Der Arzt

Die Arzthelferin erschien in der Tür, sagte sie ginge nun, Feierabend sei’s, ob noch etwas wäre. Er zuckte mit den Schultern, machte eine schlaffe Bewegung mit der Hand, veränderte dabei kaum seine Körperhaltung, starrte weiter aus dem Fenster der Praxis, hörte die verhallenden Schritte der Frau, das Schließen der Tür, atmete nicht auf, obwohl er erleichtert war, dass er sich nun allein in den Räumen befand, verblieb in seiner leicht zusammengesunkenen Haltung für noch einige Minuten, stand dann auf, langsam, unter Mühen, atmete schwer dabei, schlurfte zum Fenster, starrte auf die Straße, die er indes kaum wahrnahm, wirbelte plötzlich, als hätte ihn eine jäh in ihn dringende Agilität überfallen, herum, eilte zum Schreibtisch zurück, ließ sich wieder in den Bürostuhl fallen und griff zum Telefon.
„Herrn Dr. Markgraf“, sagte er, schwieg dann und wartete. „Frank, hier ist Konrad. Was? Ja, ja, ich weiß. Treulose Tomate ich.“ Pause. „Ja, alles gut mit der Praxis. Läuft. Ich rufe an, Frank, weil ich, also, ich, ich weiß gar nicht was ich sagen soll oder nein: Wie ich es sagen soll, Frank, hörst Du zu?, ja, also Frank, ich kann nicht mehr.“ Pause. „Ja, ich bin völlig am Ende Frank, völlig.“ Sie vereinbarten zusammen zu Abend zu essen. In der Praxis. „Ich bringe was mit. Vom Italiener“, sagte Frank. Dann legten beide auf. Und Konrad saß wieder still, zusammengefallen, an seinem Schreibtisch. Saß regungslos, schweigend, starrend, wartend. Drückte dann auf den Türöffner, als es schellte, blieb aber sitzen, verblieb wie er war, zur Seite gedreht, grau, fahl, versunken in sich, ins Leben, ins Nichts. Frank erschrak, wie er später ins Patientenblatt schrieb, wegen der ganzen Erscheinung der Gestalt. Die dann langsam kauend, zeitlupig, stockend ihr Leiden zu beschreiben suchte, bis Frank dem Einhalt gebot. Da waren keine weiteren, unter hoher Anstrengung hervorgepressten Wörter mehr nötig. „Ich weise Dich ein“, sagte Frank, „ich weise Dich ein und Du bleibst so lange es dauert. Einverstanden?“ Die Gestalt nickte.

Konrad saß auf dem Bett in seinem Zimmer. Er blickte hinaus. Sah nichts als die Wipfel der Buchen vor dem Gebäude, hörte nichts als die Schritte auf dem Gang, als das Rauschen der Blätter, als seinen eigenen Atem, aber er fühlte sich ganz und gar unbedrückt unbeschwert, leicht fast, innerlich leicht fast. Er saß auch hier zusammengefallen, aber das war nun nur äußerlich. An diesem Ort war er in Sicherheit. Was immer auch an ihn herangetragen werde würde – es lege ganz und gar außerhalb seiner Entscheidung, seiner Verantwortung, alle Konsequenz wohnte außerhalb seiner Handlungen, er war losgelöst von der Welt, ja: Losgelöst von der Welt, so kam es ihm vor und so war es deshalb, weil hier nun alles so war, wie er es sich ausmalte, wie er es sich spinntisierte, zusammenbaute, erschuf. Er war Herr seiner selbst, weil er gerade das nicht war.

Die sich aufhellende Stimmung wurde wohl bemerkt. Der Stationsarzt, den er nicht kannte, der jedoch mit Frank befreundet war und dem er deshalb Vertrauen schenkte, deutete schon nach gut zehn Tagen an, man könne ihn, Konrad, nun entlassen. „Bald hat die Welt Sie wieder, Herr Kollege“, sagte der Arzt. Das war Konrad nicht recht. Gar nicht. Er wollte nicht wieder der Welt gehören. Sklave der Welt sein, wollte keine Formulare ausfüllen, keinen Bankgeschäften nachgehen, sich nicht in verantwortlicher Funktion Krankengeschichten anhören, wollte nicht, wollte das nicht, auf keinen Fall. Sich auf der Welt Territorium bewegen müssen war ein Albtraum, ein Schrecken, schon der Gedanke erschöpfte ihn. Er wollte hier bleiben, hier, in dieser Antiwelt, in diesem Außerhalb.

Als er ging, als man ihn aus diesem Garten Eden fortschickte, als sich die große gläserne Portaltür des Krankenhauses hinter ihm schloss und er im Taxi saß, da erfasste ihn die Welt wie eine riese Woge, ein Kravenzmann aus Dreck, Schleim und Unrat, aus dem verquollenem Fleisch seiner toten Eltern, aus Erinnerungen und Notwendigkeiten. Und er schrie. Noch bevor der Wagen sich in Bewegung setzte schrie er, Laut, mißtönend, gellend. Und er schrie noch, als er wieder in dem Zimmer war, das er keine halbe Stunde zuvor verlassen hatte. Dann weinte er, weinte hemmungslos. Vor Glück, wieder zurückgebracht worden zu sein und vor Angst davor, dass es wieder zu Ende gehen könne. Er weinte, während man ihm das Abendbrot brachte und bei der Medikamenteneinnahme. Er weinte noch, als er allein im Zimmer nun, sich aus seinem Oberhemd eine Schlinge flocht und sein Weinen erstarb erst mit ihm.

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