Achtundzwanzigster Juli Zweitausendundzehn
Posted on | Juli 28, 2010 | No Comments
Das Literaturkraftfahrzeug
Sie fährt. Ich habe gar keinen Führerschein. Nacht, Berlin. Regen fällt leicht, die Luft ist kühl. Der Asphalt glänzt. Ganz new-yorkish ist der Potsdamer Platz. Ich blicke durch das Fenster im Verdeck. Rot, grau und silbern die Hochhäuser, das Ritz ganz Dreißiger. Dann vorbei an den Botschaften, auf der anderen Seite der Park. Und immer weiter.
Nachts im Auto durch die Großstadt. Ziellos. Wahllos die Straßen gewählt. Immer im Kreis herum. Die Frankfurter Allee hinauf, an der Spree entlang, am Landwehrkanal, am Denkmal für Rosa Luxemburg vorbei. Im Radio spielen White Lounge. Während sie ziellos mit mir durch Berlin fährt, lese ich laut aus dem Typoscript meines Romans. Manchmal unterbricht sie mich: Da fehlt doch was … und: Das muss Du nochmal überarbeiten.
Sie fährt. Ich habe gar keinen Führerschein. Nachmittags meistens geht es los. Früher schaffen wir es selten. Alles im Auto verstaut: Bücher, den Ordner mit den Blättern für die Lesung, Mikroständer, kleine PA, nachsehen, ob ich auch die Brille dabei habe. Dann die Zieladresse in das Navi eingeben und losfahren. Durch den Berufsverkehr. Dann auf die Autobahn. Immer schön die Vorschriften einhalten. Wir können Punkte nicht gebrauchen. Ohne Führerschein wird es schwierig mit den Lesungen in den Off-Locations. Wie sollten wir das Equipment mit der Bahn transportieren?
Haben wir noch ein Hörbuch? Nein? Aber wir hören IMMER Hörbücher auf der Autobahn, diesem Kraken mit den vielen Tentakeln. Also an der nächsten Raststätte raus. Immer die gleichen Hörbücher. Immer die gleichen SCHLECHTEN Hörbücher. Egal. Hauptsache jemand erzählt uns etwas. Mittelalter oder seichter Krimi?
Und dann wieder auf die Autobahn. An Lasterschlangen vorbei. Das könnte alles auf die Schiene. Wir auch. Aber wir haben zu viel Gepäck und zu wenig Geld. Es ist für uns billiger, mit dem Auto zu fahren. Viel billiger.
Sie fährt. Ich habe gar keinen Führerschein. In das Navi haben wir "schöne Strecke" eingegeben und dann "nach Hause". Wir fahren vorbei an alten, kleinen Orten, an Burgen und Schlössern, fahren über Höhenstraßen. Vor uns eine Hügellandschaft. Wir fahren durch alte Alleen, wir fahren über Chausseen. Ist der Mann, der da an einem Gatter steht nicht Theodor Fontane? Winkt uns da nicht Effi Briest? Kreisen noch die Raben um den Kyffhäuser? Waren wir schon mal in Erfurt? Lass uns da essen zur Nacht. Bis wir in Berlin sind, ist es zu spät. Und die Raststätten …? Nein, Erfurt. Wie schön ist es hier. Hier wollen wir bleiben. Aber wir müssen zurück nach Berlin. Noch heute Nacht.
On the road again. Willie Nelson für den Start. Keine Hörbücher auf Landstraßen. Das ist ein Gesetz. Die lenken nur ab von den Bildern, die allenthalben vor die Windschutzscheibe geschoben werden. Von Bäumen und Feldern, von Häusern und Schlössern, von Landmarken.
Sie fährt. Ich habe gar keinen Führerschein. Wir müssen noch Fotokopien machen, bevor es wieder losgeht, auf die Autobahn. Die Sonne brennt. Wie ist der Kilometerstand 222 381. Ein gutes Auto. Ein Literaturkraftwagen. Hält durch, das Ding. Haben wir Paracetamol dabei? Ich bekomme immer Rückenschmerzen vom langen Sitzen im Auto. Bahn wäre manchmal wirklich besser. Aber dann wären wir gar nicht in Erfurt gewesen. Und Effi Briest hätte nicht gewunken. Und wir wüssten nicht, dass über dem Kyffhäuser keine Raben kreisen und trotzdem kein Kaiser über uns gekommen ist, wie ein Kolbenfresser.

















www.unruhestiften.de
