Leander Sukov

Schreiben.

Der Boxer

Posted on | Juni 10, 2014 | No Comments

Boxing_Tournament_in_Aid_of_King_George's_Fund_For_Sailors_at_the_Royal_Naval_Air_Station,_Henstridge,_Somerset,_July_1945_A29806Sholto hielt die Deckung so gut es ging oben. Der andere war flink und er schlug hart. Zehn Jahre jünger war der und sein Kampfrekord konnte sich sehen lassen. Dreißig Siege in fünfundreißig Kämpfen und alle durch Knockout. Sholto musste aufpassen. Aber aufzupassen fiel ihm mit jeder Runde schwerer. Sechs Runden hatte er den Schlägen des Jüngeren standgehalten. Hatte die Treffer weggesteckt. Sein linkes Auge schwoll zu. Seine Arme schmerzten, die Beine fühlten sich müde an. Er versuchte seine Jabs anzubringen, versuchte mit Geraden durchzukommen. Aber es war sinnlos. Er würde diesen Kampf verlieren. Daran gab es keinen Zweifel. Ein Lucky Punch konnte ihn noch retten, aber nach einer glücklichen Wendung sah es nicht aus.
Sholto klammerte bei jeder Gelegenheit. Hielt den anderen fest. Ließ sich nur widerstrebend vom Ringrichter trennen. Wenigsten nach Punkten verlieren. Nicht auf die Bretter gehen. Wann war er das letzte Mal auf die Bretter geschickt worden? Das mußte zwölf, dreizehn Jahre her sein. Das war noch in seiner Amateurzeit. Er zog Luft durch die Nase ein, blähte die Nüstern, versuchte genug Sauerstoff in die Adern zu saugen, um wieder nach vorn zu kommen. Immer die Decken oben lassen, auch wenn die Arme schmerzen. Den Jab anbringen, die rechte Gerade abfeuern. Er traf ins Leere. Jeder Schlag in die Luft kostete Kraft.
Der Gong.
Er hörte dem Trainer nicht zu. Der Trainer sprach durch eine Nebelwand. Es war Sholto egal, was er sagte. Tips nützten ihm nichts, für Analysen war es zu spät. Nur den Kampf überstehen.
Der Gong.
Er sah den Schlag nicht. Sholto fühlte, wie er wankte, dann knickten die Beine ein. Bei acht war er wieder hoch. Die Deckung. Immer auf die Deckung achten. Der nächste Schlag erwischte ihn an der Schläfe. Diesmal hatte er ihn kommen gesehen, aber er hatte nicht mehr die Kraft auszuweichen. Der Schlag tat nicht weh. Er spürte ihn nicht, spürte nur, wie seine Knie weich wurden und seine Beine wieder einknickten. Einen Moment lang dachte er daran aufzustehen, wieder aufzustehen. Er wußte, daß er es schaffen könnte, auf die Beine zu kommen. Zwei Niederschläge waren kein Aus.
Aber dann ließ er es. Er blieb einfach sitzen. Einfach sitzen bleiben, dachte Sholto, einfach hier sitzen bleiben. Bis in alle Ewigkeit.

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