Leander Sukov

Schreiben.

Biermann und ein Gedicht für das Brauereiwesen

Posted on | August 25, 2017 | No Comments

Heute morgen, nur das ist der Anlass dieses irgendwie ganz gestrigen Postings, meldete der Bayrische Rundfunk, den ich gerne zu Kipf und Kaffee am Morgen höre, dass der Biermann auf eine Art Wahlkampftour geht. Unter dem Titel „Demokratie feiern – Demokratisch wählen“ wird der Dichter in mehreren Städten für ausgewählten Jugendlichen singen und mit ihnen diskutieren. Das ist, selbst wenn sie von Biermann kommt, keine schlechte Sache. Allerdings wäre es mir lieber, andere täten es an seiner Stelle. Es gehört sich nicht hier Vorschläge zu machen, wer will schon in einem Atemzug mit Biermann genannt werden. Aus der, ja nur gedachten, Alternative würde so ein gefährlicher Popanz werden. Das mag ich nicht verantworten.

Es gab Zeiten, da habe ich Biermann gemocht. Und deshalb will ich nicht verhehlen, was mir an ihm zuwider ist. Es ist nicht der politische Kurswechsel von einem demokratischen Kommunisten zu einem, vermutlich immer noch demokratischen, bürgerlichen Konservativen. Nein, das ginge schon klar. Es sind zwei andere Momente.

Zum einen die Erkenntnis — sie traf mich jedoch erst in meinem späten Teeniejahren –, dass viele seiner so hochverehrten Gedichte gar keinen erkennbaren Inhalt haben, wenn man aufhört, ihnen einen zuzuschreiben.
Haben Sie sich schon einmal mit „Soldat, Soldat“ beschäftigt. Da wird der Krieg zum Naturereignis, da hat die Welt einen Sprung, an dem die Soldaten stehen, die sich alle gleich sehen. Angesichts der deutschen Geschichte eine wagemutige Reimerei. Nein, die Soldaten der Alliierten waren nicht die Soldaten der Wehrmacht, nicht die der Waffen-SS. Und sie sahen sich auch nicht gleich. Die schwarzen GIs sahen den von Rassedünkeln und der „Überlegenheit des arischen Blutes“ zu tiefst überzeugten Soldaten Hitlers nicht einmal ähnlich. Die indischen Gurkhas hatten nichts gemein mit den japanischen Herrenmenschendarstellern. Da war nichts ähnlich. Durch viele Gedichte Biermanns zieht sich ein inhaltsloser Gefühlsschleim, der beim Hörer und Leser zu einer Fehleinschätzung dessen führt, was der Dichter wirklich schreibt und singt.
Es gibt andere. Hugenotten-Friedhof zum Beispiel oder „Die hab ich satt“. Das sind wundervolle Gedichte. Aber diese anderen wiegen die Wüsteneien nicht auf. Nehmen Sie sein berühmtestes Lied „Ermutigung“. Da ist nichts. Es spricht nicht aus dem Dichter (das „Lyrische Ich“ ist ja auch immer eine Entschuldung für Schnulzentum. Das gilt selbstverständlich auch für mich). Das Poem fordert zu allerlei auf: man solle nicht zu hart sein, nicht zu spitz, nicht zu bitter, nicht verschreckt usw. Es deutet an, da käme noch etwas: der „große Streit“. Aber es ist nichts in diesem Gedicht außer Gefühl, außer Wortkombinationen, die eine, das will ich gerne konzedieren, solidarische Heimeligkeit transportieren. Da konnte man sich mit sechzehn Jahren in den Armen liegen. In Wirklichkeit aber hat man einem Schlager zugehört. Einem guten Schlager, aber eben einem Schlager. Biermann hat uns alle verhohnepiepelt.

Es ist nicht schlimm, dass ein Dichter weiß, wie man aus Wörtern Worte formt, die Gefühle auslösen. Ich würde mir in die Tasche lügen, wenn ich das Gegenteil behauptete. Aber man darf die Hülle, die damit gebildet werden kann nicht für den Wein verkaufen, den man nicht hineingeschüttet hat. Biermanns Schlauch war immer nur halb voll. Das ist schade.

Jedenfalls … diese Radionachricht hat mich dazu veranlasst schon gestern in einer Diskussion ein Gedicht zum Besten zu geben, das ich vor 12 Jahren schrieb. Ich war damals gerade nach Berlin gezogen und wollte mich persönlich mit den Adlern bekannt machen, die doch so wichtig in Biermanns Gedicht vom Preußischen Ikarus sind. Und als ich da stand, da verlor ich den Biermann ganz aus dem Herzen. Ich sah die Adler. Ich erinnerte den Text. Und ich sah, wem ich als Kind und Jugendlicher vor Jahr und Tag auf den lyrischen Leim gegangen war.

Da habe ich dann nicht mehr geglaubt, dass diese Vögel aus Gusseisen ihm, dem Dichter, wirklich „verhasste Vögel“ wären. Da kam es mir so vor, als wolle er in der letzten Strophe des Gedichtes sagen, er stürze nur ab, weil da noch die Teilung sei, und dass er ohne diese Teilung fliegen würde, hinaufsteigen an den preußisch-blauen Himmel, mit den preußischen Gusseisen-Schwingen.
Und während viele, auch ich, voll freudiger Furcht und ängstlichem Enthusiasmus den Fall des Stacheldrahtes erlebten und viele von uns, die Geschichte Deutschlands in Kopf und Gliedern, daran gingen gegen die neu erstehende Idee vom Deutschen Wesen, an dem die Welt genese solle, zu kämpfen, veröffentlichte Biermann Artikel im Spiegel und forderte Auslandseinsätze und mehr Krieg.
Da erkannte ich die zweite Bedeutung, die verdeckte Bedeutung, aus Soldat, Soldat: Eine Zeile gegen den Krieg per se kommt im Biermann’schen Poem gar nicht vor.
Auf dem Rückweg in die Wilhemstraße kehrte ich auf ein Bier in einer Kneipe ein und schrieb das folgende Gedicht:

Sonett fürs Brauereiwesen

Die Weidendammer Brücke hält
zwei eiserne Adler über die Spree.
Ich hab mich vor einen hingestellt.
Das harte Eisen tat mir weh.

Und ich spürte zwar den Eisenguß,
doch mir wuchsen keine Schwingen.
Ich war kein Preußischer Ikarus.
Es wollte mir nicht gelingen.

So ging ich und ließ die Adler steh’n.
Und als ich mich umsah nach dem Fluß,
da war mir, als würd ich versinken seh’n
ein falsches Idol aus preußischen Guß.

Und die Wellen der Spree trommelten sacht
den Takt des Soldatenlieds in die Nacht.

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