aus der abstrakten Machtfrage. Vor mir Schülerinnen, aus Italien nehme ich an. Und vor ihnen her, als Entenmutter, ihre Lehrerin. Die ist interessiert an der ganzen Sache. Ihre Klasse ist es nicht. Augenscheinlich. Aber der Augenschein kann trügen. Ich bin, schätze ich fünf Jahre älter als die. Und ich kann mich daran erinnern, dass mir schulische Pflichtveranstaltungen krass gegen den Strich gingen, auch ich verhielt mich dort uninteressiert, sogar an Orten, an denen ich aus eigenem politischem Antrieb vorher schon gewesen war. Der Grund ist eine Doppelung: Die Pflicht, das Fremdbestimmte, fällt zusammen damit, dass man sowieso nichts glaubt, was die Vertreter eines Systems erzählen, mit dem man überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht hat. Einem System, dass einen einzwängt in Leistungsanforderungen, deren Leistungen man so nicht leisten will, in Bewertungssysteme, deren Werte man nicht wertschätzen will, in Repressionssysteme, die einen verbiegen sollen und verwertbar machen. Da geht dann eine Gedenkstätte ihres Sinns verlustig, in dem Augenblick, in dem sie nur noch das ist: Pflichtveranstaltung, Mittel zum Zweck, Hauch aus der Atmung des Apparates, dieser Lungenmaschine der Verhältnisse. Ich verstehe das Kichern, ich verstehe die Gespräche, die sich augenscheinlich nicht um die Topografie drehen, sondern – hätte ich besser aufgepasst in Latein, vielleicht verstünde ich jetzt mehr – sich drehen um Berlin und die Walfischnächte. Ich hätte, schießt es mir da durch den Kopf, gestern zu meiner Parteigruppe gehen sollen, endlich. Aber ich habe es versäumt. Einfach nicht daran gedacht. Ich nehme mir fest vor, wenigstens den Gruppenvorsitzenden anzurufen. Und ich weiß: Ich werde es vergessen. Es ist so vieles neu hier. Es ist so groß hier. Es gibt so viel zu entdecken. Ich bleibe lange in der Topografie. Mir machen diese Gedenkstätten Angst. Und ich brauche diese Angst. Ich brauche den darauf hervor wachsenden, aus diesem Dünger hervor wachsenden, Hass auf die Faschisten. Dieser Hass ist mir lieb. Die Angst, die ich ganz körperlich empfinde, dass auch ich einmal (und dieses 'einmal' ist auch die Vorstellung, ich wache auf, die Topografie und diesen Herbsttag habe ich nur geträumt, und bin in einer Zelle. Mein Körper zerschlagen, durstig, alles ist Schmerz in mir, alles ist Todesangst) verhaftet, eingesperrt, gefoltert, ermordet werde. Dass sich die Verhältnisse ändern, falls ich nicht träume, dass sich die Verhältnisse schon geändert haben, falls ich es doch tu'. Ich bleibe lange vor den Bildtafeln stehen. Manchen Text auch lese ich. Aber eigentlich sind es die Gesichter der Täter, die ich sehen will. Diese doitschen Fressen, dieses ganz Durchschnittliche, dieses keinesfalls Psychopathische in ihren Blicken. Ich brauche eine gute Stunde um die Strecke abzulaufen, gehe den ebenerdigen Weg und den anderen im Gang unter dem Niveau der Straße. Und dann noch einmal den ersten, so dass ich am Ende des Horrorwegs am Ausgang zur Stresemannstraße bin. Ich bleibe dort einfach stehen. Ganz steif. Nicht lange, nein, das nicht. Aber für einen Moment, bis das Bild dieses zusammenfotografierten Grauens ein Teil von Wissen wird und sich aus dem Gefühl soweit gelöst hat, dass ich von ihm nicht mehr gefangen bin. Im Martin-Gropius-Bau hängen Bilder von Harald-Schmitt. Bilder, die den Untergang des Sozialismus zeigen. Soll ich hineingehen? Das wäre zu viel, nach diesem Rundgang durch den Terror, wäre das zu viel für mich. Ich brauche jetzt etwas, das mich nicht innerlich erreicht, etwas, das mich zertreut. Ich latsche zum Potsdamer Platz, langsam, irgendwie kommt es mir vor, als schlurfe ich den Weg dorthin. An einer Hauswand steht die überdimensionale Figur eines Elektrikers auf einer Leiter. Oder ist es gar kein Elektriker. Jedenfalls ist es gut gemacht. Die übermäßige Größe der Figur fällt erst beim zweiten Hinsehen auf. Ich muss lachen. Wie lange ist es her, dass ich gelacht habe? Warum lache ich so wenig, weshalb bin ich so … ja was denn? … ist das Melancholie oder bin ich einfach schlecht drauf, immer schlecht drauf, oder fehlt mir etwas. Wer liebt mich?, scheißt mir das Gehirn in das Denken. Da ist es mit dem Lachen vorbei. Trotz eines weiteren Blicks auf den überdimensionierten Kerl auf der überdimensionierten Leiter.

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