Leander Sukov

Wörter

Der Dorfpolizist

In einer warmen mondlosen Nacht – bleierne Müdigkeit lag auf ihm – bog Alfredo Farriar mit seinem Dreißigtonner in den kleinen Weg ein, der von der Hauptstraße aus, vorbei an Rosis Bar – einer von der Besitzerin mit Herzenskälte und Blick auf die Umsätze geführten Kaschemme – zu seiner Hütte führt, in der er mit [...]

Sonett 66–William Shakespeare

Zum Todestag des großen Dramatikers – sein Sonett 66 Fertig von all dem, schrei ich nach Ruh im Tod, ich seh ja den Verdienst zum Bettler schon gebor’n Und leeres Nichts treibt’s ausgelassen trotz der Not Und gegen Treue, wird Meineid nur geschworn Und alle Ehre stellt man an falschen Ort, Und Unberührtheit wird zur [...]

Im Hörsaal

Die Nacht vor fünfunddreißig Jahren erinnerst Du Dich noch Marie an jenen Frühling und die roten Blüten, Marie an jenen Sommer auch und an den silbrigblassen Herbst? Die Nacht vor fünfunddreißig Jahren als Du, als ich mit den Genossen die kalten Argumente uns auf die Köpfe legten gegen das viel zu heiße Blut. Sie kühlten [...]

Der Herr der Fliegen

der herr der fliegen sendet seine stählernen untertanen zu den kindern zu den frauen sie tragen die ewigkeit in den schlaf in den schwarzen schlaf sie schwirren über das dorf sie dringen durch die dächer der herr der fliegen streichelt seine insekten vor ihrem flug sie tragen die kinder fort ins grauen.

Jolanta, Jolanta

Übers Pflaster aus Schädeln vorbei an den Sterbenden durch den Dunst des Ghettos durch den Gestank der SS den Henkel ihrer Tasche mit festem Griff umschlossen trägt Irena Sendlerowa Jolanta, Jolanta die Kinder aus dem Tod ins Leben. Und sie schweigt unter der Folter. Und sie sieht aus zugeschwollenen Augen die Apfelbäume blühen in ihrem [...]

Leipziger Buchmesse 2013

Diese Leipziger Buchmesse hatte einen anderen Impetus, als die vorherigen. Ich konnte, ja, ja, ich weiß, das ist übertrieben, körperlich spüren, dass etwas geschehen sein musste. Auf der Metaebene, also im Allgemeinen, in jenem nicht leicht zu fassenden Distrikt, in dem sich Variationen des Üblichen ereignen. Die Messe selbst war da nur der Ereignishorizont dessen, [...]

Du schläfst

Du schläfst – ganz in Dich gekehrt bist Du mir fern. Du schläfst – ganz fort von allem bist Du mir fern. Du schläfst – ganz in Träumen bist Du mir fern. Du schläfst – ganz wach warte ich auf Morgen.

Bei Sozialdemkratens

Heute Nachmittag zur Verleihung des Bebel-Preises an Wallraff. Die Laudatio sprach Willi Winkler, auch Günter Grass, der den Preis gestiftet hat, sprach. Die Eröffnungsrede hielt Gabriel. Die SPD, so der Vorsitzende der Partei, bei der der Kaffee für die Gäste 1,50 € kostet, sei eine Partei, die sich in ihrer 150jährigen Geschichte für nichts schämen [...]

Über diese steinige Brücke geht der Wähler nicht

Liebe SPD, ich glaube ja nicht, dass Merkel wegen eines Frauenbonus Kanzlerin ist. Aber wenn es so wäre, dann wär klar: Mit einem Frauenbonus kann man Kanzlerin werden. Sicher ist: mit einem Dämlichkeitsmalus geht’s nicht. Euer Kandidat hat offenbar nicht mehr alle Steine auf der Brücke; glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet mit dem Mitleidseffekt noch [...]

Ägyptisches Sonett

Das Kind kann ohne Hilfe kaum noch stehen. Neun Jahre alt sei es, sagt eine Stimme aus dem Off. Der alte Mann kann nur gestützt und schlurfend gehen, Und blutig rot verkrustet trägt diese Frau dort ihren Schopf. Sie kommen aus dem Bau der neuen Herren. Das Kind, die Männer und die Frauen. Die Polizei [...]

