Leander Sukov

Schreiben.

Alsenburg

Posted on | September 18, 2017 | 2 Comments

Der drahtige alte Mann drehte unruhig das Bierglas zwischen den Händen, nahm die Hände vom Glas, schob seinen Hut auf dem Kopf hin und her, spielte mit dem kleinen Kornstamper, dann hieb er unvermittelt mit beiden Händen auf den Tisch, mit den flachen Händen. Zwei schwielige Hände gewaltigen Ausmaßes trafen die Resopaltischplatte. „Hugo“, schrie der Alte, „Hugo! Was ist das hier für ein Publikum in Deiner Kneipe. Hugo! Wo kommen die Burschen her! Das sind SS-Angehörige. HUGO! SS-ANGEHÖRIGE! Das geht doch nicht Hugo! Das geht doch nicht! Die sabbeln hier von ihren Einsätzen rum. Ein viertel Jahrhundert nach dem Krieg, HUGO! EIN VIERTEL JAHRHUNDERT NACH DEM KRIEG MUSS ICH IN D E I N E R K N E I P E an einem Tisch mit diesen Saftsäcken sitzen! Hugo! Wirf die raus!“
Hugo näherte sich vorsichtig dem Tisch. „Waldemar“, sagte er, „Waldemar, dass sind doch auch Gäste.“
„AUCH GÄSTE?“, brüllte Waldemar. „Die haben Massenmorde begangen. Wirf die raus. Ich sag es im Guten, Hugo, wirf die raus!“
Hugo schwieg. Die SS-Männer lachten. Und einer soll gerufen haben, jetzt sei aber Schluß. Sie hätten für Deutschlands Ehre gekämpft. Und sie würden wissen, was Blut und Ehre heißt.
Waldemar griff sich den, der links von ihm saß, zog ihn über den Tisch, die Gläser fielen herunter und zerbrachen. Dann schob er den zappelnden ehemaligen SS-Mann an den Rand und ließ ihn auf die Beine der beiden anderen fallen, griff den Tisch, stemmte ihn hoch und warf ihn in den Raum. An den anderen Tischen waren die Zecher aufgestanden. Waldemar zerdepperte ein paar Stühle auf dem Tresen und warf die Beine der Sitzmöbel zwischen die Flaschen. Inzwischen war der Laden leer. Auch die SS war geflohen. Nur Waldemar und Hugo waren noch da.
„Ich zahl das natürlich“, sagte Waldemar. „Aber ich komme nicht wieder in die BURG. Ich komm nicht wieder Hugo. So geht das nicht.“
Waldemar wartete vor der Tür auf die Polizei. Er hatte einen ordentlichen im Tee. Aber er war auch mit 75 noch fit. Das freute ihn. Er gab den Polizisten seinen Ausweis und alles zu. Dann ging er von der Alsenstraße in die Langenfelder. Vielleicht pfiff er die „Kedelklopper“ oder sang „La Paloma“.
Waldemar war mein Großvater. Und mit 75 kassierte er eine scharfe Verwarnung der Gerichtsbarkeit und 25 Tagessätze á 20 Mark. Er zahlte im Stück. Und erzahlte gerne. Das war es wert. Ich habe volles Verständnis für ihn.

Comments

2 Responses to “Alsenburg”

  1. Eine ganz unglaubliche Geschichte….

  2. Fertig mit Märchenstunde

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