Der Dorfpolizist

In einer warmen mondlosen Nacht – bleierne Müdigkeit lag auf ihm – bog Alfredo Farriar mit seinem Dreißigtonner in den kleinen Weg ein, der von der Hauptstraße aus, vorbei an Rosis Bar – einer von der Besitzerin mit Herzenskälte und Blick auf die Umsätze geführten Kaschemme – zu seiner Hütte führt, in der er mit seinem Sohn und den Erinnerungen an seine früh verstorbene Frau lebt.
Auf dem Platz vor Rosis Bar tanzten ausgelassen fünf Männer. Der billige Brandy und das schale Bier, dem sie über den Abend herzlich zugesprochen hatten, schwappten ihnen in Hirn und Magen. Sie hielten sich an den Schultern und sprangen im Kreis umher, während sie die alten Lieder sangen, die hier jeder kennt, und welche noch heute, vor allen anderen, auf den Volksfesten gesungen werden.
Alfredo Farriar konnte nicht mehr bremsen. Die fünf Männer waren auf der Stelle tot. Alfredo wurde mit einem Nervenzusammenbruch in das Provinzkrankenhaus eingeliefert, erholte sich schnell, was auch der intensiven und persönlichen Zuwendung einer älteren, aber nicht unattraktiven Krankenschwester zu verdanken war und kehrte schon nach zehn Tagen in sein Dorf zurück.
Indes: Die Lage war hoffnungslos. Jene fünf betrunkenen Männer, die er – wie er vor seiner Hütte im Schatten des Lasters sitzend nachrechnete, war das keine zwei Wochen her – überfahren hatte, waren die Polizisten des Distrikts gewesen. Alfredo hatte ohne große Überlegung gleich nach seiner Rückkehr beim Distriktgouverneur angerufen, war, als er ihn telefonisch nicht erreichen konnte, in langsamer und ängstlicher Fahrt – die Sache saß ihm tief in den Knochen – in die Distrikthauptstadt gefahren und hatte dort, den Hut zwischen seinen Händen drehend, vorgesprochen. Man hatte ihn abschlägig beschieden. Seit Jahren war es, bis auf einige abhandengekommene Hühner, von denen man nicht recht wusste, ob sie einem Diebstahl zum Opfer gefallen waren, zu keinen Straftaten mehr gekommen. Wozu also, fragte der Gouverneur, bräuchte man Polizisten? Die Sache sei traurig für die Familien, gewiss, aber sie würde den Distrikt entlasten, wenn das ein Trost wäre. Es war keiner.
Alfredo Farriar beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Er besorgte sich eine gebrauchte Uniform und begann in seiner freien Zeit auf den Straßen seines Dorfes – an schönen Tagen, wenn der Wind warm und angenehm über die Felder strich, auch durch diese – zu patrouillieren. Bald aber wurde ihm die Sache langweilig. Und eines schönen Tages, die Sonne stand hoch am Himmel, keine Wolke trübte das gleißende Licht, entschied er sich, seine Seele zu verdoppeln. Seit diesem Tag nun, ob Ihr es glaubt oder nicht, stiehlt Alfedo Farriar des Nachts Hühner und manchmal auch eines der kleinen schwarzen Schweine, die allenthalben herumlaufen, und bemüht sich im vollen Ernst seiner Bürde, die Taten des Tags aufzuklären. Er hat Falten bekommen und seine Augenringe geben bered Auskunft von der großen Müdigkeit, die auf ihm liegt. Denn wer erfolgreich stehlen will, der braucht die tiefe Nacht. Wer aber die Diebstähle aufzuklären trachtet, muss früh aus dem Bett springen – solange die Spur noch frisch ist.

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