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  • Kulturmaschinen Termine

    • Events on 08.05.2013
      • Kuturmaschinen-Autor Hans Bäck liest in Kindberg

        Start: 08.05.2013, 19:00

        Location: BORG Kindberg

        Description: Hans Bäck, dessen wunderbarer Roman "Lautsprecher in den Bäumen" bei den Kulturmaschinen erschienen ist, liest in Wien. Hans Bäck kann nicht nur, das sei der guten Ordnung halber berichtet, wundervoll schreiben, sondern auch ebenso lesen. Ein kurzweiliger Abend wird es werden, des' sind wir uns sicher!

        Der Niedergang des Sozialismus, die Privatisierung eines Stahlwerks in Russland bilden die Folie für eine Liebesleidgeschichte voller Romantik und bar jeden Kitsches.

        Versäumen Sie es nicht!

        https://www.facebook.com/events/600896109920873/

    • Events on 20.05.2013
      • Irene Runge liest in Berlin

        Start: 20.05.2013, 18:30

        Location: Cafe Sybille

        Description: Im ANTIFA Jour fixe der Berliner VVN/BdA liest Irene Runge aus ihrem neusten Buch "Wie ich im jüdischen Manhattan zu meinem Berlin fand".
        Das so vielgestaltige amerikanische Judentum wurde für Irene Runge in Manhattan zum Lebenselixier. 1942 dort als Kind kommunistischer Emigranten geboren, ging sie mit den Eltern 1949 in die DDR. Sie lebte und lebt noch heute in Berlin.
        Irene Runge, Publizistin und promovierte Soziologin schreibt seit Jahren über jüdische Themen, urbanes Leben und Minoritäten (u.a. Himmelhölle Manhattan, Sechs Wochen Jerusalem, Du sollst nicht immer Holland sagen, Fremdenhass DDR, Ich bin kein Russe). Sie gehört zum Herausgeberkreis der Blätter für deutsche und Internationale Politik.
        Das Buch streift ihre Kindersicht der DDR-Frühgeschichte, kulturpolitisch, zeithistorische, DDR-spezifische, linke, und jüdische Zusammenhänge, die auch heute noch erstaunlich unbekannt sind.
        Veranstaltet durch: Berliner VVN/BdA

        18:30 Uhr
        Cafe Sybille
        Karl-Marx Allee 72
        10243 Berlin
        Weitere Infos: http://berlin.vvn-bda.org

        https://www.facebook.com/events/432065296889593/

    • Events on 22.05.2013
      • Heinrich von der Haar liest in Rathenow

        Start: 22.05.2013, 19:30

        Location: 14712 Rathenow, Schleusenplatz 4

        Description: Mi 22.05.
        Rathenow
        19:30 | Stadtbibliothek 14712 Rathenow, Schleusenplatz 4. Mit musikalischer Begleitung durch das Gitarrenensemble, Leitung Frau Laade. Moderation Rita König. Info 03385 512683. Eintritt 4 €.

        Heinrich von der Haar liest aus dem neuen BerlinRoman DER IDEALIST in Rathenow.

        Begleiten Sie den jungen Münsterländer, der Anfang der 70er Jahre fort vom brutalen Vater und der Enge des erzkatholischen Dorfes nach West-Berlin flieht und in die Studentenrevolte gerät. Erleben Sie das Ringen um Ideale und Kompromisse, um Engagement und Aufstieg, um Wegwollen und Versöhnung mit seiner Herkunft. Eine bedrängende und zugleich beflügelnde Welt.

        Der junge Bauernsohn, der Kinderarbeit am eigenen Leib erfahren musste, ist froh, der strengkatholischen, dörflichen Enge zu entkommen. Er erlebt das West-Berlin der 70er Jahre zerrissen zwischen studentischer Kommune und Einsamkeit, freier Liebe und Entsagung, Aufbegehren und Sicheinfügen.
        Und die Schatten der Vergangenheit holen ihn ein – die Gewalt, die ihm angetan wurde, und alte Schuldgefühle. Für seine Heimat empfindet er Hassliebe und hadert damit, als schwarzes Schaf vom Vater verdammt zu sein. Umso mehr engagiert er sich für Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Seine Hoffnungen setzt er auf die nächste Generation, die selbstbewusster und selbstverantwortlicher handeln und leben soll.
        Als der junge Lehrer schließlich vor Berufsschülern steht, glaubt er, dass er endlich etwas verändern kann – was er jedoch erntet, ist eine erstaunliche Wut, und die eskaliert.

        Der Roman handelt von der Kraft des Ideals. Gewalt und Armut machten den Helden zum Idealisten. »Ideale sind wie Brot und Milch. Ohne sie könne er nicht leben«, heißt es im Roman. Einen Idealisten als Romanheld? Die Ideale sind doch ruiniert! Was rettet dann noch den Idealisten?, möchte man einwerfen. Doch der Roman zeigt: Ein Ideal macht den Held nicht blind und taub, sondern hellsichtig und kampfeslustig. Immer wieder muss er sich verändern und die Häutung des Idealisten verschiebt die Sicht auf das Leben.

        Der Autor erzählt mal nüchtern, mal humorvoll, mal traurig, mal witzig, aber immer poetisch eindringlich. Das Verschmelzen der persönlichen Erfahrung mit der jüngsten deutschen Geschichte verhilft dem Erzählten zu eindringlicher Authentizität.

        Natürlich wird Heinrich von der Haar gern mit den Anwesenden über den Roman diskutieren.

        Die Website des Schriftstellers: http://www.heinrichvonderhaar.de

        Leseprobe aus DER IDEALIST

        „Das helle Geschrei der Wildgänse zieht südwärts in der Septembersonne vorüber. Ich trete von einem Bein aufs andere. Die Arme hängen schlaff. Der rechte Daumen auch. Willst du Anhalter wirklich fort, wie die Zugvögel hoch oben? Sieben Uhr. Die Glocken der Heilig-Geist-Kirche lärmen zum Abschied. Die Stunde null. Nach der Flucht aus Steinhop hast du dir mit der Zauberformel Ich-will-Pfarrer-werden die Oberschulpforte geöffnet. Und auf diesen Tag hingelebt. Sind die drei Jahre bischöfliches Kolleg tatsächlich vorbei? Jeden Morgen zum Frühstück Vokabeln gepaukt, mittags Gleichungen gelöst und zur Abendsuppe konjugiert: libero, liberavi, liberatum. Selbst Klassenlehrer Hoppe hat gezittert, ob es zur Reife reicht. Und dir gratuliert. Es hat gereicht! …“

        Heinrich von der Haar wuchs im Münsterland mit zehn Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof auf und arbeitete als Kind in der Landwirtschaft und der Fabrik. Nach der Volksschule, Handelsschule und einer Banklehre erreichte er das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg am bischöflichen Kolleg in Münster. Er studierte in Augsburg und Berlin Soziologie, Philosophie, Betriebswirtschaft und Wirtschaftspädagogik. Er schloss sein Studium mit einer Promotion ab. Und lebt seit 1970 in Berlin.

        Sein Münsterland-Roman MEIN HIMMEL BRENNT, der im Jan. 2013 Kulturmaschinen Verlag neu erschienen ist, hat im Romanwettbewerb der Romansuche.de den 1. Preis gewonnen.

        Leseprobe aus MEIN HIMMEL BRENNT

        „... Wie Laurentius über dem Feuer braten, hält man nur als Heiliger aus. Ich will auch Märtyrer werden und versuch, erst bei der zweiten Ohrfeige zu weinen, dann kann man mich nicht zur Tante Maria weggeben und die Löwen fressen mich nicht. Später schleich ich über die schwarzweißen Flurfliesen in die beste Stube, zur Vitrine, und bestaun die Bilder der Heiligenlegende: Einer sticht man die Augen aus. Eine trägt ihre abgeschnittenen Brüste auf einem ovalen Teller vor sich. Blut schießt aus den Wunden wie beim Schweineschlachten. Einer wird zwischen den Beinen zersägt, einer mit dem Schleifstein aufgerieben. Das tut weh, wie wenn mein Finger beim Messerschleifen den Stein berührt. Lässt man sich wehtun und lächelt, kommt man in den Himmel. Nur Böse wehren sich.
        Plötzlich steht Vater hinter mir, ohrfeigt mich, reißt mir das Buch aus der Hand, stellt es in den Schrank und schließt zu ... „


        https://www.facebook.com/events/568702436507533/